Volltext: Hessenland (3.1889)

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die sv gerne für Andere wirkte, schon seit Jahren 
dies starke Bedürfniß durch physisches Unvermögen 
nicht mehr befriedigen konnte. Schmerzlich er 
füllt hiervon schrieb mir Frau Dr. Claus vor 
etwa drei Jahren: „Ich, die nie gewöhnt war, 
viel Aufsehens von mir selbst zu machen, muß 
jetzt nur an meine Gesundheit denken und auch 
noch Anderen Sorgen bereiten. Das drückt niich 
fast noch mehr wie mein Leiden." 
Für ihr aufopferndes Wirken während des 
deutsch-französischen Feldzugs erhielt Frau Dr. 
Claus verschiedene hohe Auszeichnungen. Der 
Kaiser verlieh ihr das Verdienst-Kreuz für Frauen 
und Jungfrauen, der König von Bayern das 
Kvnigl. Bayerische Verdienst-Kreuz für die Jahre 
1870 bis 1871, der König von Sachsen das 
Königl. Sächsische Erinnerungskreuz für die Jahre 
1870 und 1871. Außerdem wurde ihr die Feld 
zugsmedaille für Nichtkombattanten zu Theil. 
Nur einmal habe ich Frau Dr. Claus im 
Schmucke ihrer sämmtlichen Orden gesehen. Es 
war, als sich vor etwa acht Jahren die Tochter des 
Justizraths und früheren Reichstagsabgeordneten 
Dr. zur. Grimm mit einem preußischen Offizier 
verheirathete. Noch sehe ich sie im Chor der 
St. Elisabethkirche neben reichdekvrirten Herren 
stehen und von dem zahlreich erschienenen Pu 
blikum wie eine fremdartige Erscheinung ange 
staunt werden. 
Wie sie mir später sagte, war ihr dies sv 
peinvoll, daß sie fast nahe daran war, zu be 
reuen, zu Ehren der Braut, die sie sehr lieb 
hatte, ihren schönsten Schmuck angelegt zu haben. 
Gewiß würde das Erstaunen über eine sv reich 
dekorirte Dame bei vielen Anwesenden noch viel 
großer gewesen sein, wenn die reizende blonde 
Braut, die damals gewiß das schönste Mädchen 
in Marburg war, nicht alsbald wieder aller 
Blicke auf sich gelenkt hätte. 
Als ich damit begann, diese Erinnerungen 
niederzuschreiben, war es hauptsächlich meine Ab- 
Grutz an das Heffenland. 
Vom Söller der W a r t b u r g hab' ich entzückt 
— Es gingen die Augen mir über — 
Die lieben hessischen Berge erblickt, 
Sie schauten wie grüßend herüber. 
Dort ist mein Herz, und vergeht auch die Zeit, 
Die Tage sind nie zu vergessen, 
Wo mir das Leben so wonnig gemait 
Im schönen, im einzigen Hessen. — 
Aus der Ferne und an der Sehnsucht Hand, 
Von sagenuinwvbener Zinne, 
Grüß ich Dich, Du mein altes Heimathland 
In treuer und dankbarer Minne. — 
Ernst Wolfgang Keß von Wichdorff. 
sicht, nur voll der verdienstvollen Frau zu reden, 
deren Andenken diese Aufzeichnungen gewidmet 
sind. Meine eignen Erlebnisse sollten ganz in 
den Hintergrund treten und vielleicht nur da 
erwähnt werden, wo sie mit dem Wirken der 
Frau Dr. Claus in innigem Zusammenhang 
standen. Ich bin meinem Vorsätze nicht ganz 
treu geblieben, habe mehr von meinen eignen 
Erinnerungen erzählt, als ich ursprünglich wollte, 
und bin nur mit Mühe der Versuchung ent 
gangen, bei dieser Gelegenheit eine ausführliche 
Schilderung des königlichen Reservelazareths in 
Marburg und der rühmlichen Thätigkeit ver 
schiedener Damen, deren Namen später einmal 
genannt werden sollen, zu entwerfen. Aber wenn 
ich von dem Vorgesetzten Wege hie und da ab 
wich und von mir selbst mehr erzählte als von 
Frau Dr. Claus, sv möge man mir dies nicht 
als Eitelkeit oder Ueberschützung meiner selbst 
auslegen, vielmehr bedenken, daß es mit Er 
innerungen an eine wichtige Zeit unseres Lebens 
eine ganz eigne Sache ist. Wer sich mit ihnen 
beschäftigt und verwehten Pfaden in der Ver 
gangenheit nachgeht, der steht unter einem ganz 
eigenthümlichen Bann. Es geht ihm wie beut 
Zauberlehrling in der Goethe'schen Ballade, er 
kann die Geister nicht wieder los werden, die er 
gerufen, und muß sich ihrer Herrschaft oft gegen 
seinen Willen unterwerfen. Das Jahr 1870 
war ein viel zu wichtiger Wendepunkt in meinem 
Leben, als daß ich bei einem Rückblick nach 
Jahren nicht allen damals gemachten Erfahrungen 
einen höheren Werth beilegen und einen tief in 
mein Dasein eingreifenden Einfluß zumessen 
sollte. Und indem ich dies thue und besonders 
dankbaren Herzens an all die lieben Menschen 
denke, die mir damals näher getreten sind, lege 
ich diese Blätter als schlichten Jmmortellenkranz 
ans das Grab meiner im Januar vorigen Jahres 
zur ewigen Ruhe eingegangenen Kollegin aus 
großer Zeit! 
Gliick. 
Oft kam bis an mein Fensterlein 
Das Glück gleich einem zahmen Reh — 
Doch tritt zur Thür mein Fuß hinaus: 
Ein wilder Sprung und dann. Ade! 
Nun hab' ich wohl das Ding bedacht! 
Ich bleibe still am Fensterrand. 
Und fang' ich auch das Reh nicht ein, 
Es nimmt doch Brod aus meiner Hand. 
5li. Kelter, geb. Kellner.
        

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