Full text: Hessenland (2.1888)

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Naomalkur. 
Erzählung von Wilhelni Dennecke. 
(Fortsetzung.) 
Bevor wir mit Franz und Dora an der 
Gesellschaft im Schröder'schen Staatszimmer 
Theil nehmen, sei noch kurz berichtet, welches 
Gespräch soeben daselbst stattgefunden. 
Frau Hulda hatte, wie wir bereits vernommen 
haben, mit der Frau Pfarrer den Schützenhof 
verlassen, um sich nach Hause zu begeben, unter 
wegs waren beide Damen von der Frau Haupt- 
zollamtskontroleurin eingeholt worden und das 
wohl zusammen harmonirende Trio beschloß, den 
Abend auch in trauter Vereinigung zu be 
schließen, zu welchem Zweck bei Frau Schröder 
ein Täßchen Thee getrunken werden sollte, ob 
gleich der Letzteren bei ihrem Sparsamkeitssystem 
es schon lieber gewesen wäre, wenn sie einen 
geeigneten Vorwand zur Ablehnung gefunden 
hätte, aber sie mußte schließlich gute Miene zum 
bösen Spiel machen. Kaum war jedoch das 
erste der in Aussicht genommenen vielen Täßchen 
geschlürft, als die im besten Zug befindliche 
Unterhaltung, in welcher natürlich nur dem 
Klatsch gehuldigt wurde, eine unliebsame Stö 
rung dadurch erfuhr, daß Herr Daniel auf der 
Bildfläche erschien und zwar in keiner sehr 
rosigen Laune. Frau Hulda hegte anfangs die 
Hoffnung, daß ihr Eheherr sich kurzer Hand 
wieder aus dem ihm sonst nicht sehr sympathischen 
Damenkreise zurückziehen werde, aber sie sollte 
sich getäuscht haben. „Willst du nicht lieber 
mit Franz in der Wohnstube eine Cigarre 
rauchen?" hatte sie ihn gefragt, und darauf 
von ihm die brummige Antwort erhalten, daß, 
wenn er mit Franz eine Cigarre rauchen solle, 
er rechts um kehrt machen und auf den Schützen 
platz zurückmarschiren müsse. „Was?" rief Frau 
Hulda mit noch spitzerer Nase, „Franz ist nicht 
bei dir geblieben? Ich sah euch aber doch zu 
sammen fortgehen." — „Ja wohl, Frau Spionin! 
Ihnen zu dienen!" erwiderte der Gatte, „wir 
waren auch zusammen beim „Geneverschatz", 
wenn Ihnen dies etwa wissenswürdig dünkt, 
aber der Franz ist wieder auf den Berg 
gegangen, höchstwahrscheinlich um noch 'mal 
einen ordentlichen Hopser zu tanzen, aber nun 
gebt mir eine Tasse von eurem Gebräu da 
und die Caraffe mit dem Rum, denn als Haus 
herr kann ich ja wohl auch uneingeladen an den 
Vergnügungen, die hier abgehalten werden, Theil 
nehmen." Mit sichtlichem Widerstreben schenkte 
Hulda ihrem Manne eine Tasse Thee ein und 
holte aus einem Wandschränkchen die Rumcaraffe. 
„So ist's recht, Hollerchen," sagte Herr Daniel, 
y 
als er sich das Getränk nach seiner Methode 
mischte, bei welcher die Caraffe eines beträcht 
lichen Theils ihres Inhalts entledigt wurde. 
„So ist's recht, Hollerchen, so gefällst Du mir, 
mein Erzengel." — „Ich finde es übrigens 
durchaus nicht hübsch von Ihnen, Herr Schröder," 
begann darauf die eine der Damen, nachdem 
die andere sich unwillig geräuspert hatte, „daß 
Sie den Namen Ihrer lieben Frau auf eine 
solche Weise verunstalten." — „Das verstehen 
Sie nicht, Frau Hauptzollamtskontrvleurin," ent- 
gegnete der Angegriffene in großer Seelenruhe 
mit dem Löffelchen in seiner Tasse herumrührend, 
„Hollerchen ist ein ganz allerliebster Name für 
meine theure Ehehälfte, ein Name, wie er gar 
nicht passender für sie erfunden werden könnte." 
„Er hat nichts Christliches an sich," warf die 
Frau Pfarrer ein, „und ich würde mir Solches 
an der Stelle Ihrer Gattin durchaus nicht ge 
fallen lassen." — „Hollerchen ist auch keine 
christliche, sondern eine heidnische Titulatur, Frau 
Pastorin," belehrte sie der unerschütterliche Daniel, 
„Sintemalen das Wort von der Frau Holle 
herkommt, die eine heidnische Göttin und dabei 
eine recht böse Sieben gewesen sein soll und da 
meine Eheliebste auch halb eine Göttin, halb 
eine —" Hulda ließ ihren Mann nicht ausreden, 
sie schnitt ihm den Schlußsatz seiner Auseinander 
setzung ab, indem sie mit schneidender Stimme 
sagte: „Ich finde es von Franz sehr unrecht, 
daß er nicht, wie es sich gehört, wenn man bei 
seinen Eltern zu Besuch ist, um die übliche Zeit 
nach Hause kommt." — „Laß doch dem Jungen 
sein Plaisir," rief der Vater dagegen lind setzte 
die bekannten Worte hinzu: „Wir sind ja auch 
einmal jung gewesen — und haben lieber ein 
Tänzchen gemacht, als bei den Frau Basen ge 
sessen. Bitte tausend Mal um Entschuldigung, 
meine Damen, daß mir das so herausgefahren 
ist." — „Und mit wem glaubst du denn," fuhr 
Hulda fort, um dem Gespräch eine andere Wen 
dung zu geben, „daß der Franz da oben tanzen 
wird?" — „Nun zum Kukuk, mit wem denn 
Anders, als mit der Dora!" — Bei diesen 
Worten setzten alle drei Damen a tempo ihre 
Theetassen, die sie gerade zum Munde führen 
wollten, auf den Tisch und schienen wie hypno- 
tisirt zu sein. 
„Nun, was ist da auf einmal zu sitzen, wie 
Loth's Salzsäule," fuhr Herr Daniel fort, „wenn 
dem Franz die Dora gefällt und er sie zur 
Frau nehmen will, meinen Segen hat er. Ich
        

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