Full text: Hessenland (2.1888)

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Gefreiter mit zwei Mann seine Wachtstube auf 
geschlagen. Ich brachte ihnen zu essen und Wodki 
und der Gefreite, welcher etwas Deutsch radebrechte, 
erzählte mir dafür in dankbarer Anerkennung 
die Geschichte seiner Feldzüge und wie viel 
Schweden, Türken und Franzosen er schon „kaput" 
gemacht habe. Als er mir eine Zahl von Tausenden 
von Franzosen nannte, die beim Uebergang über 
die Elbe ertrunken sein sollten und doch zweifel 
haft zu sein schien, ob ich die Größe dieser Zahl 
richtig verstanden habe, nahm ich, um ihn zu 
beruhigen, Kreide und schrieb die Zahl in arabischen 
Ziffern auf den Tisch. Er war hoch erfreut, daß 
wir dieselben Ziffern kannten, nahm die Erzählung 
der Schlachten, denen er beigewohnt oder auch wohl 
nicht beigewohnt, wieder auf und, die Kreide in 
der Hand, schrieb er nun die vielen Tausende von 
Feinden aus den Tisch, die er in den Schlachten 
umkommen ließ. Hatte er dann so an zwanzig, 
dreißig Tausend Türken oder Franzosen nieder 
geschrieben , so feuchtete er die Hand mit den 
Lippen, fuhr über die Zahlen hin und wenn sie 
verschwunden waren, sahermich mit triumphirendem 
Lächeln an, als ob er fragen wollte, wo sind sie 
geblieben? 
Dieser brave Kosack zeigte mir sein Georgskreuz 
und zwei Medaillen, die er als Belohnung seiner 
Tapferkeit trug. Sein religiöser Eifer trat be 
sonders hervor, denn Türken ließ er in übermäßiger 
Zahl umkommen und seine Erbitterung gegen die 
Franzosen beruhte hauptsächlich auf dem Umstande, 
daß sie in russischen Kirchen Christus- und Heiligen 
bilder zerschlagen haben sollten. Sein Frauzosen- 
haß war so groß, daß während er im Stall 
mehrere Pferde liebkosend streichelte, er nie bei 
einem Beutepferd vorüber ging, ohne ihm unter 
heftigen Schimpfworten einen Stoß zu geben/ — 
Am anderen Morgen erfuhren wir die Neber- 
gabe von Kassel. Unser verwundeter Offtzier 
wurde sorgfältig in Betten verpackt auf einen 
Wagen gehoben und fuhr nach Kassel, nachdem 
er meinen Onkel hatte rufen lassen und ihm mit 
Zeichen für die Ausnahme gedankt hatte. . 
VI. 
Von den Nachrichten, die wir aus Kassel er 
hielten, war mir die interessanteste, daßein Bataillon 
Freiwilliger errichtet wurde, dessen Formirung 
schon bei Melsungen begonnen hatte, und in das 
ich schon auf dem Forst gern eingetreten wäre, 
um den Angriff auf Kassel mitzumachen. 
Jetzt wollte ich dorthin gehen und mich zum 
Eintritt melden; doch war ich mir sehr wohl 
bewußt, daß ich bei meiner Jugend — ich war 
noch nicht sechszehn Jahre alt, — bei meinen 
nicht bedeutenden Körperkräften die Einwilligung 
meiner Eltern, Soldat zu werden, nicht erhalten 
würde, am wenigsten in einem Truppentheil 
unter dem Befehl eines russischen Parteigängers. 
In jener Zeit aber war die Aufregung in 
Deutschland, das Verlangen, die Waffen gegen 
die Franzosen zu ergreifen, so groß, so allgemein 
verbreitet, daß alle Familienrücksichten sich dieser 
leidenschaftlichen Begeisterung unterordnen mußten. 
Die größte mir vorschwebende Besorgniß war 
die, daß man mich nicht nehmen möchte. 
An einem Donnerstage war der zweite Angriff 
Tschernitscheff's auf Kassel erfolgt. Freitag und 
Sonnabend trug ich mich mit meiner Absicht 
ohne zum Entschluß zu kommen, am Sonntag aber 
führte ich sie aus. Nach Tisch »ahm ich meine 
Mütze, that als ob ich spazieren gehen wollte 
und schlug den Weg nach Kassel ein. So groß 
war meine Unbekanntschaft mit den Verhältnissen 
des Lebens, daß ich nicht einmal das Taschengeld, 
welches ich besaß, zu mir steckte. Wie hätte ich 
auch glauben können, daß ich Geld bedürfen 
würde, da ich im Begriff war, in ein Korps 
einzutreten, das alle königlichen Kassen in Beschlag 
genommen hatte. So leichtsinnig ich aber auch 
war, vor dem Dorf überfiel mich doch ein Gefühl 
der Wehmuth. Ich sah nach dem Kirchthurm 
zurück, den ich von Kindheit an so oft freudig 
begrüßt hatte, wenn ich zum Besuch der Groß 
eltern eilte — in meiner Erinnerung die schönsten 
Tage meines Lebens. Ich gedachte meiner Eltern 
und Geschwister, meiner Großeltern und Ver 
wandten, die ich alle nun verließ und Thränen 
stürzten mir unwillkürlich aus den Augen. Wann 
würde ich diesen Kirchthurm wieder erblicken? 
Aber ich kämpfte die Bangigkeit nieder und setzte 
meinen Weg fvrt. 
Bald nach 2 Uhr Mittags traf ich in Kassel 
ein. Doch wie groß war mein Erstaunen und 
meine Bestürzung, als ich nirgends mehr Russen 
und Kosackcn sah. Tschernitscheff und sein Korps 
hatten Kassel verlassen und die Stadt zeigte ein 
Bild der Unordnung. Auf offener Straße lagen 
Waffen und Militaireffekten aus den geplünderten 
königlichen Magazinen. Kosacken hatten Arme 
voll Karabiner, Säcke voll Schuhwerk, große 
Ballen Tuch für wenige Groschen an die Vorüber 
gehenden verkauft, sie auch mit Gewalt zum 
Ankauf gezwungen; da aber der nächste Kosack 
sie dem Käufer wieder abnahm, um sie für seine 
Rechnung von Neuem zu verkaufen, so waren 
diese Gegenstände schließlich unbeachtet ans der 
Straße liegen geblieben. 
Wo waren nun meine stolzen Hoffnungen, 
schon heute einen Czako aufsetzen, ein Gewehr 
mein nennen zu können! Ich ging durch die 
Straßen bis zum Königsplatz, sah hier die 
verstümmelte Statue Kaiser Napoleons; aber 
dieser Racheakt konnte mir keine Befriedigung
        

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