Full text: Hessenland (3.1889)

127 
Hermann, Uanögraf zu Hessen, Wursürft und Erzbischof 
von Wln. 
Von Hugo Brunner. 
Die nachfolgende historische Skizze beschäftigt 
sich mit einem Manne, der in gefahrvoller Stunde 
mit unerschütterlichem Muthe die Rechte des 
Reiches vertheidigte; der nach dem Zeugniß 
seiner Zeitgenossen zu den trefflichsten Fürsten 
seiner Zeit gerechnet wurde. Die kurze Dar 
stellung seines Lebens, die ich zu geben beab 
sichtige, erhebt weniger den Anspruch, Neues zu 
bieten, als durch übersichtliche Zusammenstellung 
des verstreuten Materials auf die Bedeutung des 
Mannes hinweisen zu wollen, den das Hessen 
land mit gerechten! Stolze seinen Söhnen bei 
zählen darf. 
Landgraf Hermann war der dritte Sohn 
Landgraf Ludwigs I. von Hessen, des Fried 
samen.') Das Jahr seiner Geburt ist 1442, der 
Tag und Ort nicht bekannt. 
Frühzeitig wurde er zum geistlichen Stande 
bestimmt und, wie Rommel, Hess. Geschichte 
Bd. II. S. 347, ohne Quellenangabe freilich, 
versichert, in den Stifts-Kapiteln zu Fritzlar, 
Mainz, Worms und Köln erzogen. Er erhielt 
von seinem Vater eine jährliche Rente von 
2000 fl. ausgesetzt, das einzige, was dieser bei 
Lebzeiten ihm bestimmte. Denn da Landgraf 
Ludwig im Jahre 1458 ohne Testament aus 
dem Leben schied, erhob sich unter den beiden 
älteren Söhnen Ludwig und Heinrich eine 
Reihe bitterer Streitigkeiten über die väterliche 
Verlassenschaft, in welche anfangs auch Hermann 
mit hineingezogen wurde. Nach einer vorläufigen 
Landestheilung, kraft deren Ludwig als der 
ältere das Niederfürstenthum nebst der alleinigen 
Ausübung der Hoheitsrechte, Heinrich das Fürsten 
thum an der Lahn besaß, kamen die Brüder 
unter der Vermittelung des Herzogs Wilhelm 
von Sachsen und des Grafen Philipp von 
Katzenelnbogen, an dessen Statt der Graf Wilhelm 
von Henneberg erschien, im Jahre 1464 in Hers 
feld überein, die endgiltige Theilung durch ein 
von beiden Seiten ernanntes Schiedsgericht voll 
ziehen zu lassen. * 2 ) Bei dieser Gelegenheit wurde 
für Hermann, der damals bereits Domherr in 
Köln war, eine jährliche Rente von 1200 Gulden 
') Die Chronik des Anonymus bei Senckenberg, 
Sei. Zur. IV. 415, nennt ihn an 4. Stelle; in den 
Urkunden erscheint er dagegen an dritter. Da sein Bruder 
Friedrich in der Kindheit starb, ist es auch gleichgiltig, ob 
er vor oder nach diesem geboren wurde. 
2) Rommel, Hess. Geschichte, III. 21. — Kopp, 
Bruchstücke zur Erl. der deutschen Geschichte. II. 11 f. 
auf 10 Jahre ausgesetzt. Bliebe er aber nicht 
geistlich, so sollte ihm der dritte Theil des 
Landes ausgeschieden werden. 
Es dauerte ein ganzes Jahr, bis das Schieds 
gericht zusammen trat. Während dieser Zeit 
schlossen die beiden jüngeren Brüder sich eng an 
einander an, vermuthlich in der Besorgniß, durch 
den Erstgeborenen verkürzt zu werden. Im 
November 1464 trat Hermann sogar zeitweise 
seine Rechte an Heinrich ab.') Ja sie schlossen 
im April 1465 mit dem Grafen Wilhelm 
von Henneberg in Fulda ein Schutzbündniß 
ab, dessen Spitze sich gegen Landgraf Ludwig 
kehrte. Der erste Vertrag vom 18. April ist 
allgemein gehalten ; nur wird darin Ludwig 
unter denjenigen Fürsten, gegen welche derselbe 
wirkungslos sein soll, nicht genannt. Im zweiten 
dagegen vom folgenden Tage versprechen die 
beiden Brüder dem Grafen ausdrücklich eine 
Summe von 1000 Gulden für seinen etwaigen 
Beistand gegen ihren Bruder und damit 
er die im ersten Vertrage abgeredete allge 
meine Hilfe „auf diesen desto stattlicher thun 
möge." 2 ) Daß hierin mehr als eine Vorsichts 
maßregel für die bevorstehende Landestheilung 
zu suchen sei, glaube ich nicht; an eine solche zu 
denken liegt um so näher, als Graf Wilhelm 
im Jahre vorher zu Hersseld für Heinrich als 
Vermittler im Namen von dessen Schwiegervater, 
des Grasen Philipp von Katzenelnbogen, auf 
getreten war?) 
Im Mai 1465 trat das Schiedsgericht auf 
einem Landtag am Spieß, der alten Markscheide 
zwischen Ober- und Niederhessen, mit seinem 
Spruche hervor. Doch war auch dieser kein ab 
schließender, indem erst wieder eine Anzahl von 
Theilern ernannt werden sollten, um die beiden 
Landeshälften sorgfältig gegen einander abzu 
schätzen, damit keiner der Brüder vor dem andern 
etwas voraus habe.'') Es ist ein unerquickliches 
Schauspiel, dieser kleinliche Bruderzwist, so werth 
voll ihre Theilungsverzeichnisse auch für die 
Kenntniß des damaligen Landes sind. — Uns 
interessirt es hauptsächlich zu erfahren, daß 
Hermann, damals bereits 23 Jahre alt, ad studia 
') Kopp a. a. O. S. 13. 
2) v. Schalkes, Dipl. Geschichte des grüfl. Hauses 
Henneberg. II. 283 ff. 286 f. 
«) Was Rommel a. a. O. S. 22 sagt, ist allgemeine 
Redensart. 
*) Rommel a. a. O. S. 22.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.