Full text: Hessenland (3.1889)

98 
vorhanden. Nur in beit Jahrbüchern der zu 
Kassel 20 Jahre lang bestandenen Universität 
findet sich eine, offenbar zu Gunsten des Crocius 
abgefaßte Erzählung des Vorfalls. — Sie ist 
zwar sehr kurz »ttb. giebt weder den Namen des 
Getödteten noch die Beweggründe zum nächtlichen 
Besuch an, allein sie hat, so lange Mittheilungen 
aus besseren Quellen fehlen, den Anspruch auf 
Zuverlässigkeit. Hiernach war der Hergang 
folgender: 
In später Abendstunde des 22. Februars im 
Jahr 1633 vernimmt Croeius, der noch mit 
wissenschaftlichen Arbeiten beschäftigt war, daß 
die Thür seines Hauses erbrochen wird, und daß 
Jemand in das Haus eindringt. Er ergreift 
daher seine Studierlampe und einen Hammer, 
dessen er sich — er bekleidete nämlich damals 
im ersten Jahr der am 2. Januar 1633 ztt 
Kassel eröffneten Universität das Amt eines 
Rektors — zum Siegeln amtlicher Schreiben be 
diente, und eilt an die Hausthüre. Da erblickt 
er einen vorübergehenden Nachtwächter. Diesen 
ruft er an, klagt ihin, daß ein Dieb in seilt 
Haus eingedrungen sei und bittet ihn, die Don 
betn Eindringling erbrochene Thüre zu bewacheit. 
Er selbst geht in das Haus zurück, um bett ver 
meintlichen Dieb zu ertappen. Kaum ist er aber 
in das Haus zurückgekehrt, so hört er bett Nacht 
wächter rufen, er sei nicht stark geitug, es mit 
dem aus dem Hause Entfliehenden aufzunehmen. 
Auf diesen Ruf eilt Crocitts wieder hinaus. 
In demselben Augenblick erlischt aber auch auf 
der Thürschwelle die Lampe, welche er in der 
Hand getragen, und es tritt Dunkelheit ein. 
Da der Eindringling sich nicht will festnehmen 
lassen, so entsteht ein Kampf, in welchem sich 
Crocius seines Hammers bedient, den der Andere 
ihm vergeblich zu entreißen sucht. Endlich ge 
lingt es dem Unbekannten unter furchtbaren 
Drohungen zu entfliehen, aber mit Zurücklassung 
seines Degens, woraus zu schließen ist, daß er 
diesen im Kampf entweder gebraucht hat, oder 
doch hat gebrauchen wollen. — Von dem Nacht 
wächter, der merkwürdiger Weise nur Zuschauer 
geblieben zu sein scheint, wird in der Erzählung 
ttichts weiter berichtet. Wohl aber wird zu Un- 
gunsten des Unbekaitnten angemerkt, daß derselbe 
in jener Nacht einen Kriegsmann zum Zwei 
kampf herausgefordert und ans die Frage, wer 
er sei, geantwortet habe: „ich bitt der Teufel." 
Wenige Tage nachher (so fährt die Erzählung 
fort) habe Sabine, geborene Heu gelin und 
Gattin oder Wittwe eines Hessischeit Offiziers 
Namens Moritz Hund, gegen Crocius die 
Anklage erhoben, daß er iit der Nacht des 22. 
Februar bei dem Kampf mit ihrem Sohn, 
Christian Hund, — er diente als Cornet 
bei einem Hessischen Regiment — welcher in- 
mittelst gestorben war, dessen Tod herbeigeführt 
habe. 
Was den jungen Mann in das Haus des 
Crocius geführt hat, darüber berichten die Jahr 
bücher der Universität nichts. Strieder, der 
Literarhistoriker Hessens, spricht aber die Ver 
muthung aus, die ja ohnehin itahe liegt, daß 
der Cornet mit einer Tochter des Crocius einen 
Liebeshandcl unterhalten und, da er etwas an 
getrunken gewesen, seiner Geliebten einen Besuch 
habe abstatten wollen. 
Sobald diese Umstünde in der Stadt bekannt 
wurden, sprach sich die öffentliche Meinung dahin 
aus, daß Crocius ohne Schuld bei dem nnglück- 
lichen Vorfall sei. Ja Studenten, Professoren 
und Bürger vereinigten sich zu der an deit 
Landgrafen Wilhelm V. gerichteten Bitte, der 
Durchlauchtige Fürst möge gestatten, daß der 
über den verehrten Mann verhängte Hausarrest 
aufgehoben werde. Diese Bitte wurde gewährt, 
aber der Urtheilsspruch wurde nicht eher gefüllt, 
als bis die Rechtsgelehrten auf 6 Universitäten 
um ihr Gutachten angegangen worden waren. 
Endlich als der Angeklagte durch alle sechs Gut 
achten für schuldlos erklärt worden war, wurde 
Crocius auch von dem peinlichen Gericht in 
Kassel freigesprochen und von dem Landgrafen 
durch Beschluß vom 16. Juni 1635 in alle seine 
Aemter und Würden wieder eingesetzt. 
Durch das eben geschilderte traurige Ereignis; 
hatte Crocius weder bei den Professoren und 
Studenten noch bei den Bürgern an Ansehen 
und Einfluß irgend etwas eingebüßt, vielmehr 
blieb seine Geltung dieselbe, wie sie früher ge 
wesen war. Ein Beweis dafür war, daß man, 
als Landgraf Wilhelm V. 1637 zu Leer, 
einer Stadt Ostfrieslands, in den Armen seiner 
Gemahlin Amalie Elisabeth gestorben war, 
außer Abgeordneten der Landstände auch ihn als 
Gesandten an letztere abschickte, um ihr das 
Beileid der Bewohner Kassels auszudrücken und 
sie zur Rückkehr in die Hauptstadt des Landes 
einzuladen. 
In den folgenden Jahren seines Kasseler Auf 
enthalts tritt das Eigenthümliche seines Charakters 
besonders hervor, indem er einerseits die gegen 
die Evangelischen gerichteten Angriffe der Jesuiteit 
mit Kraft und Schneidigkeit abwehrte, andererseits 
in allen Fragen, wo Lutheraner und Reformirte 
von einander abwichen, die größte Milde und 
Verträglichkeit an den Tag legte.. Von dieser 
Milde und Versöhnlichkeit besitzen wir in der 
Hessischen Kirchen-Ordnung von 1657, welche 
größtenteils sein Werk ist, noch heute ein schönes 
Zeugniß.
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.