Volltext: Hessenland (2.1888)

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Dora's Mutter war gestorben, als sie dem Kinde 
das Leben gab, und ihr Vater, einer der tüchtigsten 
ersten Arbeiter in der Fabrik, war, ohne sein 
Verschulden in Ausübung seines Berufs verunglückt. 
Unter diesen Verhältnissen hielt es Daniel Schröder- 
für seinx Pflicht sich des verwaisten Kindes an 
zunehmen und sogar mehr für dasselbe zu thun, 
als man billig von ihin hätte verlangen können. 
Dora wurde, als ob es sein eigenes Töchterchen wäre, 
erzogen und suchte ihrerseits durch Liebe, Fleiß 
und Gehorsam die ihr zu Theil gewordenen 
Wohlthaten zu vergelten, sodaß selbst Frau Hulda 
nach und nach sich mit dem Gedanken aussöhnte, 
mit einer eigentlich unnöthigen Sorge belastet 
worden zu sein. In der letzteren Zeit aber be 
handelte sie Dora mit erneuter Kälte und zwar 
aus dem Grunde, weil ihr scharfes Auge die 
Entdeckung gemacht hatte, daß Franz für das 
junge Mädchen wärmere Gefühle hegte, als sie 
für seine ehemalige Spielgefährtin nöthig waren. 
Als Franz wieder auf dem Festplatz anlangte, 
war es bereits dämmrig geworden. Au den 
Glücksbuden und in den Zelten wurden Lichter 
angezündet und auch das Caroussel setzte seine 
unermüdliche Bewegung bei Beleuchtung fort. 
Am Glänzendsten aber strahlte selbstverständlich 
der Tanzboden, auf welchem die Paare gerade 
in einer Polka dahinflogen. Franz drängte sich 
durch das Gewühl der lachenden und schreienden 
Menschen nach dem Mittelpunkt des Platzes, er 
ging an dem Honoratiorenzelt vorüber und warf 
einen forschenden Blick über die in demselben 
anwesenden Herrschaften; als er weder seine 
Mutter, noch Dora unter ihnen fand, wandte 
er sich den Tanzenden zu, ohne daß er jedoch 
den Gegenstand, welchen er suchte, dort bemerkte. 
„Sie werden schon nach Hause gegangen sein," 
dachte der junge Mann, als er sich langsam aus 
dem Getümmel entfernte und einer Zeinsamen 
Stelle zuschritt, wo er früher gern verweilt hatte. 
Sie lag einige hundert Schritte von dem Fest 
platz, an dem Rande des kleinen Plateaus. Eine 
Buche breitete dort ihre Aeste über eine steinerne 
Bank aus, wo er als Knabe oft mit Dora ge 
sessen und ihr vorerzählt hatte, was er alles 
thun wollte, wenn er erst einmal aus der Schule 
wäre. Dort wollte er sich die vergangenen schöneren 
Tage so recht lebhaft in das Gedächtniß zurück 
rufen, um daraus Trost für die Zukunft zu 
schöpfen. Als er sich der Stelle näherte, be 
merkte er, daß sich zwei Gestalten unter der 
Buche bewegten, deren Umrisse sich an dem 
wolkenlosen Horizont noch scharf genug absetzte», 
um ihre Gebcrden erkennbar zu machen. Es 
war ein Mann und ein weibliches Wesen. Zu 
erst wollte Franz umkehren, dann aber setzte er 
seinen Weg plötzlich mit schnelleren Schritten 
fort, da er die weibliche Gestalt eine heftige, 
abwehrende Bewegung machen sah und es zugleich 
wie ein leiser Hülferuf an sein Ohr scklug. Er 
hatte den Beiden sich bis auf eine kleine Ent 
fernung genähert und hörte deutlich die Worte: 
„Wenn Sie sich nicht sofort entfernen, werde ich 
Herrn Schröder von Ihren Zudringlichkeiten in 
Kenntniß setzen und ich bin überzeugt, daß er 
mich vor Ihrer ferneren Verfolgung energisch 
schützen wird!" 
„Bei welchem Herrn Schröder wollen Sie 
Schutz suchen, reizendes Mädchen?" fragte der 
also Abgewiesene. „Bei dem alten oder vielleicht 
bei dem jungen — ?" 
Er hatte die letzten Worte noch nicht vollendet, 
als er von hinten unsanft am Kragen gefaßt 
und zu Boden geschleudert wurde. Franz hatte 
Doras Stimme erkannt und befreite sie auf 
diese ebenso einfache, als wirkungsvolle Weise 
von ihrem Quäler, der niemand andres, als 
Herr Wiesthaler, der Geschäftsführer seines Vaters, 
war. In überwallendem Gefühl warf Dora sich 
einen Augenblick an die Brust ihres Beschützers, 
während das geschniegelte Herrchen auf der Erde 
sitzend ganz unfreiwillig eine sehr komische Figur 
bildete. 
„Was ist hier vorgegangen, Dora?" fragte 
Franz. 
„Wenn wir allein sind, will ich dir Alles er 
zählen," erwiderte das junge Mädchen, sich aus 
Franzens Armen losmachend und auf die Seite 
tretend. 
„Nun ich hoffe, daß dies sofort der Fall sein 
wird," rief Franz, Wiesthaler, welcher sich in 
zwischen aufgerichtet hatte, mit einem drohenden 
Blick messend. Der gedemüthigte Liebhaber hob, 
ohne ein Wort zu erwidern, seinen auf die Erde 
gerollten Hut auf, entfernte sich einige Schritte, 
sah sich dann noch einmal mit einer drohenden 
Pantomime nach dem Paare um und ver 
schwand darauf in der immer mehr sich ausbrei 
tenden Dämmerung. Franz zog die bebende 
Dora neben sich auf die Bank unter die leise 
im Winde rauschenden Zweige der Buche und 
bestürmte sie mit einem Dutzend Fragen über 
das Geschehene, bevor sie noch eine derselben 
beantworten konnte. 
„Du kannst dir ja wohl denken, wie es ge 
kommen ist," sagte Dora, als sie endlich zu 
Worte gelangte, „Wiesthaler, von welchem ich 
schon während des Tanzens mehr hatte hören 
müssen, als mir lieb war, verfolgte mich, nach 
dem die Mutter mit der Frau Pfarrer nach 
Hause gegangen war, auch hierher und —" 
Dora stockte. 
„Und belästigte dich mit seinen Commis- 
voyageur-Manieren," ergänzte Franz. „Der
        

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