Full text: Hessenland (3.1889)

bekleidet und glaube überall meine Schuldigkeit ge 
than zu haben. Gleichwohl sind all meine Bitt 
schriften um eine feste Anstellung, welche ich an das 
Konsistorium gerichtet habe, unberücksichtigt geblieben. 
Ich kann mir diese Zurücksetzung nicht anders er 
klären, als daß Sie, Herr Geheime Rath, die Schmarre, 
welche ich Ihnen einst im Duell beigebracht habe, 
nicht vergessen können und mir obhold sind. Schenken 
Sie mir also reinen Wein ein und sagen Sie mir, 
ob ich noch auf eine baldige Anstellung hoffen darf, 
oder ob ich meine Heimath mit dem Rücken ansehen 
muß! 
Kalckhosf hatte den Anfangsworten mit großem 
Ernst zugehört, dann wurde seine Miene freundlich 
und nach den letzten Worten sagte er: Sie sehen, 
Herr Kandidat, an meinem Anzug, daß ich im Be 
griff bin, zu Seiner Durchlaucht zu gehen um Hoch- 
demselben Vortrag zu halten. Ich bin deshalb im 
Augenblick außer Stand, Ihnen so zu antworten, wie 
ich möchte. Aber wenn Sie um 12 Uhr wieder zu 
mir kommen und mein Tischgast sein wollen, so hoffe 
ich Ihnen genügenden Aufschluß zu geben. 
Etwas verblüfft nahm der Kandidat die Einladung 
dankend an. Kalckhosf aber begab sich nicht unmittel 
bar zum Landgrafen, sondern suchte erst die Geschäfts 
räume des Konsistoriums auf und erlangte hier theils 
aus den Akten, theils durch Mittheilungen der Kon- 
sistorialräthe genügende Auskunft über die Leistungen i 
und die Bewerbungen des Kandidaten. Dann begab 
er sich zum Landgrafen, hielt den pflichtmäßigen Vor 
trag und brachte schließlich auch die Sache des Mannes, 
der ihn zuletzt in seinem Haus aufgesucht hatte, zur 
Sprache. Nachdem alles Geschäftliche, das heute et 
was längere Zeit in Anspruch genommen hatte, er 
ledigt war, eilte er in seine Wohnung, wo er außer 
dem Kandidaten noch einige andere Gäste vorfand. 
Da er nämlich Junggeselle war, so liebte er es, um 
nicht allein speisen zu müssen, täglich einige Bekannte 
zu seiner Tafel einzuladen. Zuerst trat er in das 
Speisezimmer, wo er noch einige Vorkehrungen traf, 
dann begab er sich in das Empfangszimmer zu 
seinen Gästen. Nachdem er sich wegen seines Aus 
bleibens mit besonders dringlichen Geschäften ent 
schuldigt und die Herren mit einander bekannt gemacht 
hatte, führte er dieselben in das anliegende Speise 
zimmer. Hier fand jeder Gast seinen Platz durch 
einen auf dem Tellertuch liegenden Zettel bezeichnet. 
Der Hausherr sprach das Tischgebet und bat dann 
die Anwesenden, Platz zu nehmen. Seine Augen 
aber ruhten auf dem Kandidaten. Als dieser das 
Tellertuch in die Höhe hob, sah er unter demselben 
ein großes zusammen gefaltetes Schreiben liegen. 
Auf das Höchste überrascht, entfaltete er dasselbe. 
Aber wer beschreibt sein freudiges Erstaunen! Er 
wollte erst seinen Augen nicht trauen. Es war ja 
ein Reskript des Landgrafen, durch welches ihm eine 
gute Pfarrstelle in einer lieblichen Gegend des Hessen 
landes übertragen wurde. Mit Thränen in den 
Augen trat er zu Kalckhoff hin, reichte ihm die 
Hand und sagte: Das ist Edelmuth! Nein, lieber 
M^nn, erwiederte dieser, das istdieRa ch e desGeheimen 
Raths Kalckhoff für den Denkzettel, welchen- Sie 
einst seinem Kopf eingeprägt haben. Meine Herren, 
fuhr er dann zu den übrigen Gästen gewendet mit 
lauter Stimme fort: Meine Herren, ich freue mich 
Ihnen den bisherigen Herrn Kandidaten als künftigen 
Pfarrer von Breitenau vorstellen zn können. Lassen 
Sie uns auf sein Wohl anstoßen! — 
A. W. 
Ans Heimath und Fremde. 
In der aul 25. März d. I. stattgefundenen 
M o n a t s v e rs a m m lung des Vereins für- 
hessische Geschichte und Landeskunde hielt 
Dr. med. Schwarzkopf einen Vortrag über 
die Theilnahm e der königlich-w estphälischen 
Truppen in der Schlacht bei Boro di no. 
Der Vortragende, welcher schon wiederholt die 
Geschichte der hessischen Truppen zum Gegenstand 
seiner Vorträge gewählt und darin gezeigt hat, mit 
welchem Eifer und welcher Gründlichkeit er sich 
diesen! seinem Lieblingsstudium gewidmet hat, wußte 
auch bei seinem diesmal gewählten Thema, die 
Zuhörer, welche sich wie bei der großen Beliebtheit 
des Redners zu erwarten war, außerordentlich zahl 
reich eingefunden hatte, durch seine lebensvolle Dar 
stellung der Vorgänge in hohem Grade zu fesseln. 
Es wurde deshalb dessen Mittheilung, daß er in 
einem zweiten Vortrage auch die Theilnahme der 
westphälischen Infanterie an der Schlacht schildern 
wolle, da er sich für heute wegen Kürze der Zeit 
auf die der Kavallerie habe beschränken müssen, all 
seitig mit großer Befriedigung aufgenommen. 
Wir werden alsdann auf beide Vorträge ans- 
führlicher zurückkommen. 
N.-cL. 
Die Jahresversammlung des „Vereins für- 
hessische Geschichte und Landeskunde" findet am 15., 
16. und 17. Juli in Marburg statt. 
Der rühmlichst bekannte Historiker, Gymnasiai- 
oberlehrer Dr. G. Wolfs in Hanau, hat einen 
Ruf als erster Oberlehrer des Kaiser Fried 
richs-Gymnasium zu Frankfurt a./M. er 
halten und angenommen. Man sieht den allgemein 
beliebten, ausgezeichneten Lehrer nur sehr ungern Ms 
Hanau scheiden. 
Wir erwähnten in Nummer 4 unserer Zeitschrift, 
daß unser hessischer Landsmann, der Dichter und 
Schriftsteller Dr. Julius Rodenberg in Berlin, damit 
beschäftigt sei, den literarischen Nachlaß Franz Dingel- 
stedt's herauszugeben. Heute können wir unsern
        

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