Full text: Hessenland (3.1889)

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gehen und elf Jahre lang von seinen Brüdern 
2000 Gulden jährlich erhalten sollte. Auch seine 
Ansprüche an Hessen wurden ihm, wenn er dem 
geistlichen Stande untreu würde, auf's neue 
gewahrt. 
Es ist indessen nicht wahrscheinlich, daß er der 
artige Anwandlungen gehabt habe. Er war, wie 
erwähnt, 1464 bereits Domherr in Köln, 1465 
wurde er Dompropst in Fritzlar, und 1467 
Canouicus in Mainz.*) Er besaß also diejenigen 
Einkünfte, welche ihm volle Unabhängigkeit von 
seinen Brüdern gewährten, und konnte so dein 
hervorstechenden Charakterzuge seines Wesens, 
der Friedensliebe, nachgeben und die Vermittler 
rolle in den Streitigkeiten derselben übernehmen. 
Dazu bot sich die Gelegenheit bald. Denn 
im Jahre 1468 brach der beiderseitige Groll 
zwischen Ludwig und Heinrich zu offener Fehde 
aus. Das Land wurde dabei jämmerlich ver 
wüstet, Städte (wie Borken, Schwarzenborn), 
Dörfer und Burgen zerstört und Bürger und 
Bauern gefangen oder erschlagen. Bemerkens 
werth ist, wie die Zeitgenossen in diesem Streite 
übrigens mehr für Ludwig, den freimüthigen, 
unerschrockenen Kriegsmann, wie für Heinrich 
und seinen allmächtigen Günstling Hans von 
Dörnberg Partei ergreifen. 
Es war nicht abzusehen, wie die jammervolle 
Fehde enden würde, zumal Ritterschaft und 
Städte, entgegen dem Beschlusse des letzten Land 
tages am Spieß, in den Krieg hineingezogen 
wurden oder selbständig Partei ergriffen. Dort 
war man nämlich übereingekommen, daß die 
Stünde des gesammten Fürstenthums bei einem 
etwaige» Zwiste der Herren neutral bleiben 
wollten.*) 
Jetzt rüstete man sich aller Orten und setzte 
sich in Vertheidigungsznstand oder zog hinaus 
ins Feld (anfangs Januar 1769). 3 ) Allein 
Landgraf Hermann war nicht gemeint, das Land 
durch die Bruderfehde zu Grunde richten zu 
lassen. Er stnrdte Schreiben aus und setzte auf 
die Mitte des Februar einen Tag nach Fritzlar 
an. Und seine Vorstellungen fanden Eingang, 
zumal bei den Städten, wie es scheint.') Denn 
1) Joannis, Rer. Mogunt. vol. II, p. 367. Die 
irrigen Angaben bei Hoffmeister, Geneal. Handb. von.Hessen 
S. 16, sind danach richtig zu stellen. 
2 ) Rommel a. a. O. S. 23. 
8) Kasseler Stadtrechnungen, Hrsg, von Stölzel, 
Zeitschrift für Hess. Gesch. R. F. III. S. 23: „Item 23 
Schillinge für Pulverbudele ufs Raithues, als man die 
Thorne und Gewehr bestalt der Stadt Cassel." — „21 Sch. 
für Tuch zu Socken den Stadtknechten, als man zog ins 
Heer a. d. 69, Dienstag post Epiphanie." 
4 ) Ebenda: „Item 1 Pfund Bürgermeister Wyngart, als 
ir geredden was zu Fritzlar u f den Tag gein unsn g. 
Herren Landgrafen Hermann." 
sie fanden es für nöthig, sich ihm gegenüber zu 
verantworten und ihre Ehre zu wahren.') 
Am 20. März endlich erließ Hermann ein 
feierliches Ausschreiben an alle Ritter und Mann 
schaft, wie auch an Bürgermeister und Räthe 
der Städte sowohl in Hessen wie im Lande an 
der Lahn; er warf ihnen das Unrecht vor, das 
sie durch ihre Einmischung in den Streit be 
gangen hätten, und forderte sie auf, davon ab 
zustehen, widrigenfalls er sie als Miterbe des 
Landes zu Recht belangen würde. *) 
Die Rechnungen der Stadt Kassel aus jener 
Zeit lassen erkennen, daß ein sehr reger Verkehr 
unter den Städten selbst wie mit Landgraf 
Hermann und Landgraf Ludwig im Gange war. 
Die Boten gingen herüber und hinüber, nach 
Fritzlar, Homberg, Melsungen, Felsberg u. s. f. 
Mitte April finden wir Hermann wieder in 
Köln; 3 ) allein die Angelegenheit war in Fluß 
gebracht, die Städte hielten einen weiteren Tag 
ab ungefähr um dieselbe Zeit^), und die hadernden 
Landgrafen sahen sich bewogen einzulenken?) 
Am 25. Mai desselben Jahres erschienen beide 
Landgrafen am Spieß und beredeten eine neue 
Erbeinung mit einem Austrügalgericht zur Bei 
legung der beiderseitigen Irrungen?) 
Das Verhältniß Landgraf Hermanns zu seinen 
Brüdern war nach wie vor das beste. Namentlich 
war er mit Ludwig so vollständig allsgesöhnt, 
daß er ihm in eben dem Jahre 1469 einen 
trefflichen Sänger für seine Hofhaltllng empfahl: 
den später auch als Dichter bekannten Johann 
von Soest. Dieser damals noch sehr jugend 
liche Sänger war im Begriff, von Brügge, wo 
er sich zuletzt aufgehalten hatte, nach Rom zu 
wandern und bei der päpstlichen Kapelle Auf 
0 Ebendaselbst: „Item 4 Sch. Ciriacus dem Bodden, 
gesandt zu u. gn. Herrn Hermann gein Fritzlar mit der 
Vorwaren der Städte." Ueber die Bedeutung des Wortes 
„Vorwaren" siebe Schiller u. Lü b b e n, Mittelndd. Wb. 
2) Kalckho ff'sche Collectaneen zur Hess. Geschichte. St. 
Landesbibl. in Kassel, Mss. Hass. 4". 81. R o m in e l a. 
a. O. S. 41. 
8) Kasseler Stadtr. S. 28: Item 10 Sch. dem Bodden 
unßs gnüd. Herren Landgrafen Hermann gesandt gein 
Collen in Sache der Städte jenseit der Loyne, ihr Änt- 
wurt betreffen. 
0 Ebenda: Item 21 Sch. Hennen Pieker vor Bier ver 
trunken die Städte, als sie bei ein waren in Sache der 
Verwahrunge unßs gnäd. Herrn 7c. 
8) In den Kasseler Stadtrechnungen jener Tage findet 
sich öfter die Bemerkung, daß die Städte mit dem Land 
grafen Ludwig wegen der Landbede oder Landsteuer ver 
handeln (z. B. S. 27 u. 28). In den Chroniken jener 
Zeit (z. B. in der Reimchronik, Anal. Hass. Colt. V) wird 
gesagt, daß im Jahre 1469 Landgraf Ludwig den Rath 
von Kassel absetzte. Möglicherweise stehen diese Umstände 
untereinander im Zusammenhang, und die Städte machten 
durch die Weigerung der Steuer den Krieg unmöglich. 
l') Rommel a. a. O. S. 41 f.
        

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