Full text: Hessenland (2.1888)

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Vaiser Wilhelm f. 
Groß und aufrichtig ist die Trauer, die in 
unserem Hessenlande herrscht. Als am Freitag 
den 9. März der Telegraph die Nachricht von 
dem Hinscheiden des Kaisers Wilhelm, unseres 
Landesherrn, brachte, da gab es wohl Niemanden 
in unserer Vaterstadt Kassel, der nicht auf das 
Tiefste ergriffen gewesen wäre. Und wie hier 
in der Residenzstadt, so war es überall in un 
serem Hessenlande, in den Städten wie auf dem 
Lande. König Wilhelm von Preußen war durch 
die Ereignisse des Jahres 1866 Herrscher un 
seres Hessenlandes geworden, und wenn etwas 
den Schmerz der Hessen über den Verlust ihrer 
Selbstständigkeit lindern konnte, so waren es die 
hohen erhabenen Eigenschaften des neuen Regenten, 
jene Tugenden, durch welche er ein leuchtendes 
Vorbild den Fürsten wie den Völkern, den 
Höchsten wie den Niedrigsten war: die treue 
Pflichterfüllung seines Berufs, die ihn bis zu 
seinem letzten Athemzuge nicht verließ, die weise 
Mäßigung, das schlichte Wesen, der demuthsvolle 
Sinn. SeinLeben war ein hochbegnadetes, wenn ihm 
auch schwerer Kummer und Sorge nicht erspart 
geblieben sind. Große Thaten hat er vollbracht, 
als Feldherr wie als Staatsmann, seine größte 
That aber ist die Wiedererrichtung des deutschen 
t aiserreichs, die ihm die Unsterblichkeit in der 
eschichte sichert. Er liebte sein Volk und sein 
Volk liebte ihn, er war treu seinem Volke und 
sein Volk stand treu zu ihm. Er war Soldat 
mit Leib und Seele, aber er war nicht blos 
Soldatenkönig. Seine Bildung umfaßte die 
weitesten Gebiete und er wußte Kunst und 
Wissenschaft zu ehren, wo er sie im höchsten 
Dienste des Vaterlandes und der Menschheit 
fand. Er hat als deutscher Kaiser die höchste 
Stufe weltlicher Macht errungen, er hat das 
deutsche Reich geeinigt und gefestet, er hat den 
Namen der Deutschen, den man einst im Aus 
lande zu höhnen wagte, zu einem geachteten ge 
macht, er nahm die erste Stelle unter den Fürsten 
ein und er, der Heldenkaiser, der einst von Sieg 
zu Sieg geeilt war, deni man den Namen „der 
Siegreiche" beigelegt hatte, er war seit der 
Wiedererrichtung des deutschen Kaiserreichs der 
Hort des Friedens geworden. Ihn zierte nicht allein 
der Lorbeer, ihn zierte auch die Palme. Und glaubt 
man nicht die alte hehre Zeit der großen deutschen 
Kaiser zurückgekehrt, in welcher der Tod eines 
Kaisers die ganze civilisirte Welt bewegte? In 
allen Ländern der Erde, wohin nur die Kunde 
von dem Tode des Kaisers Wilhelm gedrungen 
ist, wird sein Hinscheiden auf das Schmerzlichste 
empfunden und diesem Schmerze beredter ehr 
furchtsvoller Ausdruck verliehen. 
Wiederholt hat Kaiser Wilhelm unsere 
hessische Residenzstadt Kassel besucht. Am 15. Aug. 
1867 hielt er als König von Preußen seinen 
Einzug, dann verweilte er mehrere Tage während 
des großen Manövers bei Wabern im Jahre 
1878 in Kassel, wo ihm glänzende Ovationen 
dargebracht wurden. Zum letzten Mal befand sich 
Kaiser Wilhelm in unserer Vaterstadt im Jahre 
1882, als sein Bruder Karl hier krank darnieder 
lag. Daß er seine Enkel, die Prinzen Wilhelm 
und Heinrich den hiesigen höheren Schulen an 
vertraute, ist ein Beweis der Sympathien, die 
er für Kassel hegte, nicht minder der Hoch- 
schätzung dieser Anstalten, welche denselben ebenso 
wie unserer Stadt selbst zur größten Ehre ge 
reichte. — 
Von gleicher Pflichttreue, wie sein Vater beseelt, 
ist »ach dem Hinscheiden desselben der durch tückische 
Krankheit schwer geprüfte Kronprinz von San 
Remo in seine Heimath geeilt und hat als Kaiser 
Friedrich I. von Deutschland und König 
Friedrich III. von Preußen die Regierung an 
getreten. Die Proklamationen, welche er „Au 
mein Volk" und „An den Reichskanzler und 
Präsidenten des Staatsministeriums" erlassen, 
zeugen von großer staatsmünnischer Weisheit. Er, 
der den Krieg kennen gelernt und sich den Ruhm 
eines ausgezeichneten siegreichen Feldherrn er 
worben hat, weiß die Segnungen des Friedens 
wohl zu schätzen und wird ein Friedensfürst sein 
in des Wortes vollster Bedeutung. „Unbekümmert 
um den Glanz ruhmbringender Thaten", heißt 
es in seiner Proklamation an den Reichskanzler, 
„werde ich zufrieden sein, wenn dereinst von 
meiner Regierung gesagt werden kann, sie sei 
meinem Volke wohlthätig, meinem Lande nütz 
lich und dem Reiche ein Segen gewesen". Das 
sind ernstgemeinte goldene Worte, welche Wider 
klang finden werden in aller Herzen. Möge es 
dem neuen Kaiser beschiedcn sein, recht lange 
zum Heile unseres deutschen Vaterlandes zu 
wirken und mögen uns die warnien Sympathien, 
die er für unsere Vaterstadt Kassel und unser 
Hessenland überhaupt bereits bethätigt hat, auch 
ferner erhalten bleiben. Das walte Gott!
	        

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