Full text: Hessenland (3.1889)

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Garteil bis zur Allee hin gewährte, oft der 
stumme Zeuge mancher für uns wichtigen oder- 
denkwürdigen Stunde gewesen ist. Hier wurden 
meist die Depeschen über neue Siege gelesen, 
hier feierten wir, während die kranken und ver- 
wundeten Soldaten in den Zimmern „die Wacht 
aul Rhein" und andere patriotische Lieder 
sangen, am 18. Januar 1871 den welthistorischen 
Akt der Wiederaufrichtung des deutschen Reiches 
und hier endlich standen wir, als am 2. März 1871 
die Friedensglocken das Ende des gewaltigen 
Kampfes zwischen Frankreich und Deutschland 
verkündigten. Der bedeutungsvolle Tag wurde 
auch in unserem Lazarethe in würdiger Weise 
gefeiert. Die Kaserne wurde geschmückt und 
Abends illuminirt und einer der Soldaten, 
wenn ich nicht irre ein einjährig Freiwilliger 
vom westfälischen Infanterieregimente Nr. 13, 
hielt eine höchst schwungvolle, der Bedeutung 
des Tages entsprechende Rede. 
In der für unsere Erlebnisse historisch ge 
wordenen Gangecke, die für uns Pflegerinnen 
im südlichen und südwestlichen Theile des dritten 
Stockes der Kaserne, die wir keinen eignen 
Raum hatten, zugleich ein Zimmer vertrat, 
tauschten Frau Dr. Claus und ich auch oft 
unsere in jenen Tagen gemachten Erfahrungen 
aus. Obgleich meine Kollegin im Grunde eine 
kindlich harmlose Frau war, besaß sie doch eine 
sehr scharfe Beobachtungsgabe für Menschen und 
Zustände. Daneben hatte sie ein liebevolles 
Verständniß für das meist schlichte Wesen ihrer 
Pfleglinge, wenn dies auch keineswegs so weit 
ging, um ihr gegenüber allzu vertrauliche Reden 
möglich zu machen. Als durch und durch vor 
nehme Natur wußte sie sich immer mit einer 
gewissen Würde ju umgeben und alles Persön 
liche von der strengen Pstichtcrfüllung auszu 
schließen. Daneben konnte sie aber für die ihr 
anvertrauten Pfleglinge oft recht tapfer auf 
treten und ihnen durch Zähigkeit uud Thatkraft 
das verschaffen, was sic für durchaus nöthig 
hielt und so leicht nicht haben konnte. Unwill 
kürlich muß ich bei der Erwähnung dieses Cha 
rakterzuges meiner einstigen Kollegin an eine 
Zeit denken, in der unter den Pfleglingen unserer 
beiden Abtheilungen ein kannibalischer Hunger 
eingerissen war. Damit will ich keineswegs 
sagen, daß es an den nöthigen Lebensmitteln 
fehlte, aber die grenzenlosen Magenbedürfnisse 
einer Anzahl baumlanger Kürassiere, die in der 
Schlacht von Mars-la-Tour große Blutverluste 
erlitten hatten, waren nicht vollständig zu be 
friedigen. Wir baten in der Küche um extra 
große Brode und erhielten sie auch gerne, aber 
so groß auch diese Portionen ausfielen, so 
waren sie doch nicht im Stande, den ungeheu 
ren Appetit zu stillen. Immer lag in den 
Augen der herkulischen Männer noch ein stiller 
Wunsch nach mehr, den man um so lieber be 
friedigt hätte, als diese Verwundeten in der 
Schlacht von Mars-la-Tour wirklich furchtbar 
mitgenommen worden waren. Heute weiß ich 
es nicht mehr genau, welchen Namen das Re 
giment trug, zu dem die arg zerhauenen Krieger 
gehörten, ich erinnere mich nur noch, daß Fürst 
Bismarck der Chef desselben war und daß sie 
weiße, freilich durch schwere Blutverluste arg 
besudelte Waffenröcke mit gelben Kragen und 
Aermelaufschlägen trugen. Das Verständniß 
für den Hunger der Kürassiere war nun bei 
uns Pflegerinnen so stark entwickelt, daß es 
oft in der Küche eine» wahren Krieg um die 
größten belegten Brode gab. Ja, ich muß ehr 
lich bekennen, daß man sich aus Mitgefühl dann 
und wann sogar einmal zu einer Uebertretung 
des siebenten Gebotes hinreißen ließ und in 
einem Augenblick, wo die wachthabenden Küchen 
damen den Rücken wandten, so viel Brode mehr 
auf das Brett legte, als man eben erwischen 
konnte. Durch eine solche strafwürdige Hand 
lung, bei der ich leider ziemlich stark betheiligt 
war, wären die Pfleglinge der Frau Dr. Claus 
beinahe sehrzu kurz gekommen. Die erste 
Küchendame hatte nach Vorschrift Alles verab 
folgt und wollte nichts mehr geben, aber Frau 
Dr. Claus wankte nicht von der Stelle bis ihr 
die für ihre Abtheilung zugemessenen Portionen 
vollständig geliefert worden waren. 
Da meine gerechte Kollegin ahnte, daß ich zu 
den Räubern gehört hatte und in dieser Ansicht 
gewiß noch durch mein etwas scheues Benehmen 
bestärkt wurde, griff sie mich bei der ersten Be 
gegnung hart an und machte mir sehr ernstliche 
Vorstellungen. Im Drange des impulsiven Ver 
gehens hatte ich gar nicht daran gedacht, daß 
das Gute, was ich betn Einen zuzuweisen beab 
sichtigte, eine Sünde am Anderen sei und schämte 
mich deshalb nicht wenig. Gewiß würde mir 
dieses einzige Mißverständniß, was ich mit Frau 
Dr. Claus hatte, noch viel tiefer gegangen sein, 
wenn der trübe Eindruck nicht gleich darauf 
durch einen heiteren wieder etwas verwischt 
worden wäre. Ich mußte einen Eisbeutel in 
die Stube Nr. 82 tragen, in der die Kürassiere 
lagen, und sah bei dieser Gelegenheit, daß einer 
derselben eben in göttlicher Zufriedenheit das 
fünfte belegte Stück Brod von ansehnlichem Um 
fang verzehrte. „Dat schmeckt nach mehr", 
sagte er mich gutmüthig anlächelnd. „Bringen's 
nur man, was Se haben können, hier ist's, als 
ob die Naht geplatzt wär." Dabei deutete er 
auf die Magengegend und setzte seine Studien 
fröhlich fort. (Schluß folgt.)
	        

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