Full text: Hessenland (2.1888)

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gewähren. Auch mein Glück war zertrümmert, 
meine Hoffnungen waren zerschlagen. 
Traurig kehrte ich nach dem Leipziger Thor 
zurück und schlug, ein vernichteter Mensch, den 
Weg nach Kaufungen ein. Da lag der Kirch- 
thurm vor mir, von dem ich vor wenigen Stunden 
so gerührt Abschied genommen hatte. Thränen 
traten mir wieder in die Augen, aber es waren 
Thränen bitteren Schmerzes. — 
Tschernitscheff hatte sich in Kassel aller Kassen 
und Magazine bemächtigt und besorgt, seine Beute 
in Sicherheit zu bringen, eilig den Rückmarsch 
über Münden und Göttingen angetreten. Das 
Königreich Westfalen hatte er durch eine Prokla 
mation für aufgelöst erklärt und bei seinem 
Abzüge die oberste Gewalt einer Regierungs 
Kommission, die aus den angesehensten Beamten 
und Bürgern der Stadt gewählt worden war, 
übergeben. Zur Aufrechterhaltung der äußeren 
Ordnung wurde eine Bürgergarde gebildet. 
Am 8. Oktober war im Auftrage des Königs 
General Allix wieder in Kassel eingetroffen, und 
am 16. d. M. langte der König dort an. Viele 
flüchteten aus der Stadt, weil sie strenge Maß 
regeln der Regierung befürchteten. Die Mitglieder 
der von den Russen eingesetzten Regierungs 
kommission und Andere, die kompromittirt waren, 
wurden festgenommen, um vor ein Militärgericht 
gestellt zu werden; aber kein Urtheil ist vollzogen 
worden. 
Die Regierung, von den Vorgängen in Sachsen 
wohl näher unterrichtet, als sie im Allgemeinen 
bekannt waren, mochte fühlen, daß es mit der 
französischen Herrschaft in Deutschland und dadurch 
auch mit ihrem Bestehen, bald zu Ende sei. 
Am 26. Oktober verließ der König zum zweiten 
Male Kassel, um nie wieder zurückzukehren. In 
der Nacht vom 28. zum 29. trafen die Russen 
abermals in Kassel ein, jetzt aber mit klingendem 
Spiel. 
Am 30. Oktober langte der Kurprinz von 
Hessen in Kassel an und am 21. November hielt 
der Kurfürst seinen Einzug. 
* * 
* 
Mit heißer Ungeduld hatte ich erwartet, daß 
ein Aufruf erscheinen würde, der auch die Hessen 
aufforderte, zu den Waffen zu greifen, aber ver 
gebens harrte ich von Tag zu Tag. Erst am 
12. Dezember ist ein solcher Aufruf erschienen. 
Während dessen sah ich täglich russische Truppen, 
die nach dem Rhein vorrückten, durchziehen und 
meine Ungeduld Soldat zu werden, erreichte den 
höchsten Grad. 
Da kam eines Abends, es mag am 5. oder 
6. Dezember gewesen sein, ein Bekannter zu 
meinem Onkel und erzählte, daß in der benachbarten 
hannöverschen Stadt Münden junge Männer 
zum Eintritt in's Militär angenommen würden. 
Ich hatte tagsüber oft am Fenster gestanden und 
den vorbeiziehenden Truppen schmerzlich nach 
gesehen; hatte in bitterem Unmuth die Feder 
zerstoßen und das Schreiben verwünscht. Da 
schlug diese Mittheilung mir wie ein Blitz in 
die Seele. Münden war nur drei Meilen 
weit — worauf sollte ich noch warten? Wer 
weiß, wenn ich später in die hessischen Truppen 
eintreten wollte, ob meine Angehörigen, auf deren 
Einwilligung ich nie rechnete, mein Vorhaben 
nicht vereitelten, was ihnen in Hessen leichter 
werden mußte, als wenn ich in Hannover eintrat. 
Um für Deutschland zu fechten, wollte ich 
Soldat werden und von einer hannoverisch 
deutschen, wie von einer russisch-deutschen Legion 
hatte ich viel erzählen hören. 
Da faßte ich den Entschluß, nach Münden, 
zu gehen. Ich legte mich zeitig zu Bett, konnte 
aber vor Unruhe nicht einschlafen. Die halbe 
Nacht hörte ich die Uhr des Kirchthurms, die 
mich so oft zu unwillkommener Arbeit gerufen 
hatte, schlagen. Nun brauchte ich mich nicht 
mehr am Schreibtisch zu quälen und dachte mit 
Entzücken daran, daß mir bald andere Glocken 
schlagen sollten. Zur gewöhnlichen Zeit stand 
ich am Morgen auf, frühstückte mit der Familie 
und ging an meinen Schreibpult — aber nur 
um diesmal mein Taschengeld einzustecken. Ich 
ging durch den Garten ans einen Feldweg, der 
das Dorf umging und gelangte so auf die Kasseler- 
Straße. Vom Kirchthnrm nahm ich keinen Abschied! 
Der nächste Weg nach Münden war mir unbe 
kannt; ich ging deshalb bis Kassel, wo vor dem 
Leipziger Thor, wie ich wußte, die Straße nach 
Münden abbog. Ich war so eifrig zugeschritten, 
daß ich schon gegen Mittag in Münden anlangte. 
Blöde und unerfahren, war ich in Verlegenheit, an 
wen ich mich wenden sollte, auch in Besorgniß, ob 
man mich nehmen würde, als ein Herr in bürger 
licher Kleidung mich anredete und fragte: „Wollen 
Sie Soldat werden?" Ich war so freudig er 
schrocken, daß mein Ja kaum über die Lippen kam. 
„So kommen Sie mit", sagte der Herr und ich 
folgte ihm auf ein Bureau, wurde registrirt, mit 
einem Quartierbillet versehen und angewiesen, mich 
nachmittags 4 Uhr zum Appell einzufinden. 
So war ich denn endlich Soldat! 
(Schluß folgt.)
        

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