Full text: Hessenland (3.1889)

ebensbilöer von Aarburger 
Von Friedrich Mimscher. 
rosessoren. 
Johannes Crocins 
ist einer der Männer des 17. Jahrhunderts, in 
deren Lebenslauf sich die wechselnden und drang 
salvollen Zustände ihrer Zeit besonders deutlich 
abspiegeln. Geboren am 28. Juli 1590 zu 
Laasphe in der Nähe von Siegen als Sohn 
des dortigen Pfarrers und theils in seiner Heimath 
theils ans dem Gymnasium zu Herborn für 
wissenschaftliche Studien vorgebildet, zeichnete er 
sich schon so frühe durch Geistcsgaben, Willens 
kraft und Kenntnisse ans, daß er mit 15 Jahren 
für reif zur Universität gehalten wurde. Er bezog 
daher im Jahre 1605, gerade in dem Jahr, in 
welchem der lange kirchlich-politische Streit zwischen 
Hessen-Darmstadt und Hessen-Kassel entbrannte, 
die seiner Heimath benachbarte Universität Mar 
burg und trieb daselbst mehrere Jahre lang unter 
der Leitung des ebenso witzigen als gelehrten 
Professors Rudolf Goclenins vorzugsweise 
philosophische Studien. Erst drei Jahre später, 
als er nach ruhmvoll bestandener Prüfung die 
Magisterwürde erlangt hatte, wendete er sich 
dem Studium der Theologie zu. Auch hierbei 
zeigte er sich so tüchtig, daß man ihn nach einigen 
Jahren zum Major oder Repetenten d. h. zum 
Aufseher und Führer der durch die Beihülfe 
Hessischer Städte studierenden Theologen bestellte. 
Doch hielt er es zu seiner Ausbildung für an 
gemessen noch auf ein Jahr eine damals zu 
Bremen bestehende Lehranstalt für Theologen 
zu besuchen und bemühte sich erst 1612 im 22. 
Lebensjahr um eine Anstellung im Kirchendienst. 
Der Landesherr, Landgraf Moritz, wußte seine 
Gaben zu schätzen und ernannte den jungen 
Mann zum Hofprediger am Collegium Mauriti- 
anum zu Kassel. Dies war eine vom Landgrafen 
gegründete Hofschule, welche jungen Leuten ans 
den höheren Ständen eine allgemeine Bildung, 
namentlich auch in der Religion, mittheilen sollte. 
Obgleich aber Crocins in dieser Stellung den 
von ihni gehegten Erwartungen vollkommen ent 
sprach, so blieb er doch nicht lange in derselben. 
Als nämlich Johann Sigismund Kurfürst 
von Brandenburg, nicht lange,' nachdem er von 
der lutherischen zur reformirten Konfession über 
getreten war, seinen Glaubensgenossen den Land 
grafen Moritz in Kassel besuchte, wurde er von 
den Predigten des Johannes Crocins so sehr 
angesprochen, daß er den Landgrafen bat, ihm 
den Mann zum Hofprediger abzutreten. Denn 
Crocins predigte nicht nur mit großer Kraft 
und Wärme, sondern auch mit einer damals 
I seltenen Milde gegen Christen anderer Konfession, 
was dem Kurfürsten besonders zusagte. Zwar 
ging Moritz, ans die Bitte seines Gastes nicht 
ein, aber er überließ dem Kurfürsten seinen Hof 
prediger wenigstens auf zwei Jahre. So zog 
denn Crocins, welcher, obgleich er sich inmittelst 
verheirathet hatte, den an ihn gerichteten Bitten 
keinen Widerstand entgegensetzte, als Reiseprediger 
mit dem Kurfürsten nach Berlin und zeitweise 
auch nach Königsberg. In letzterer Stadt 
j hielt er zum Beispiel am 20. Oktober 1616 auf 
! dem dortigen Schloß eine mit großem Beifall 
aufgenommene Friedcnspredigt über Philipper 2, 
1—4. Sein neuer Gebieter bezeigte ihm fort 
während seine Gunst und wollte ihn nicht wieder 
aus seinen Diensten entlassen. Aber Landgraf 
Moritz bestand darauf, daß der früher verabredete 
Termin eingehalten würde, und forderte nach 
zwei Jahren seinen Hofprediger zurück. So kam 
denn Crocins im Oktober 1617 wieder in seine 
frühere Stellung zu Kassel. Allerdings nur für 
ein Jahr. Denn schon 1619 trat er das Amt 
eines Professors der Theologie in Marburg an. 
Der Landgraf hatte ihn schon 1618 zu dieser 
Stelle berufen, allein aus Mißtrauen in seine 
? Kraft hatte Crocins — er war dainals 28 Jahre 
alt — gezögert ein so wichtiges Amt zn über 
nehmen. 
In Marburg nahm er unter den Professoren 
bald eine hervorragende Stellung ein, wurde 
aber darum auch, indem er ein Mann von sehr 
willensstarkem sogar leidenschaftlichem Charakter 
! war, in den zwischen den Universitäten Marburg 
^ itttb Gießen entbrannten kirchlich-politischen Streit 
hineingezogen. Als nämlich Landgraf Btoritz 
in Kassel die Professoren in Marburg und alle 
Geistlichen in Oberhessen, welche seine kirchlichen 
> Aenderungen, von ihm Verbesserungs-Punkte ge 
nannt, nicht annehmen wollten, ihrer Aemter ent 
setzt hatte, so verbot sein Vetter Landgraf Ludwig 
inDarmstadt seinen Landeskindern den Besuch 
der bis dahin gemeinsamen Universität Marburg 
und errichtete 1607 eine eigene Universität in 
Gießen, an welcher er namentlich die v»n Moritz 
abgesetzten Professoren anstellte. Nun eröffneten 
diese einen heftigen Schriftcnkampf gegen das 
Verfahren des Kasselschcn Landgrafen, sowie 
gegen diejenigen Professoren, welche sich den 
Neuerungen desselben gefügt hatten, und ließen 
! es dabei nach der Sitte jener Zeit an harten 
Worten nicht fehlen. Ihre Marburger Gegner 
j zahlten ihnen mit gleicher Münze zurück, und 
! so entstand ein langwieriger giftiger Federkrieg.
        

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