Full text: Hessenland (2.1888)

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S » « e t t. 
Bist du's, um deren Nacken ich die Arme 
schlage? 
Die gold'ne Sonne meiner Lust und Freude? 
Der holde Frühling, der mir Blumen streute? 
Bist du's, mein junges Glück vergang'ner Tage? 
O dann vergieb dem Ungestüm der Klage, 
Die jetzt, ach jetzt, sich thränenvoll erneute, 
Als ob, vermengend ehemals und heute, 
Berwichner Schmerz an meinem Leben nage. 
Seitdem sich wieder unsre Lippen fanden, 
Tagt hell und Heller mir mein ganzes Wesen 
Und hält die Freude fest an tausend Banden. 
Zu neuer Jugend fühl' ich mich genesen, 
Als wär' ich eines Zauberschloss erstanden 
Und, was ich litt, ein kurzer Traum gewesen. 
<Ä. Sraücrt. 
Schneeglöckchen. 
Ich kenn' ein Glöckchen, klein und zart, 
Das ist von ganz besond'rer Art, 
Sticht hat es Klang, 
Nicht hat es Sang, 
Hängt auch nicht auf des Thurmes Höh', 
Am Stielchen hüngt's, oft tief im Schnee. 
Der Schnee, er ist sein lieber Freund, 
Er lebt mit ihm so ganz vereint, 
Er deckt es zu 
Zur stillen Ruh', 
Doch ist der Frühling nicht mehr weit, 
Dann scheiden sie auf lange Zeit. 
Das Glöckchen hat ein Jeder gern, 
Wenn's auch nicht läutet in die Fern', 
Ruft's doch im Hain 
Den Frühling ein, 
Und still verkündet's Wald und Flur, 
Das Neuerwachen der Natur. 
Da sprießen aus der Erde Schovß 
Der Blümchen viele, klein und groß, 
Blau, roth und weiß, 
Zu Gottes Preis; 
Und Alles ruft: „Schneeglöckchen da, 
Der Frühling nah', der Frühling nah'!" 
Gart Weber. 
Aus alter und neuer Zeit. 
Zwei Reiterstückchen blinder Hessen. 
Ihr — ihr dort draußen in der Welt, 
Die Nasen eingespannt! 
Auch manchen Mann, auch manchen Held, 
Im Frieden gut und stark im Feld, 
Gebar das Schwabenland. 
Fr. Schiller. 
„Gebar das Hessenland w ! würden wir setzen, und 
da draußen die, die da fortwährend an Land und 
Volk und seiner Geschichte herumzunörgeln haben, 
sollten das wissen. „93Unb“ nennen sie uns dort 
draußen, und necken uns mit allerlei Anekdötchen, die, 
abgesehen davon, daß sie nicht wahr, oft so jämmer 
lich erfunden und abgeschmackt sind und eine noch 
jämmerlichere Mache verrathen, daß sie den Erzählern 
und noch viel weniger dem Erfinder zur Ehre ge 
reichen. Daß das Attribut „ bliiib“, womit man 
uns beehrt, fast ebenso alt als der Name Hessen, 
daß es zurückzuführen ist auf den ungestümen Muth, 
mit dem unsere Altvordern beim Angriff „alla zu!"*) 
„fd)urri ! u drauf los gingen, als sähen sie des Feindes 
Menge nicht, oder wollten sie nicht sehen, das zu 
wissen fällt Jenen nicht ein. 
So ein paar Beispiele ungestümer Angriffsweise 
„blinder Hessen" will der Verfasser jetzt erzählen. 
Es war während des Feldzugs in Frankreich im 
Jahre 1814. — Der int Jahre 1861, wenn der 
Verfasser nicht irrt, zu Kassel verstorbene, pensionirte 
Obrist-Lieutenant und ehemalige Kommandeur der 
hessischen dunkelblauen Husaren (2. Husaren-Regi- 
ment), Mauritius, war dazumal noch ein blutjunger 
Husaren-Lieutenant. Am 18. März des genannten 
Jahres traf er mit 19 Mann seiner Husaren bei 
Gaspariche auf ein französisches Infanterie-Korps, 
das, einhundert Mann stark, in geschlossenem Carre 
stand und in nicht allzu weiter Entfernung durch 
Reiterei und Artillerie gedeckt war. 
Weder die Ueberzahl, noch die gute Stellung 
schreckten den jungen Husaren-Führer; sein Kom 
mando „zur Attaque"! fiel und „alla zu" und 
„schürn" sausten die wildherzigen Reiter, er an der 
Spitze, in unwiderstehlichem Choc in den Feind, das 
Carre ward total gesprengt, und, was nicht weichen 
wollte, niedergehauen oder -geritten. Sieben Bajonet- 
stiche erhielt bei diesem Bravourstückchen Mauritius, 
das ihm für alle Zeit den Ruf eines kühnen Reiter- 
Führers sicherte. 
*) „Alla zu" war, wie „Schurri", das althessische 
Hurrah, mit welchem man den Angriff begleitete. In 
Niederhessen begegnet man dem Rufe noch öfters. So 
erinnert sich der Verfasser, daß die Knaben in seiner 
Vaterstadt Homberg beim Schneebällen den Angriff aus die 
Gegenpartei mit diesem Rufe zu begleiten pflegten. Viel 
leicht giebt der eine oder andere geehrte Leser des „Hessen 
landes" an dieser Stelle Auskunft über die sprachliche 
Abstammung des Ausruss. Der Vers.
	        

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