Full text: Hessenland (3.1889)

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Aus alter und neuer Zeit. 
Aus der Hessischen Zopfzeit. Bor dem 
Jahr 1806 spielten Haarzopf, Puder und Dreimaster 
nicht nur bei den Preußischen, sondern auch bei den 
meisten übrigen Deutschen Truppen noch eine be 
deutende Rolle. Seitdeln aber Scharnhorst eine 
Umwandlung des Preußischen Heeres vollbracht hatte, 
verschwanden diese kriegerischen Zierden wohl überall. 
So wurden denn auch die Kurhessischen Feldregimenter, 
welche im Winter von 1813 auf 1814 neu gebildet 
wurden, ganz nach Preußischen! Muster ausgerüstet. 
Nur bei den Haustruppen machte man eine Aus 
nahme. Der Kurfürst Wilhelm I., welcher, obwohl 
im 19. Jahrhundert lebend, noch ganz und gar 
Mann des 18. Jahrhunderts war, führte bei seiner 
Leibgarde die ehemaligen Zierden dieser Truppe 
wieder ein, ja seiner Schweizergarde gab er sogar 
außer den Hellebarden auch die flächsernen Allonge- 
Perücken wieder. Die Feldregimenter fochten indes 
an der Seite der anderen Deutschen Truppen in den 
zweimaligen Kriegen gegen Frankreich und kehrten 
aus dem zweiten Feldzug tut Herbst des Jahres 
1815, mit kriegerischen Lorbeer» geschmückt, in die 
Heimath zurück. Der Kurfürst belohnte jeden 
Soldaten mit einem Geschenk von zwei Thalern und 
gab ihnen — sollte es vielleicht auch eine Belohnung 
sein? — den althessischen Zopf wieder. Da die 
Haare bekanntlich nicht auf Kommando plötzlich wieder 
lang werden, so mußte auf künstliche Weise geholfen 
werden. Die Einen ließen sich falsche Zöpfe an den 
Rockkragen, Andere an den Tschako befestigen; dadurch 
entstanden, wenn etwa die Wache plötzlich zn den 
Waffen gerufen wurde, oft seltsame Erscheinungen. 
In der Eile wurden die Tschakos leicht verwechselt, 
und so erschienen ntanche Soldaten ohne Haarzopf, 
andere dagegen mit zwei Zöpfen. Aber auch ab- 
geseheuvon solchen plötzlichenUeberraschnngen,empfanden 
die Hessischen Soldaten tiefe Beschämung über die 
neue Zierde, die man ihnen auferlegt hatte. Sie 
waren ja die einzigen von allen Deutschen Kriegern, 
welche die Wahrzeichen der alten Zopfzeit noch auf 
ihren Röcken trugen, und wurden ob dieser Zierde 
von ihren Landsleuten innerhalb und außerhalb der 
Hessischen Grenzen oft genug verspottet. 
Das Stärkste leistete hierin das zu Kurzweil und 
Spötterei geneigte Völkchen der Studenten. Es war 
1816 zu Pfingsten, zu einer Zeit, in welcher die 
Göttinger Studenten schaareuweise das schöne Kassel 
zu besuchen pflegen, da sahen die Bewohner dieser 
Stadt einen seltsamen Aufzug. Zuerst kam eine 
Schaar von Reitern, welche sämmtlich mit einem 
so langen Zopf geschmückt waren, daß sie ihn um 
den linken Arm gewickelt trugen. Auch ihre Pferde 
waren bezopft. Dann folgte eine Anzahl von 
Kutschen, deren Insassen ihre langen Zöpfe so wenig 
zu bergen vermochten, daß sie dieselben zu beiden 
Seiten aus dem Schlag heraushängen ließen. Pferde 
und Kutschep waren ebenfalls bezopft. Ja selbst 
jede Kutsche trug diesen Schutuck. Man hatte 
nämlich das damals noch an der Hinterwaud einer 
Kutsche befindliche runde Glas ausgebrochen, und 
aus der Oeffnung ragte ein faustdicker Zopf hervor. 
Den Schluß des Zuges bildete wieder eine Schaar 
von Reitern, welche in gleicher Weise geschmückt 
waren. So zogen die Göttinger Studenten durch 
die Straßen der Stadt und sogar bis nach Wilhelms- 
höhe, wo der Kurfürst seinen Sommer-Aufenthalt 
zu nehmen pflegte. Natürlich machten diesem die 
Wächter der öffentlichen Ordnung von dem Aufzug 
der Studenten sofort Anzeige mit der Aufrage, wie 
man gegen die Spottvögel einschreiten solle. Allein 
der Kurfürst antwortete: Ach was! Das ist so 
schlimm nicht gemeint. Laßt sie gewähren! Sie 
bringen doch viel Geld in die Stadt und werden 
das Dings bald selbst überdrüßig werden. Und so 
geschah es auch. Die Studenten, welche wider ihr 
Vermuthen ganz unbehelligt blieben, legten freiwillig 
ihren Haarschmuck ab. Ja am Schluß ihres Aufent 
haltes zogen sie ehrerbietig vor das Lustschloß des 
Kurfürsten und brachten deut Landesherru, der sie 
mit soviel Nachsicht und Wohlwollen behandelt hatte, 
ein dreifaches Hoch. 
A. W. 
Die Rache des Geheimen Raths Kalck- 
hoff. Landgraf Wilhelm, der Bruder des 
regierenden Landgrafen Friedrich von Hessen- 
Kassel, der zugleich König von Schweden war und 
deshalb in Stockholm wohnte, verwaltete das Amt 
eines Statthalters von 1730 bis 1751*) und ge 
hörte zu den besten Regenten, welche Hessen je ge 
habt hat. Er besaß nicht nur den guten Willen, für 
des Landes Wohl nach Kräften zu sorgen, sondern 
er besaß auch die Gabe zur Durchführung seiner 
Absichten die rechten Männer auszuwählen. Zu diesen 
Auserwählten gehörte in erster Linie der 1698 in 
Ziegenhain geborene Geheime Rath Heinrich Otto 
K alckhoff, ein in mittleren Jahren stehender Mann, 
welchen man wohl des Landgrafen rechte Hand nennen 
konnte. Gerade als er im Begriff stand, sich in das 
Schloß zu begebeu, um deut Landgrafen Vortrag 
zu halten, ließ sich bei ihm ein Kandidat desPrcdigt- 
antts melden. Auf ein bejahendes Kopfnicken Kalck- 
hoffs veranlaßte der Diener den Herrn einzutreten. 
Dieser näherte sich mit ernster Miene und begann 
dann: Herr Geheime Rath, ich komme, um mir eine 
entscheidende Antwort zu erbitten. Ich bin seit 10 
Jahren Kandidat, habe seitdem bei verschiedenen 
Pfarrern die Stelle eines Gehülfen oder Vertreters 
*) Er folgte 1751 als Wilhelm VIII seinem Bruder 
Friedrich, da dieser ohne ebenbürtige Nachkommen zu hinter 
lassen gestorben war.
        

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