Full text: Hessenland (2.1888)

8 
Grenadier Hopffeld, Flügelmann in einer der 
kurfürstlichen Garde-Kompagnien, ein Mann von 
stattlicher Größe und martialischem Aussehen, 
von großer Körperkraft und voll kriegerischen 
Muthes, in seinen bürgerlichen Verhältnissen 
ein armer Tagelöhner und Vater einer zahlreichen 
Familie, war der Nachbar meines Onkels, des 
Postmeisters, der wegen seines eben so liebens 
würdigen als entschiedenen Charakters ein großes 
Ansehen in der Stadt genoß. Bei seinem Nach 
bar Hopffeld wurde aber diese Hochachtung durch 
Gründe militärischer Disziplin wie bürgerlicher 
Nahrung noch gesteigert, — denn mein Onkel 
war Lieutenant in der Miliz gewesen und ließ 
sein Klafterholz durch seinen Nachbar sägen und 
spalten. 
Hopffeld, um seinen thatenlustigen Kameraden 
Beschäftigung zu geben und sie zu Unterneh 
mungen größerer Art vorzubereiten, hatte einen 
nächtlichen Ueberfall des nicht weit entfernten 
reichen Stiftes Kauffungen beschlossen, um die 
Kaffengelder dem Feinde zu entziehen. Aber 
die Ausführung scheiterte, indem der Marschall 
Mortier ihm zuvorgekommen und das Stift 
stark hatte besetzen lassen. Hopffeld machte anderen 
Morgens meinem Onkel Mittheilung von dem be 
absichtigten Unternehmen und dessen ungünstigem 
Erfolg, wobei er sehr niedergeschlagen war und mit 
fast wehmüthiger Stimme sagte: „Das Stückchen 
Brot haben diese Hunde von Franzosen auch 
wieder meinen Kindern vor dem Munde weg 
gerissen." Mein Onkel schenkte ihm zur Beruhigung 
zwei Weißpfennige, die er dankbar annahm. 
Hopffeld ging nach Hause, puderte Kopf und 
Locken, putzte Knöpfe und Seitengewehr, die von 
der nächtlichen Expedition angelaufen waren und 
ging vor die Stadt nach der Erbsmühle, um 
dort in einem Glas Nordhäuser seinen Schmerz 
zu begraben. Er mochte etwa eine Stunde fort 
sein, als sich in der Stadt das Geschrei erhob: 
„Der Hopsfeld hat zwei Franzosen gefangen." 
Die ganze Bürgerschaft, Weiber und Kinder 
stürzten aus den Häusern, um die Gefangenen 
zu sehen. Ich war nicht der letzte. Gemessenen 
Schrittes sahen wir unseren Grenadier seinen 
Triumphzug durch die Hauptstraße halten. Vor ihm 
gingen zwei französische Chasseurs — cs waren die 
ersten Franzosen, die wir sahen. Die Pferde der ent 
waffneten Reiter, deren Säbel am Sattel befestigt 
waren, führte Hopffcld am Zügel. Ein wildes 
Geschrei umtobte die Gefangenen. „Hängt sie 
auf! Schlagt sic todt!" schrie das Volk von 
allen Seiten. Am ärgsten schrie ein Schneider, 
der früher in Lyon gearbeitet hatte, deshalb als 
Franzosenfreund galt lind diese Gelegenheit be 
nutzen wollte, einen solchen Verdacht von sich 
abzuwälzen. Unser Grenadier aber achtete nicht 
dieser Schneiderseelen und ihres Geschreis, forderte 
mit gebieterischer Stimme Platz für sich und 
seine Gefangenen, führte sie zu meinem Onkel 
und erstattete seinen Bericht: „Ich trinke in der 
Erbsmühle mein Schnäpschen, Herr Lieutenant, 
und denke nichts Arges; da sehe ich durchs 
Fenster vom Schiefcrberge herab zwei Reiter 
kommen. Ich betrachte mir die Burschen genauer 
und erkenne Franzosen. Ich stelle inich im 
Querenberg auf, ihnen beit Weg abzuschneiden. 
Die beiden Chasseurs ritten nachlässig ihre 
Straße, ohne aufgenommene Hieb- oder Schuß 
waffe. Ich stand hinter einem Baume, da wo 
die Straße sich biegt, und hatte mein Seitengewehr 
in der Faust — indem kamen sie um die Ecke. 
Ich springe vor, schwinge den Säbel und schreie: 
Halt! — Abgesessen! — Die Kerle, nichts ver 
muthend , sind wie vom Donner gerührt. Ich 
ließ ihnen nicht Zeit sich zu besinnen, schreie 
nochmals: Abgesessen! und reiße dabei den Einen 
aus dem Sattel, daß er an der Erde lag. Das 
hatte der Andere verstanden, er schrie: Pardon! 
Pardon! und sprang vom Pferde. Ich nahm 
ihnen die Säbel ab, die Pferde an die Hand 
und ließ die Gefangenen vor mir hergehen. Ich 
wollte nun fragen, Herr Lieutenant, sollen wir 
die Kerle todt schlagen?" 
Die beiden Franzosen, die begreifen mochten, 
daß ihr Schicksal von dem Ausspruch meines 
Onkels abhing, warfen sich ihm zu Füßen. Jetzt 
nahm der Onkel seine volle militärische Haltung 
an und mit fester Stimme, wie cs dem Befehls 
haber geziemt, gab er seine Entscheidung. „Kriegs 
gefangene werden nicht todtgeschlagen. Was die 
Gefangenen an Geld und Gcldcswerth bei sich 
haben, gehört dem, der sic gefangen genommen 
hat, ebenso die Waffen; sie behalten ihre Uniformen 
und ihr Gepäck und werden mit ihren Pferden 
ins hessische Hauptquartier »ach Eschwege gebracht." 
„Wie Sie befehlen, Herr Lieutenant," sagte 
der Grenadier, ließ sich von einem der Chasseurs 
dessen Taschenuhr und von beiden das wenige 
baare Geld, welches sie hatten, geben, nahm die 
Säbel, Karabiner, Pistolen und Munition an 
sich, ordnete aus seinen Kameraden ein militärisches 
Kommando, welches sich mit ihm und den Ge 
fangenen auf einen Wagen setzte, und so fuhren 
sie nach Eschwege 
Es blieb allerdings schwer zu erklären, wie 
zwei wvhlbcwasfnete Reiter einer kriegsgeübten 
Nation, sich von einem einzigen, nur mit einem 
Seitengewehr bewaffneten Infanteristen gefangen 
nehmen lassen können; aber es ist eine Thatsache, 
die ich erlebt habe, und-wenn gleich ich noch lein 
Knabe war, so hatte ich doch von Kindheit an 
eine ruhige und richtige Beobachtungsgabe, ganz 
besonders aber, wenn es sich um Soldaten handelte,
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.