Full text: Hessenland (3.1889)

102 
„Wir müssen in die Schanze!" 
Die blasse Lippe spricht, 
„An einer Kugel, Franzc, 
Stirbt doch ein Deutscher nicht'?" 
„Bin ich Kanonenfutter? 
Ach nein, dein einz'gcr Sohn! 
Ach Mutter, liebe Mutter, 
Soll ich denn sterben schon?" 
„Ich kann ja noch nicht sterben 
O, theure Mutter mein, 
Wer soll dir Brod erwerben 
lind dein Ernährer sein?" 
„Wer bist du, ich will's wissen, 
Und sag', wo bin ich hier? — 
ES hat so weiche Kisseil 
In Frankreich kein Quartier!" — 
„Dn bist", sprach ich, „zu Hause, 
Ich bin die Schwester dein; 
Geduld, nach kurzer Pause 
Wird Alles besser sein!" 
Ein Lächeln zeigt das bleiche, 
Das treue Angesicht: 
„O, liebe Schwester, weiche 
Von meinem Bette nicht." — 
Erlaubt wohl ist die Lüge, 
Wenn solche Lippe fleht, 
Die wie die blassen Züge 
Des Todes Nah'n verräth. 
Tie Schmerzen werden milder 
Kein Blut dringt mehr hervor, 
Und die phantast'schcn Bilder 
Umhüllt des Schlummers Flor. 
Mich aber bannt noch immer 
Ans Bett die hcil'gc Pflicht; 
Ich schrieb an ihm beim Schimmer 
Des Lämpchens dies Gedicht. 
Doch wer gering noch dächte, 
Durchleb', — wir sind gefeit — 
Nur eine solcher Nächte 
Im Dienst der Menschlichkeit. — 
Während ich diese Erinnerungen niederschrieb, 
kam mir der Gedanke, einen schon seit Jahren 
gehegten Vorsatz auszuführen und mich nach dem 
ehemaligen Königsgrenadier Röhr zu erkundigen. 
Ehrlich muß ich gestehen, daß ich darauf gefaßt 
>oar, voit dem Ortsvorstande seines Heimaths- 
dvrfes, an den ich mich gewandt hatte, zu hören, 
daß der einst so schwer verwundete Soldat nicht 
mehr unter den Lebenden weile. Meinten doch 
damals die Aerzte, nur eine ganz ungewöhnlich 
gesunde Natur habe die Folgen einer solch ge 
fährlichen Wunde überwinden können. Daß 
besagter Röhr aber noch lange leben könne, 
wurde entschieden und an der Hand triftiger 
Gründe bezweifelt. — Auf meine neulich ge 
thane Anfrage beitn Ortsvvrstand erhielt ich 
I nun umgehend die Mittheilung, der ehemalige 
! Königsgrenadier Röhr sei noch nicht gestorben 
und sei' nach seiner Heilung Kutscher geworden. 
Nun nahm ich mir vor, an meinen einstigen 
Pflegling selbst zu schreiben und mich nach sei 
nem Ergehen zu erkundigen, allein che dies ge 
schah , erhielt ich von Röhr einen rührenden 
Brief. Er schreibt mir, daß er durch meinen 
Brief an den Ortsvorstand eine große „über 
raschende Freude" gehabt habe und theilt mir 
mit, daß er sich im Jahre 1876 verheirathet und 
drei Kinder hätte. Die schweren Wunden durch 
Brust und Arm verursachen ihm noch oft arge 
Schmerzen, erst vor drei Jahren sind ihm noch 
Knochensplitter unter dem linken Arm heraus 
geschnitten worden. Trotzdem fühlt sich Röhr sonst 
ganz wohl und kommt seinem Geschäfte pünkt 
lich nach. Die bösen Weissagungen der Aerzte 
sind also nicht eingetroffen, die Natur hat 
wirklich an diesem Menschen ein Wunder gethan. 
Doch scheint Röhr auch aus einer gesunden Art 
zu stammen; denn wie er in seinem Briefe be 
merkt, lebt auch seine Mutter »och, die, als ich 
1870 oft all sie schrieb, schon eine alte Frau 
war und ein recht sorgenvolles Leben hinter sich 
hatte. 
Doch ich kehre nach dieser Abschweifung zu 
Frau Dr. Claus zurück. Trotzdem sie damals 
schon oft unwohl war und, wie ich heute glaube, 
mit den ersten Erscheinungeil eines später so 
(lualvolleil Leideils zu kämpfen hatte, brachte 
sie dennoch bis zum Schlüsse des Lazareths 
jeden Tag eine lange „Jour" in ihrer Ab 
theilung zu. Sie war unermüdlich und dabei 
von einer Erfahrung im Behandeln von Wnn- 
deil und Krankheiten, die ihren Pfleglingeil sehr 
zu statteil kam. Obwohl die Küche des Laza 
reths ausgezeichnet eingerichtet war und tag 
täglich von einer älteren und zwei jüngeren 
Dainen, die sich zur freiwilligen Hülfe erboten 
hatten, für die Bedürfnisse der kranken Sol 
daten auf's Beste gesorgt wurde, bereitete Frau 
Dr. Clans die Suppen und sonstigen Kraft 
brühen für die schwerer Leidenden doch meist 
selbst. In einer Gangecke im Winkel der 
Kaserne stand ein kleines Herdchen, auf dem 
sie fast immer für einen ihrer Pfleglinge etwas 
zurecht braute. Wenn ich mir wieder vorstelle, 
was hier alles gekocht und gewärmt wurde, dann 
fällt mir unwillkürlich ein, daß die tiefe Gang 
ecke, deren großes Fenster eineil herrlichen Aus 
blick auf die Stadt und das Schloß und die
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.