Full text: Hessenland (3.1889)

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Der Traum. 
Jüngst hab' ich dich gesehn im Traum, 
So lieblich saßest du behütet 
In einer Laube grünem Raum, 
Von duftendem Jasmin umblüthet; 
Durch Zweige fiel das goldne Licht, 
Aus Vogelkehlen ward gesungen, 
Du saßest da wie ein Gedicht, 
Von einem Blumenkranz umschlungen. 
Und deine liebe Rechte trug 
Das Antlitz mit so edlen Sitten, 
Im Sand das aufgeschlagne Buch 
Schien von dem Schooße dir geglitten; 
Dich lehnend an den frischen Hag 
Hauchtest du flüsternd leise Küsse, 
Im Auge eine Thräne lag 
Wie Thau im Kelche der Narzisse. 
Dich anzuschaun war meine Lust, 
Zu lauschen deiner Züge Regen, 
Und dennoch hätt' ich gern gewußt, 
Was dich so innig möcht' bewegen? 
Da bogst du sacht hinab den Zweig, 
Strichst lächelnd an der Spitzenhaube, 
An deine Schulter huscht' ich gleich, 
Sah einen Baum in schlichtem Laube. 
Und auf dem Baume saß ein Fink, 
Der schleppte dürres Moos und Reisig, 
„Schau her, schau wieder!" zirpt' er flink 
Und förderte am Nestchen fleißig; 
Er sah so keck und fröhlich aus, 
Als trüg' er des Flamingo Kleider, 
So sorglich hüpft er um sein Haus, 
Als fürcht' er bösen Blick und Neider. 
Und wenn ein Reischen er gelegt, 
Dann rief er alle Welt zu Zeugen, 
Als müsse, was der Garten hegt, 
Blum' und Gesträuch sich vor ihm neigen; 
Um deine Lippe flog ein Zug, 
Wie ich ihn oft an ihr gesehen, 
Und meinen Namen ließ im Flug 
Sie über ihre Spalte gehen. 
Schon hob ich meine Hand hinauf, 
Mit leisem Schlage dich zu strafen, 
Allein, da wacht' ich plötzlich auf 
Und bin nicht wieder eingeschlafen; 
Nur deiner hab' ich fortgedacht, 
Säh' dich so gern am grünen Hage, 
Mich dünkt, so lieb wie in der Nacht 
Sah ich dich noch an keinem Tage. 
Im Eise schlummern Blum' und Zweig, 
Decemberwinde schneidend wehen, 
Der Garten steht im Wolkenreich, 
Wo tausend schönre Gärten stehen; 
So golden ist kein Sonnenschein, 
Daß er wie der erträumte blinke; 
Doch du, bist du nicht wirklich mein? 
Und bin ich nicht dein dummer Finke? 
Auch die von Professor Or. Schlüter heraus 
gegebenen Briese von Annette von Droste (Münster 
W. Russell's Verlag) werfen auf dieses Freund 
schaftsverhältniß ein helles Licht, da die Dichterin, 
die in diesen Briefen ihr Urtheil über fast alle 
Bekannte mit freimüthiger Unbefangenheit ab- 
giebt, — wobei manche bedeutende Persönlichkeiten 
von ihrer launigen Satire scharf beleuchtet werden 
— Amalien's doch stets nur mit dem Ausdrucke 
inniger Werthschätzung und herzlicher Wärme er 
wähnt. 
Von dem nicht geringen Einflüsse der Letzteren 
spricht folgende interessante Stelle in einem Briefe 
an Schlüter, der den Datum: Hülshoff. 13. Dec. 
1838. trägt: 
„Die vielfachen Bitten Molchen H.'s haben 
mich bestimmt, den Zustand unseres Vaterlandes 
wie ich ihn noch in frühester Jugend gekannt, und 
die Sitten und Eigenthümlichkeiten seiner Be 
wohner zum Stoff meiner nächsten Arbeit zu 
wählen; ich gestehe, daß ich mich aus freien 
Stücken nicht dahin entschlossen hätte, denn für 
erst ist es immer schwer, Leuten vom Fache zu 
genügen und in dieser Sache ist jeder Münster 
länder Mann vom Fache. Ich erinnere mich, 
daß einst ein sehr natürlich geschriebenes Buch 
in einer Gesellschaft vorgelesen wurde, die einen 
Soldaten, einen Forstmann, einen Gelehrten und 
einen Diplomaten in sich schloß, jeder war ent 
zückt über alles mit Ausnahme der Stellen, die 
Jedes Fach betrafen. Der Soldat fand Schnitzer 
in den Schlachtscenen, der Forstmann in den 
Jagdabenteuern, der Gelehrte in den philosophi 
schen Tiraden, und der Hofmann in dem Auf 
treten und Benehmen der gekrönten Häupter; 
wie soll es mir nun gehen, der jeder Gassenbube 
im Lande die geringsten Verstöße nachweisen kann? 
Mein Trost ist, daß ich selbst hier ausgewachsen 
und somit so sehr Herrin meines Stoffes bin 
wie keines andern. Schlimmer ist es, daß die 
Leute hier zu Lande es noch gar nicht gewohnt 
sind, sich abkonterfeien zu lassen und den ge 
lindesten Schatten als persönliche Beleidigung 
aufnehmen werden. In Paris und London ist 
es ein Anderes, da haben sich die Leute einen 
breiten Buckel zugelegt und die Schriftsteller sind 
so frech, daß eine Tracht Prügel ihnen mitunter 
wahrhaft heilsam wäre. u. s. w." 
Wir erfahren hieraus, daß Amalie Hassenpflug 
es war, welche die Dichterin zu jener vom köst 
lichsten Humor durchwehten Schilderung west-f 
Mischen Lebens: „Bei uns zu Lande auf
	        

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