Full text: Hessenland (2.1888)

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rief ein Theil der arbeitenden Bevölkerung, welche 
sich auf dem Festplatze befand und ein anderer 
Theil setzte hinzu: „Unser Wohlthäter! Unser 
Ernährer!" Sichtlich erhoben von diesen un 
zweideutigen Beweisen seiner Beliebtheit schritt 
der Fabrikherr breitspurig weiter, die Backen 
seines schlotterigen Gesichts blähten sich auf, die 
herabhängende rechte Hand warf das Taschentuch 
noch heftiger um sich und die müden Augen fingen 
sich an zu verklären. Frau Hulda fuhr, als 
aus dem Getünimel der Name ihres Eheherrn 
zu ihr drang, aus ihrem Sinnen empor und sah 
mit einem recht unfreundlichen Blick den An- 
flcjubclt.cn, einige Kellner hinter ihm, auf 
sich zukommen. Der Fabrikant ließ sich neben 
seiner Frau auf einen Stuhl nieder und schien 
den Versuch machen zu wollen, dieselbe etwas 
wohlwollender zu stimmen. „Nun, Huldchen, 
mein Engel, wie amusirst du dich?" sagte er mit 
einem tiefen, aber heiser klingenden Organ, „die 
Sehnsucht nach dir, mein Schatz, ließ mir keine 
Ruhe zu Hause. Ich mußte dich sehen! Zwei 
Flaschen Liebfrauenmilch, ihr Schlingel, aus dem 
Korb, den ich vorhin herauf geschickt habe und 
vier Gläser. — Aber wo ist denn Franz und 
Dora?" „Franz ist bei dem Schießstand und 
das Mädchen tanzt mit Wiesthaler." „Den hätt' 
ich ja bald vergessen, noch ein Glas, ihr Murmel 
thiere, wir wollen es uns hier gemüthlich machen." 
„Ich dächte, wir blieben nicht mehr lange," warf 
Frau Hulda ein< „Aber ich denke, daß wir 
noch recht lange bleiben!" rief dagegen ihr Ge 
mahl. „Ich denke das! Ich, Daniel Schröder, 
Wohlgeboren, Hier!" 
Frau Hulda legte sich im Stuhl zurück und 
og die Augenbrauen bedenklich in die Höhe, so 
llst ihre Nase noch spitzer wurde. Mittlerweile 
hatten die Kellner Wein und Gläser gebracht 
und auch Herr Wiesthaler und Dora kamen vom 
Tanz zurück. Schröder schenkte ein und erhob 
sich, um anzustoßen, plötzlich aber rief er: „Wo, 
zum Kukuk! steckt denn der Junge!" trank sein 
Glas in Eile leer, ließ dem ersten unmittelbar 
ein zweites und drittes folgen und wanderte so 
dann, die Hände ans dem Rücken, der Gegend 
zu, von welcher her vereinzelte Schüsse knallten. 
An dem Schießstand angelangt, wurde er von 
den gerade dort versammelten Bürgern in theils 
cordialer, theils höflichster Weise empfangen. 
Man präsentirte ihm ein soeben geladenes Gewehr, 
und er gab blindlings einen Schuß ab, der na 
türlich die aufgestellte Scheibe links liegen ließ, 
sodann blickte er sich spähend im Kreise um und 
schritt auf ein Tannenrondel zu, unter welchem 
einige Tische und Stühle aufgestellt waren. Dort 
saß ein junger Mann, der ein Fernglas vor die 
Augen hielt und damit über die sich vor ihm 
ausbreitenden Thäler in die Weite zu schauen 
schien. „Potz Wetter, Franz," redete Herr 
Schröder ihn an, „willst du vielleicht auch hier 
fachmännische Studien treiben?" Der Angeredete 
schrak empor und, das Glas auf den Tisch legend, 
erhob er sich und ergriff die Hand, welche das 
blauseidene Taschentuch hielt. „Es ist gut, daß 
du kommst, Vater," sagte der junge Mann, „so 
habe ich doch wenigstens eine Seele mit welcher 
ich meine Gedanken wechseln kann." — „Bei dem 
Wechselgeschäft wirst du aber blitzwenig gewinnen, 
Bursche," lachte der Alte. „Denn wenn du Alles, 
was ich denke, für baare Münze nehmen wolltest, 
würdest du dich, wie schon mancher Andere, höllisch 
bemogelt sehen. Weshalb suchst du dir nicht 
eine bessere Gesellschaft, wie mich? Weshalb setzest 
du dich nicht zu der Madam, zu der Mutter 
wollte ich sagen, und zu der Dora?" Der junge 
Mann seufzte tief auf. „Die Mutter ist nicht 
gut bei Laune," erwiderte er, „und Dora tanzt 
mit —" er stockte und widerholte nur: „Dora 
— tanzt." — „Ja, zum Kukuk, weshalb tanzest 
du denn nicht mit Dora?" — „Weil — weil 
Alles hier so närrisch geworden ist, die Mutter 
spricht nur das Nothwendigste mit mir, Dora ist 
die Einsilbigkeit selber, und ich habe die frohe 
Laune, die ich mit hierher gebracht, in den paar 
Stunden, wo ich hier bin, nun auch verloren." 
— „Sollst sie wieder bekommen, Junge, sollst sie 
wieder bekommen," grölte der Alte, und fing an den 
„alten Dessauer" zupfeifen. Franz sah seinen Vater 
fragend an, derselbe machte eine schnelle Schwenkung 
nach der dem Schützenplatz entgegengekehrteu 
Seite und sang: „Willst du 'neu'Genever, Schatz? 
willst du 'neu Genever, Schatz? Zum „Genever- 
Schatz" wollen wir gehen, da stört uns niemand 
in unserem gegenseitigen Meinungsaustausch. 
Komm', Junge, was treibst du dich hier oben 
herum, wenn du statt zu tanzen, doch nur Trübsal 
nach Noten pfeifen willst? Du bist mir auch 
der rechte Bruder! Allons! Marsch!" 
Der Alte steckte seinen Arm durch den des 
halb widerstrebenden Sohnes und der Letztere 
war auf diese Weise gezwungen, den Vater/ der 
vorwärts drängte, einen ziemlich steilen Fußweg 
nach dem Fluß hinabzuführen. Am Fuße des 
Berges, sich dicht an denselben anlehnend, stand 
ein einstöckiges HaM, über dessen Thüre sich an 
einer eisernen verrosteten Stange ein Wahrzeichen 
in der Luft schaukelte, welches darauf hinwies, 
daß der Wanderer allhier Speise und Trank 
empfangen könne. Der Wirth war ein alter, 
drolliger Kautz, welcher wegen seiner Vorliebe 
zum Genever und der ständigen cordialen Anrede 
an seine Stammgäste: „willst 'neu Genever- 
Schatz?" den Beinamen der „Genever-Schatz" 
erhalten hatte, unter welchem er in der Gegend
        

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