Full text: Hessenland (2.1888)

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zug gegen Kaufungen. Mein Onkel und ich 
folgten ihm zögernd. 
Bei dieser Gelegenheit that ich einen Rückblick 
in mein Inneres. Von mehr schwächlichem als 
starkem Körperbau, war ich als Knabe in Streit 
und Balgereien mit meinen Kameraden unter 
legen. Dagegen besaß ich jenen passiven Muth, 
der die Gefahr uicht scheut. Das Einschlagen 
einer Kanonenkugel hatte in mir eine freudige 
Empfindung hervorgerufen und mit dem leb 
haftesten Vergnügen hatte ich der Bedienung der 
Geschütze zugesehn. Da ich schwächlich aussah 
und man mich deshalb leicht hätte für furchtsam 
halten können, mochte eine gewisse Eitelkeit dazu 
beitragen mich bei einer Gelegenheit herzhaft zu 
zeigen, die keinen körperlichen Kraftaufwand er 
forderte. 
Diese Eigenschaft meines Naturells, die ich 
damals zum ersten Mal erkannte, habe ich in 
späteren Lebensverhältnissen mehr und mehr in 
mir befestigt und ausgebildet, so daß ich mit 
Bewußtsein und Absicht dann am ruhigsten und 
besonnensten war, wenn Gefahr mich bedrohte. 
Selbst der Kandidat erkannte meine Herz 
haftigkeit an, nannte mich einen unerschrockenen 
Burschen und sagte: „Sie müssen Soldat werden!" 
Diese Aeußerung und der Umstand, daß ich nun 
schon im Feuer gestanden, ließen mich auf diesem 
Rückweg von Kasfel den festen Entschluß fassen, 
Soldat zu werden und diesen Vorsatz so bald 
als möglich zur Ausführung zu bringen. — 
In Kassel hatte General Allix die Thore be 
setzen, die Fuldabrücke verbarrikadiren, durch ab 
gesessene französische Husaren besetzen und daselbst 
ein Geschütz aufstellen lassen. Als aber die russische 
Abtheilung gegen das Leipziger Thor anrückte, 
ging die westfälische Chasseur-Kompagnie, welche 
das Thor vertheidigen sollte, zu den Russen über. 
In der Stadt fielen die der Beschießung wegen 
erbitterten Bürger über die französischen Husaren 
her, welche die Barrikade der Fuldabrücke besetzt 
hatten, entwaffneten sie, räumten die Barrikade 
auf, warfen einen Munitionswagen in die Fulda, 
bemächtigten sich des daselbst aufgestellten Ge 
schützes und fuhren es im Triumph nach dem 
Leipziger Thor, wo sie es den Russen übergaben. 
Unterdessen hatte der General Allix, der von 
diefem Vorgang Meldung erhielt, vom Friedrichs 
platz aus eine Abtheilung Infanterie über die 
Fuldabrücke vorgeschickt. Dieselbe gab auf die 
das Leipziger Thor besetzt haltenden Russen 
Feuer, griff mit dem Bajonett an und warf sie 
zurück. Das Thor wurde durch die westfälischen 
Truppen wieder geschlossen und verrbarrikadirt. 
Aber die Russen stürmten und nahmen das Thor 
von Neuem, während die westfälischen Truppen 
sich bis hinter die Fuldabrücke zurückzogen. 
General Allix, der nach diesem bedrohten Punkt 
eilte, wurde vom Volk mit Insulten und Stein 
würfen empfangen und war im Begriff, dem 
Drängen der Bürger nachzugeben und zu kapi- 
tuliren, als ein von Tschernitscheff abgesandter 
Stabsoffizier anlangte und dem General eine 
Kapitulation anbieten ließ. Dieselbe kam schnell 
zu Stande; den westfälischen Truppen wurde 
freier Abzug bewilligt, der noch an demselben 
Abend angetreten wurde. Die Russen besetzten 
die Stadt nur mit einzelnen Wachen und 
bivouakirten die Nacht auf dem Forst. Am an 
deren Tage, dem 1. Oktober, hielt Tschernitscheff 
seinen Einzug in Kassel. 
(Fortsetzung folgt.) 
aöikalkur. 
Erzählung von Wilhelm Dennecke. 
(Fortsetzung.) 
Franz war ein junger Mann von echtem Schrot 
und Korn, er hatte eine gute Schulbildung ge 
nossen, seiner Militairpslicht auf das Muster 
hafteste genügt und sich alsdann hauptsächlich der 
Landwirthschaft gewidmet, womit sein Vater völlig 
einverstanden war, da er neben seiner Fabrik 
auch ein nicht unbedeutendes Gut besaß. Nach 
vollendeten Studien war es beschlossen, daß Franz 
in das Geschäft eintreten sollte, um unter den 
Augen feines erfahrenen Vaters die Leitung der 
Fabrik mit zu übernehmen. Franz war zehn 
Jahre alt gewesen, als die kleine Dora Köhler 
von dem mildherzigen Herrn Daniel in seine 
Familie aufgenommen wurde. Frau Hulda hatte 
selbstverständlich zuerst nichts davon wissen wollen, 
aber weder ihre schiefen Gesichter, noch ihre spitze 
Zunge hatte etwas gegen den Willen ihres Mannes 
ausrichten können, welcher sein einmal ausge 
sprochenes Wort für das elternlose Kind wie für 
sein eigenes zu sorgen, nicht wieder zurücknahm.
        

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