Full text: Hessenland (2.1888)

SG 
unter Mercier's Führung so geschickt ausgeführt 
wurde, daß das vereinigte schwedisch-hessische Heer 
fast ohne jeden Verlust nach Münden entkam. 
Auch daß Baudissin im Oktober desselben Jahres 
ungehindert seinen Zug nach dem Rhein aus 
führen konnte, war in erster Linie das Verdienst 
des kleinen Jakob, der ihm den Rücken deckte. 
— Noch zu Ende des Jahres 1632 am 8. De 
zember überfiel Mercier in einem Dorfe des 
Amtes Zierenberg (der Name war nicht genau 
zu ermitteln) mit nur 150 Reitern drei feind 
liche Fähnlein mitten in der Nacht, nahm den 
kommandirenden Offizier gefangen, während der 
größte Theil der feindlichen Reiter in den 
Flammen der von den Hessen angezündeten 
Häuser umkam. *) 
Vor allem gehört aber hierher die allein seiner 
persönlichen Kühnheit zu verdankende Eroberung 
der Stadt Dorsten. **) — Mit Beginn des 
Jahres 1633 faßte Landgraf Wilhelm den Ent 
schluß, zur Erweiterung und Sicherstellung seiner 
westfälischen Eroberungen sich in den Besitz der 
unteren Lippegegend zu setzen und war ihm 
namentlich viel an der Eroberung der Stadt 
Dorsten gelegen, welche ein fester Stützpunkt für 
seine weiteren Unternehmungen werden sollte. 
Schon am 10. Januar 1633 rückte ein starkes 
hessisches Heer, dessen Vorhut der Oberst Mercier 
kvmmandirte, gegen Brakel vor. Da die Ueber- 
gänge der Lippe von einigen tausend münster 
ländischen Bauern besetzt waren, zog er auf dem 
Südufer nach Dortmund und Recklinghausen und 
legte das schwarze Regiment zu Fuß unter Oberst 
Johann von Uffeln in erstere Stadt. Landgraf 
Wilhelm hatte mit dem Gros seines Heeres bei 
Horneburg (zwei Meilen östlich von Reckling 
hausen) Stellung genommen, um nach kurzer 
Rast von da aus seinen Angriff auf Dorsten zu 
richten. Diese Stadt war mit einer starken, 
auf Drängen des Erzbischofs von Köln von 
„den westischcn Ständen" gemeinsam geworbenen 
Kompagnie besetzt, und hätte diese in Verbin 
dung mit der wehrhaften Bürgerschaft dem Feinde 
einen energischen Widerstand entgegensetzen können. 
Trotzdem faßte Jakob Mercier den kühnen, 
seinem Charakter durchaus entsprechenden Ent 
schluß, den Versuch zu wagen, vor dem gewalt 
samen Angriff des Landgrafen, sich mit List in 
den Besitz der so wichtigen Stadt zu setzen. Als 
Bettler verkleidet, schlich er sich ganz allein am 
8. Februar, es war Fastnacht-Dienstag, in die 
schlecht bewachte Stadt und überzeugte sich per 
sönlich davon, daß sowohl seitens des Bürgcr- 
*) Rommel. Geschichte von Hessen. 8. Bd. p. 220. 
**) Dr. Evelt, Beiträge zur Geschichte von Dorsten in 
der Zeitschrift für vaterländische Geschichte und Alter 
thumskunde. 26. Bd. p. 89. Münster 1866. 
Meisters Johann Burich, als auch seitens des 
Hauptmanns Wolfrath, der die oben erwähnte 
Kompagnie befehligte, in unverantwortlicher Sorg 
losigkeit nichts geschehen war, um dem drohenden 
hessischen Unwetter zu entgehen. Im Hause des 
Bürgermeisters war gerade eine lustige Hoch 
zeitsgesellschaft versaminelt. Mercier begab sich 
dahin und verlangte eine Unterredung mit Burich 
und Wolfrath, die ihm auch gewährt wurde. Es 
gelang ihm, die beiden Aiänner, in deren Hand 
das Schicksal der Stadt ruhte, ihnen die Nutz 
losigkeit eines dauernden Widerstandes vorhaltend, 
zu einem Vertrage zu überreden und noch ehe 
die Bürgerschaft etwas von den Verhandlungen 
ahnte, rückten die vor dem Thore harrenden 
hessischen Truppen den 9. Februar, am Ascher 
mittwoch Morgen, in die Stadt ein. 
So war es dein waghalsigen Auftreten eines 
einzigen Mannes gelungen, einen wichtigen 
Straßenknotenpnnkt und gesicherten Lippeübergang 
in hessischen Besitz zn bringen, der namentlich 
für die Verbindung mit den Niederlanden von 
besonderer Bedeutung war. Zwölf Kanonen, 
darunter sieben eiserne, fielen dem glücklichen 
Besitzer in die Hände. Hauptmann Wolfrath, der 
freilich keinen Beweis seiner militärischen Leistungs 
fähigkeit geliefert hatte, trat in. hessische Dienste 
und seine Mannschaft wurde nach der Sitte oder 
vielmehr Unsitte der damaligen Zeit untergesteckt, 
d. h. in andere Truppen vertheilt. 
Der größte Theil des hessischen Heeres zog 
bereits andern Tages weiter nordwärts in das 
Münsterländischc, es blieben zunächst acht Kom 
pagnien des rothen Regiments zu Fuß unter 
Oberst Otto Reinhard von Dalwigk in Dorsten 
als Besatzung zurück. Mit Hilfe der aus der 
Umgegend requirirten Bevölkerung wurde die 
nur mangelhaft befestigte Stadt unter Leitung 
des Ingenieurs Johann Adriansch zu einer 
Festung umgebaut und nach und nach mit 16 
Bastionen umgeben. Gleichzeitig wurden große 
Magazine errichtet, und unter der Aufsicht des 
hessischen Generalproviantmeisters Obersten Kurt 
von Uffeln Proviant und Kriegsbedürfnisse aller 
Art angehäuft. — Noch acht Jahre lang blieben 
die Hessen in der durch Mercier's Verdienst er 
worbenen Feste, bis nach ruhmreicher Verthei 
digung unter General Geise, durch ehrenvolle 
Kapitulation die Kaiserlichen 1641 wieder in 
den Besitz der Stadt gelangten. 
Von den weiteren Waffenthaten Mercier's 
wäre noch Folgendes zu erwähnen. Am 22. 
Mürz erschien er plötzlich mit seinen Reitern vor 
Paderborn, überrascht die Besatzung, welche mit 
Hülfe der Bürgerschaft gerade im Begriffe war, 
einige vor den Thoren gelegene Gebäude nieder 
zureißen, vollständig und schneidet ihnen den
        

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