Full text: Hessenland (2.1888)

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wurde denn auch ausgeführt. Aber die Rath- 
losigkeit und schwankenden Maßregeln des Führers 
hatten den Truppen alles Vertrauen genommen 
und bei dem Marsch auf engen, waldigen Wegen, 
der auch in der Nacht fortgesetzt wurde, lösten 
sich seine Truppen ebenso wie die des Königs 
auf. Die beiden Geschütze wurden in die Fulda 
versenkt, aus der die Kosacken sie wieder heraus 
holten , die. Soldaten liefen auseinander und 
Bastineller erreichte mit nur 80 Mann den König 
in Wetzlar. 
General Zandt, der mit seinem Corps in 
Göttingen, zehn Stunden von Kassel stand, traf 
am 28. nachmittags in Münden ein. Besorgt, 
von hier aus auf der direkten Straße nach Kassel 
vorzugehen, weil er hier auf die Russen stoßen 
könnte, ließ er oberhalb Münden seine Infanterie 
auf einer Fähre über die Fulda setzen, die Reiterei 
durch eine Furt den Fluß passircn, und ver 
suchte, gesichert durch Wald und nächtliches Dunkel, 
Kassel zu erreichen. Aber der größte Theil seiner 
Soldaten war noch vorsichtiger und benutzte 
Wald und Dunkelheit, um in die sichere Heimath 
zu gelangen, während Zandt am 29. mit sehr 
zusammengeschmolzenem Corps in Kassel eintraf. 
Tschernitscheff, der an diesem Tage bei Melsungen 
ruhte und durch Patrouillen, wie durch die der 
westfälischen Regierung abgeneigten Bewohner 
des Landes, von diesen Vorgängen Kunde er 
hielt , faßte von Neuem den Plan, Kassel zu 
nehmen. Aus übergetretenen westfälischen Sol 
daten und aus junger sich freiwillig stellender 
Mannschaft wurde ein Bataillon gebildet und 
am 30. brach Tschernitscheff, dessen Artillerie 
durch die genommenen Geschütze ans zwölf ver 
stärkt war, wieder gegen Kassel auf, woselbst der 
General Allix seit dem Fortgange des Königs 
den Oberbefehl hatte. 
Die Nachricht von dem erneuten Anrücken 
Tschernitscheffs, verbreitete sich in der Umgegend 
wie ein Lauffeuer und kam, gegen Mittag, auch 
zu uns. Ueber die Domainenkasse hatten die 
Kosacken Decharge ertheilt, neue Zahlungen gingen 
nicht ein, der Postverkehr war gänzlich unter 
brochen, so hatten wir denn die beste Zeit. Nach 
Tisch nahmen wir, der jüngere Bruder meines 
Onkels und ich, unsere Mützen und machten uns 
auf den Weg nach Kassel, um dem Angriff auf 
die Stadt zuzusehen. Der Sohn des Predigers 
im Ort, ein junger Kandidat der Theologie, 
schloß sich uns an. Da wir so schnell trabten, 
als Lungen und Füße es aushielten, trafen wir 
auf dem Forst zu rechter Zeit ein. 
Hier rückte eben von Waldau aus das Tscher 
nitscheff 'sche Corps an und entwickelte sich. Dies 
war für mich ein höchst ergötzliches Schauspiel; 
es interessirten mich besonders die russischen 
Geschütze, die auf dem sog. kleinen Forst, jenseits 
der Nürnberger Straße, der Bellevue gegenüber 
auffuhren; ich ließ meinen Begleitern keine Ruh, 
bis wir der Batterie ganz nahe waren. In der 
Stadt, auf der Höhe von Bellevue, fuhren west 
fälische Geschütze auf und Infanterie nahm dort 
Stellung. 
Diese Schlachtordnung, wenn sie an sich auch 
nur klein war, hatte nach meinen damaligen 
Begriffen etwas höchst Großartiges. Der Reiz 
der Neuheit rief in mir eine so kriegerische Be 
geisterung hervor, daß ich den Augenblick nicht 
erwarten konnte, wo die sich gegenüberstehenden 
Geschütze das Feuer eröffnen würden. Von 
meinen" Begleitern theilte mein Onkel meine Be 
geisterung, aber dein Kandidaten fing an un 
heimlich zu Muthe zu werden. Er ermahnte 
uns, den Geschützen ja nicht zu nahe zu kommen, 
da diese während des Feuers oft sprängen und 
theilte uns, was er aus Büchern über die Ge 
fahren bei Erstürmung von Städten gelesen 
haben wollte, mit. 
Aber mit all seinen Reden brachte uns der 
angehende Prediger keinen Schritt von den rus 
sischen Geschützen fort, denn ich hatte gesehen, 
daß sie geladen und gerichtet worden waren, und 
gleich mußte das Feuer eröffnet werden. Da 
kommandirte der Offizier, die Mannschaft stand 
still, die Lunde berührte das Zündloch, laut 
brüllend spie die Kanone eine Fcuergarbe aus 
ihrem Rachen und rauschend flog eine Granate 
durch die Luft! Nun folgte Schuß auf Schuß 
von der russischen Batterie. 
Noch dauerte es eine Weile, dann wurde das 
Feuer von der Batterie auf Bellevue beantwortet. 
Bis dahin hatte unser Kandidat noch Stand 
gehalten; als aber nun eine Kugel aus einem 
westfälischen Geschütz über unsere Köpfe flog und 
dicht hinter der russischen Batterie in den Boden 
schlug, faßte er mich entsetzt am Arme und riß 
mich als der Stärkere, mit sich fort. Nur mit 
Mühe gelang es mir, ihn an der Leipziger Straße 
noch einmal zum Stehen zu bringen, um das 
Geschützfeuer wenigstens aus der Entfernung mit 
anzusehen. 
Jetzt rückte das neu formirte russische Bataillon 
und einige abgesessene Reiterei, von zwei Ge 
schützen begleitet, gegen die Straße vor, um 
einen Angriff auf das Leipziger Thor zu machen. 
Wie gern hätte ich einen Karabiner genommen 
und wäre in dieses Bataillon, in dem wir auch 
Männer in bürgerlicher Kleidung sahen, ein 
getreten, um den Angriff mitzumachen. Aber 
der Kandidat wollte nichts mehr davon wissen 
und begann wieder seine grausigen Vorstellungen, 
die bei Erstürmung von Städten vorkommen 
und nahm auf der Leipziger Straße seinen Rück-
        

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