Full text: Hessenland (3.1889)

9 
nter dem 
aöonnmbilöe. 
Von H. Reller-Iorösn. 
„Dieses ist der Lenbachsaal, Lucie, ich bitte 
ihn mit der gehörigen Andacht zu überschreiten." 
Die junge Blondine, mit dem modischrothen 
Costüm, welche diese Worte gesprochen hatte, 
wandte sich um und sah stolz, ob all' der Kunst- 
K ihrer Vaterstadt, in das blasse Gesicht 
Freundin, die ihr folgte. 
„Gehört alles zur naturalistischen Schule," 
fuhr sie diktatorisch fort, „die sich freilich bei 
Portraits nicht so entschieden ausprägen läßt." 
„Zur naturalistischen Schule" — ging es 
zagend über die Lippen der Anderen — während 
ihre sanften braunen Augen langsam über den 
halbdunkeln Raum glitten, der mit seinen 
Teppichen, Gobelins und den bedeutenden 
Köpfen an den Wänden, von einem mystischen 
Zauber durchweht war. Sie wandelte, wie 
im Traume, an den Bildern Moltke's, Bismarcks, 
Kaiser Friedrichs vorüber, bis zu der letzten 
ergreifenden Skizze Wilhelms L, die auf emer 
Staffelei stand und die in ihre nLinien und 
Furchen alle Sorgen und Kümmernisse der 
letzten neunzig Jahre trug. 
Ein Seufzer hob ihre Brust und in ihre 
Augen drängten sich aus dem Herzen herauf 
ein paar Thränen. 
Die junge Blondine in Roth, welche mehr 
mit den Menschen beschäftigt war, die den 
Raum füllten, als mit den Kunstschätzen an den 
Wänden, legte jetzt die Hand auf das schwarze 
Spitzenkleid Luciens und sagte in ihrer gewohnten 
Redseligkeit: 
„Gelt', Du hättest Dir unsere Münchener 
Kunstausstellung nicht so großartig vorgestellt, 
Lucie?" 
„Nein, gewiß nicht. Else — vor allen Dingen 
nicht so überwältigend." 
„Ueberwältigend? Wie meinst Du das?" 
„Äeil ich mir diesen Eindrücken und Kunst 
schätzen gegenüber so unwissend und klein vor 
komme, daß ich mich schäme." 
„Schäme?" fragte Else, während sie Lucie 
auf den Divan neben einen blonden Herrn zog, 
der im Studium seines Kataloges vertieft, 
mechanisch bis zur äußersten Ecke rückte. 
„Man hat eben", fuhr das blasse Mädchen 
mit gesenkten Augen fort, „in einer kleinen 
Stadt doch nur einen beschränkten Gesichtskreis 
und ist hauptsächlich auf den engen Verkehr mit 
der Natur angewiesen. Ich kann daher Vieles 
nicht verstehn, Else, was mir hier entgegentritt." 
„Das wirst Du lernen, sicherlich", sagte die 
Münchnerin mit gutmüthiger Ueberlegenheit, in 
dem sie die Hand tröstend auf Luciens Schulter 
legte. 
„Nicht alles. Ich glaube z. B. nicht, daß ich 
es je begreifen lerne, warum es Maler giebt, 
die so viel Talent, so viel Kunst und Farben 
schönheit an so häßliche Gegenstände verschwenden. 
Bedenke nur die entsetzliche Fischverkäuferin im 
französischen Saale." 
„Aber das ist ja gerade die Richtung der 
neuen Zeit", sagte Else belehrend, während sie 
mit einem Seitenblick auf den blonden Herrn, 
ihr rothes Kleid an sich zog, „die moderne 
Schule, die von Frankreich ausgeht und bei 
uns schon so viele Vertreter hat. Du würdest 
in den Gesellschaften anstoßen, wenn Du Dir 
dieses Verständniß nicht aneignen wolltest." 
Lucie richtete ihre sinnenden Augen auf das 
edle Gesicht Kaiser Friedrichs, dessen Bild ihr 
gegenüber hing und dachte darüber nach, warum 
sie durchaus schön und gut finden sollte, was 
ihrem Geschmacke widersprach. 
„Du bist doch, wie man allgemein in der 
Familie annimmt", fuhr Else fort, „poetisch be 
gabt, wirst vielleicht gar einmal im Stande 
sein, Selbstständiges zu schaffen —" - — 
Bei den letzten Worten Else's hob Lucie ihr 
ausdrucksvolles Gesicht und ihre Augen flogen 
ängstlich über den künstlerisch ausgestatteten 
Raum. „Man hat in der Literatur", fuhr Else 
— verständnißlos gegen Luciens Zartgefühl — 
fort, „ganz dieselbe Richtung, wie in der Malerei, 
und es ist jedenfalls geschmackvoll und zeitgemäß 
sich ihr anzuschließen." 
„Du meinst doch nicht Zola?" ging es ge 
haucht über des schönen Mädchens Lippen. 
„Nicht gerade Zola — wir jungen Mädchen 
sind ja — bis auf sein letztes Opus" „Le reve", 
was beiläufig gesagt entzückend ist — von dieser 
Lektüre ausgeschlossen." 
„Wie Du belesen bist, Else — ich — ich bin 
recht unwissend. Wer gehört sonst noch zur 
realistischen Schule?" 
„Ibsen — vor allen Dingen Ibsen — er ist 
ja der Messias einer neuen Zeit, Lucie, ich bitte 
Dich und Du wüßtest nichts von ihm? 
„Doch, ich kenne ihn, habe auch seine nordischen 
Bilder und seine Dramen hoch geschätzt — aber 
ich wußte nicht, daß er" — — 
„Um seine ganze Bedeutung zu' fassen, muß 
man das Leben der großen Städte kennen," 
unterbrach sie Else weise, „die Klippen der Ehe, 
in welchen die Frauen bis jetzt nur das Spiel 
zeug der Männer waren."
        

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