Full text: Hessenland (3.1889)

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Kebensbilöer von Uarburger Wrofessoren. 
Von Friedrich Wünsch er. 
Karl Wilhelm Robert. 
Zu den ruhmreichen Blättern der Hessischen 
Geschichte gehört auch das von der gastfreien 
Aufnahme und großmüthigen Unterstützung der 
wegen ihres evangelischen Glaubens aus Frank 
reich ausgewanderten Hugenotten. Die Flücht 
linge haben aber von den Hessen nicht blos Wohl 
thaten empfangen, sondern sie haben ihnen auch 
Wohlthaten erwiesen, unter anderen durch die 
tüchtigen Männer, welche aus ihrer Mitte her 
vorgegangen sind. Zu diesen Männern darf mit 
Fug und Recht auch der oben genannte Karl 
Wilhelm Robert gezählt werden. 
Geboren wurde er zu Kassel den 21. März 
1740. Sein Vater war Guillau m e R o b e r t, 
Kurator der französischen Kolvnieen in Hessen, 
seine Mutter eine Tochter des deutschen Arztes 
Ellcnberger. Der Vater, welcher nicht un 
bemittelt war, ließ ihm eine so sorgfältige Er 
ziehung und wissenschaftliche Ausbildung zutheil 
werden, wie man sie damals nur irgendwo finden 
konnte. So ausgerüstet bezog der siebzehnjährige 
Jüngling 1757 die Universität Marburg, um 
Theologie zu studieren, und vertauschte später 
Marburg mit Göttingen. Nach vierjährigem 
Universitätsstudium bestand er 1761 zu Mar 
burg die erste theologische Prüfung mit Aus 
zeichnung und nicht lange darauf die zweite zu 
Kassel. Im Jahre 1762 folgte dann die Ordi 
nation zum geistlichen Amt. 
_ Doch trat der 22jährige junge Mann nicht 
sofort in den Dienst der Kirche. Vielmehr er 
griff er mit Freuden eine günstige Gelegenheit, 
welche sich ihm ganz unerwartet zu seiner wei 
teren Ausbildung darbot. Auf einer Reise nach 
Frankfurt am Main wurde er nämlich mit zwei 
dortigen Kaufleuten, den Brüdern Alphen, 
welche wahrscheinlich auch von ausgewanderten 
Franzosen stammten, bekannt, und diese fanden 
so großes Wohlgefallen an dem jungen Robert, 
daß sie ihm zu einem längeren Aufenthalt in 
den südwestlichen Ländern von Europa ihre 
Empfehlungen sowie die erforderlichen Geldmittel 
zur Verfügung stellten. Mit innigem Dank 
nahm Robert dieses großmüthige Anerbieten an 
und hatte so das Glück, welches damals nur 
besonders bevorzugten jungen Leuten zutheil 
ward, alles, was die Schweiz, Frankreich, Belgien 
und Holland an Bildungsmitteln darbot, näher 
kennen zu lernen. Wahrscheinlich hat er auch 
die Hcimath seiner Vorfahren, die Dauphine, 
bei jener Reise aufgesucht. Nach Jahresfrist kam 
er in gewissem Sinne als gereifter Mann zurück. 
Er hatte sich in der Welt umgesehen, was schwer 
lich ein anderer hessischer Kandidat zu jener Zeit 
von sich rühmen konnte, hatte der Menschen 
Städte und Sitten kennen gelernt und einen 
Schatz von Erfahrungen gesammelt, die für sein 
späteres Leben von entscheidendem Einfluß waren. 
Schon sein Aeußeres, seine Miene und sein 
Körperbau machten einen ansprechenden Eindruck. 
Mit einem klaren Verstand und ausgebreiteten 
Kenntnissen verband er große Rührigkeit und 
Gewandtheit. Dabei stand ihm jederzeit das 
treffende Wort zu Gebote, wie er denn über 
haupt bedeutende Rednergaben besaß und sich in 
deutscher wie in französischer Sprache mit gleicher 
Geläufigkeit auszudrücken verstand. Daß er auch 
das Herz auf dem rechten Fleck trug, wird sich 
ans seinem weiteren Lebensgang schon hinreichend 
offenbaren. 
Noch im Jahre seiner Rückkehr, nämlich 1763, 
begann seine amtliche Thätigkeit. Er über 
nahm die zweite Predigerstelle an der refor- 
mirten Gemeinde in Marburg, ohne Zweifel in 
der geheimen Hoffnung, damit den ersten Schritt 
zur akademischen Laufbahn zu thun. Auch täuschte 
ihn diese Hoffnung nicht. Denn schon im Herbst 
des folgenden Jahres wurde er znm außer 
ordentlichen Professor der Theologie ernannt, 
und wenige Jahre nachher wurde ihm neben 
seinein Predigtamt das Amt eines ordentlichen 
Professors der Theologie sowie der praktischen 
Philosophie übertragen. Als Lehrer wie als 
Prediger fand er ganz außerordentlichen Beifall 
und erwarb sich zugleich durch sein Wohlwollen 
und seine Gewandtheit im Verkehr mit bett 
Menschen sowie durch Tüchtigkeit in den Ge 
schäften der Verwaltung solche Anerkennung, daß 
ihm seine theologischen Amtsgenvssen die Würde 
eines Doktors der Theologie zuerkannten, sein 
Landesherr ihn zum Kvnsistorialrath und zum 
Inspektor der reformirten Gemeinden Oberhessens 
ernannte. Um so größer und allgemeiner war 
das Erstaunen, als der gefeierte Lehrer der 
Theologie und hochangesehene Oberhirt der refor 
mirten Gemeinden Oberhessens im Herbst 1778 
alle seine Aemter und Würden niederlegte und 
seine wissenschaftliche Thätigkeit auf sein Studier 
zimmer beschränkte. Erst im Jahre 1779 erfolgte 
für alle Welt die Lösung des Räthsels, als 
Robert, der sich freilich schon seit einigen Jahren 
auf den neuen Beruf vorbereitet hatte, durch 
eine öffentliche Disputation sich mit allen Ehren 
die Würde eines Doktors der Rechte erwarb,
        

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