Volltext: Hessenland (3.1889)

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All diesem nahm, durch Angriffe der Gießener 
gereizt, auch Crvcins Theil, obgleich er sonst kein 
Freund von konfessionellen Streitigkeiten war. Dein 
Federkrieg folgten dann in Jahren 1623 und 
1624 die Kaiserlichen Strafmandate. Voil dem 
Landgrafen Ludwig angerufen, entschied nämlich 
1623 der Kaiserliche Reichshofrath, daß Land 
graf Moritz wegen seiner kirchlichen Neuerungen 
die ihm durch Erbschaft zugefallene Hälfte von 
Oberhessen, in welcher auch Marburg lag, an 
Landgraf Ludwig V. in Darmstadt auszuliefern 
und alle seit 18 Jahren aus den oberhessischeil 
Besitzungen gezogenen Einkünfte (die Neuerungen 
waren nämlich 1605 eingeführt worden) an 
Darmstadt zurückzuerstatten habe. Landgraf 
Moritz legte zwar gegen diesen Urtheilsspruch 
Verwahrung ein und versuchte alle möglichen 
Mittel, um die Vollstreckung hintanzuhalten; 
aber Kaiser Ferdinand II. blieb unerbittlich 
und beorderte im Früjahr 1624 den General 
Tilly den Spruch des Gerichts nöthigen Falls 
mit Gewalt zur Ausführung zu bringen. Nun 
fügte sich endlich Moritz der angedrohten Gewalt, 
legte aber nochmals gegen das Verfahren, welches 
ungerechter Weise zu seinem Schaden eingeschlagen 
worden sei, Verwahrung ein. In diesen für 
die Universität Marburg besvndcs bedenklichen 
Zeiten wählten die Professoren ausnahmsweise 
für die beiden Jahre 1623 und 1624 ihren 
geschäftskundigen und muthigeir Amtsgenossen 
Crocius zum Rektor. Auch war dieser für die 
stürmischen Zeiten der rechte Mann. Durch 
Klugheit und Entschiedenheit wußte er der 
Universität die Drangsale des Kriegs möglichst 
fern zn halten und von Tilly die Zusicherung 
zu erwirken, daß die Angehörigen derselben von 
Einquartierung verschont bleiben sollten. Als 
dann gegen Ende des Monats Mürz 1624 
Marburg vom Landgrafen Ludwig V. in Besitz 
genoinmen war, und alle Professoren, welche 
ohne dessen Zustimmung seit 1604 ernannt 
worden waren, ihrer Stellen entsetzt wurden, 
war es wieder der Rektor Crocius, welcher im 
Namen aller erklärte, daß sie sich zwar in ihr 
unverdientes Loos mit Geduld ergeben wollten, 
aber ihrem Herrn, dem Landgrafen Moritz, alle 
Rechte, welche er auf die Universität habe, feierlich 
vorbehielte». Auch lieferte Crocius die Scepter 
und andern Zeichen seiner Würde als Haupt 
der Universität nicht freiwillig aus, sondern setzte 
nur denjenigen, welche sie aus seinem Hause ab 
holten, keinen Widerstand entgegen. 
Crocius zog mit den übrigen ausgewiesenen 
Professoren nach Kassel, um dem Landgrafen 311 
berichten, was er für ihn gethan und gelitten habe. 
Dieser nahm ihn mit den Zeichen des Wohlwollens 
und der Anerkennung auf und stellte ihn als 
Prediger und als Professor an der von ihm in 
Kassel nothdürftig errichteten Universität an. 
Hier setzte nun Crocius seine frühere Thätigkeit 
fort und gewann sich bald die Herzen der Menschen. 
Denn init feuriger fortreißender Beredsamkeit 
und mit unerschrockenem Freimuth ließ er seine 
Stimme vom Lehrstuhl wie von der Kanzel er 
schallen. Aber einer war doch unter den Zu 
hörern, dem manche freimüthige Aeußerungen des 
Predigers, der keine Menschenfurcht kannte und 
an Hoch und Niedrig den Maßstab des gött 
lichen Wortes legte, anstößig waren. Es war 
Landgraf Moritz. Dieser Fürst, der mit Recht 
der Gelehrte genannt wurde, gab sich nämlich 
der unseligen Einbildung hin, iu allen Dingeil 
allein die richtige Einsicht zu besitzen und konnte 
es nicht über sich gewinnen, abweichende An 
sichten zu ertragen. So war es kein Wunder, 
daß ihn Crocius iu feinen Predigten durch 
Worte, welche das Gewissen seiner Zuhörer 
schürfen sollten, oder durch anderweitige Aeußer 
ungen verletzte. In seiner despotischen Weise 
erließ Moritz sofort ein Schreiben an Crocius, 
iu welchem er ihm Kanzel und Lehrstuhl verbot. 
Im Gefühl nur seine Pflicht gethan zu haben, 
fügte sich dieser iu das harte Verbot, indenr er 
hoffte, daß der Zorn seines Landesherrn mit 
der Zeit verfliegen werde. Und wirklich kam es 
so. Der Landgraf konnte sich der Ueberzeugung 
nicht verschließen, daß er durch sein hartes Ver 
fahren der studierenden Jugend den besten Lehrer 
und der christlichen Gemeinde den einflußreichsten 
Prediger entziehe. So entschloß er sich denn, 
was bei ihm ein seltener Fall war, nach einiger 
Zeit den harten Befehl zurückzunehmen. 
Crocius durfte also seine Thätigkeit als Professor 
und Pfarrer wieder fortsetzen und that dies unter 
Landgraf Moritz und dessen Nachfolger Wil 
helm V. 9 Jahre lang mit großem Segen. 
Da verbreitete sich 1633 eines Tages in Kassel 
plötzlich das Gerücht, der allgemein geachtete und 
verehrte Professor habe vor Kurzem einen Menschen 
in seinem Hause erschlagen und werde deshalb 
in seiner Wohnung von Bewaffneten bewacht. 
Die Leute wollten ihren Ohren nicht trauen. 
Sie hielten bei diesem Manne eine solche That 
für ganz unmöglich. Aber bei näherer Erkundigung 
mußten sie sich zu ihrem Schrecken und Leidwesen 
überzeugen, daß sich die Sache wirklich so verhielt. 
Crocius wurde in der That wegen Todtschlags 
in Untersuchung gezogen und nicht nur seiner 
Aemter vorläufig enthoben, sondern auch bis auf 
Weiteres als Gefangener in seinem Hause be 
wacht. 
Leider fehlen eingehende Nachrichten über den 
Thatbestand. Gerichtliche Protokolle oder über 
haupt amtlich beglaubigte Berichte sind nicht
        

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