Full text: Hessenland (2.1888)

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Fast in derselben Stunde, an demselben Tage, in 
demselben Jahre und kaum zehn Wegstunden abseits 
von Gaspariche flochten bei dem Dorfe Aumetz hessische 
freiwillige reitende Jäger, Söhne der reichsten und 
angesehensten Familien des Hessenlandes unter der 
Anführung des Lieutenants von Baumbach — zwölf 
Mann und ein Trompeter stark — durch ein eben 
solches Bravourstückchen dem Lorbeerkranze althessischer 
Tapferkeit ein hellstrahlendes, unvergängliches Reis ein. 
Diese kleine wackere Schaar war auf der Ver 
folgung eines französischen Streiskorps begriffen, das, 
im Rücken des hessischen Heeres operirend, einige 
Vortheile errungen und aus dem Rückzüge begriffen 
war. Nach dreistündigem, scharfem Ritte hollen die 
Reiter das aus zweihundert Mann bestehende von 
trefflichen Offizieren geführte feindliche Detachement, 
in der Nähe des genannten Dorfes, ein. Der wackere 
Trompeter blies in allen Tonarten die verschiedensten 
Signale und machte dadurch dem Feinde glauben, er 
hübe eine größere Heeresabtheilung vor sich. Dann 
fiel, angesichts der großen Uebermacht, von Baum- 
bach's Kommando zur Attaque, und wie eine 
Windsbraut fegten die Reiter, die Säbel hoch und 
die Zügel verhängt, dazwischen, hieben ein und brachten 
durch diesen überraschenden Angriff die verplüffte 
Truppe in Unordnung, die alsbald in eine regellose 
Flucht überging. 
Der Trompeter aber, 
„Der so famos geblasen," 
war nicht nur ein guter Trompeter, er war ein noch 
wackerer Husar, der den Husaren-Säbel nicht minder 
zu gebrauchen verstand, als die Trompete und, als 
einer der Vordersten beim Angriff, den Führer der 
feindlichen Truppe vom Pferde hieb. 
So wurde die fast zwanzig mal größere feindliche 
Truppe wie im Nu gesprengt, und Viele, darunter 
fast sämmtliche Offiziere, gefangen eingebracht. 
Der Trompeter hieß Siemon, lebte 1863 noch zur 
Zeit der großen fünfzigjährigen Jubelfeier der Schlacht 
bei Leipzig und machte als Veteran den Festzug in 
Kassel mit. — 
So waren unsere Väter! und mit Rücksicht darauf 
lassen wir es uns gern gefallen, wenn man uns die 
„Blinden" nennt. Wahrlich, wir haben nicht nöthig, 
fremden Ruhm für unsere Truppen einzuheimsen; 
denen aber, die uns mit „blinden Hessen" zu nör 
geln vermeinen, rufen wir zu: 
„Ihr — ihr dort draußen in der Welt 
Die Nasen eingespannt! 
Auch manchen Mann, auch manchen Held, 
Zn» Frieden gut und stark im Feld 
Gebar das — „Hessen"-Land. 
Ludwig Mohr. 
Ein ungedruckter Spruch von Goethe. 
Einem Freunde unseres Blattes verdanken wir nach 
folgenden Denkspruch, den Goethe dem bekannten 
Maler Professor Moritz Oppenheim (einem ge 
borenen Hanauer) gewidmet hat: 
Die Nachtigall war lang entfernt, 
Der Frühling lockt sie wieder. 
Neues hat sie nicht gelernt, 
Singt alte, liebe Lieder. 
Zusätzliche Geschichts-Vermerke zu der 
„Hessischen Ehrentafel": l) Vom Mai 1756 bis 
Mai 1757 deckten jene 12,000 Hessen zum Theile 
die englische Grafschaft Southampton gegen fran 
zösische Landungen. 
2. ) In der Schlacht von Minden, 1. August 1759, 
bildeten die Hessen den linken Flügel der Verbündeten, 
und lag ihnen zumal der Kampf gegen französische 
Geschütz-Stellungen ob. Hier darf des Garde-Gre 
nadier-Regimentes noch erwähnt werden, das in wild 
freudigem Jauchzen eine starke mit 16 Stücken be 
wehrte Verschanzung eroberte. 
Da einige Jahre später Herzog Ferdinand als 
Gast zu Kassel weilte, und ihm der Landgraf auf 
Parade die einzelnen Offizier-Korps vorstellte, wehrte 
Jener bei den Garde-Grenadieren ab, indem er in 
die begeisterten Worte ausbrach: „wie mächte ich je 
mals Euer vergehen, schaue ich doch noch im Geiste, 
wie Ihr die große Batterie mit dem Bajonette nähmet!" 
Uebrigens hatten zwei Bataillone hessischer Garde, 
die in Mitten der Schachtordnung fochten, Antheil 
an jenem ewig denkwürdigen Vormärsche der englisch- 
hannöverschen Brigade Waldesgrave zum Angriffe auf 
63 französische Schwadronen. 
3. ) Die französischen Scharen im siebenjährigen 
Kriege sollten ebenwohl als Reichs-Truppen gelten, 
und waren an Oesterreich „versoldet" (verkauft!); 
Maria Theresia löhnte sie für Kaiser und Reich. 
Bezüglich der am 30. November 1759 bei Fulda 
geschlagenen würtembergischen, von Frankreich gelöhnten 
Reichs-Truppen lag also eine Schiebung im Soldes- 
Verhältnisse vor. 
Man sei staatsrechtlich eingedenk, daß Preußen, 
Braunschweig-Hannover, sowie Hessen-Kassel sich in 
Reichs-Acht damals befanden. v. Fff. 
Wir fügen obigen Geschichts-Vermerken nach 
stehende Berichtigungen hinzu: 
Es kommen in Nr. 4 und 5 des „Hessenlandes" 
in der „Hessischen Ehrentafel" mehrere Druckfehler 
vor, die wir zu korrigiren bitten. So muß es Seite 59 
bei der Schlacht bei Minden und beim Ueberfall von 
Wetter das Jahr statt 1758 — 1759 heißen, 
ferner muß Seite 73 statt Bellingshausen Willings 
hausen und Seite 73 statt Reuberger — Reis- 
bergschanze stehen. 
Außerdem bemerken wir noch, daß^ die Vertheidi 
gung der Brücker Schanze am 21. September 1762 
besonders das Verdienst des Obristen v. Ditfurt ge 
wesen ist, welcher dieselbe mit Freiwilligen des Leib- 
Regiments behauptete und jenen Leichenwall bauen 
ließ. S.
        

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