Full text: Hessenland (2.1888)

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Kine Kadikalkur. 
(Erjäljsung von Wilhelm Vermerke. 
er erste Tag des Schützenfestes hatte Jung 
und Alt auf der bei dem Städtchen gelegenen 
Anhöhe versammelt, wo der Schießstand sich 
befand und die Zelte aufgeschlagen waren, in 
welchen den leiblichen Genüssen gehuldigt wurde. 
An Drehorgeln und einem Caroussel fehlte es 
auch nicht, ein Jongleur und Spaßmacher pro- 
ducirte seine Künste und ein Glücksrad bot die 
verlockende Aussicht, zu ganz „außerordentlichem" 
Gewinnst. Den Mittelpunkt des ganzen Treibens 
aber bildete, wie es bei solchen Gelegenheiten 
wohl überall der Fall ist, der Tanzboden, wo 
die aus der nächsten Garnisonstadt herüber 
gekommene Militärkapelle ihre lustigen Weisen 
erklingen ließ. Die rechte Gemüthlichkeit beim 
Tanzvergnügen hatte jedoch noch nicht um sich 
gegriffen, und das lag zumeist an den jungen Herren, 
die sich zu den Honoratioren zählten und bei 
Tag nur mit den Damen ans ihren Kreisen 
tanzten. Die einfacheren Bürgermädchen aber 
fanden , sich hierdurch gekränkt, da dieselben wohl 
aus Erfahrung wußten, daß die galanten Jüng 
linge später, wenn die Frau Bürgermeisterin 
mit ihren lang aufgeschossenen Töchtern, oder 
die Frau Doktor'n mit ihrer Nichte sich nach 
Hause zum Abendessen begeben hatten, sie sofort 
engagiren würden, aber wer ihnen bei Tag die 
Ehre nicht schenkte, dem verabredeten sie sich, des 
Abends einen Korb zu geben, der nicht hinter 
den Spiegel gesteckt werden solle. In dem 
am feinsten ausgestatteten Zelt saß an einer weiß 
gedeckten Tafel eine Gesellschaft von Herren und 
Damen, denen man es ansah, daß sie sich ein 
bildeten, dem Volke mit ihrer Gegenwart gewisser 
maßen ein Opfer gebracht zu haben, aber es 
konnte doch, wie die Verhältnisse in der kleinen 
Stadt lagen, nicht vermieden werden, hin und 
wieder mit den „Leuten" zusammen zu kommen 
undso bequemte man sich denn auch dazu, ein Stünd 
chen den Schützenhvf zu besuchen und an einem 
reservirten Platze, wenn auch nicht an der Be 
lustigung selbst Theil zu nehmen, so doch der 
selben zuzusehen. Einer dieser Gruppen, sie be 
stand aus zwei Damen und einem Herrn, schien 
sowohl von Seite der Honoratioren, wie von 
dem außerhalb des Zeltes sich vorbeitreibenden 
gewöhnlicheren Theil der Festgenossenschaft be 
sondere Aufmerksamkeit gewidmet zu werden, ob 
wohl in ihrem Aeußeren keineswegs was besonders 
Bemerkenswerthes lag. Die eine der Damen 
mochte fünfzig Jahre zählen, die andere dagegen 
befand sich noch in einem sehr jugendlichen Alter. 
Die Kleidung beider war sehr einfach, die Weitere 
trug ein schwarzes Lüsterkleid von altfränkischem 
Zuschnitt, auf dem schon grauschillernden Haar 
eine Kopfbedeckung von schwarzen Spitzen, welche 
halb als Hut, halb als Haube gelten konnte. 
Der Gesichtsausdruck der Dame war kalt und 
streng, ihre Figur schmal und unansehnlich. Es 
war Frau Hulda Schröder, die Gattin des reichsten 
Mannes in dem Städtchen, des Besitzers einer 
wohl rcnommirten Tuchfabrik. Das neben ihr 
sitzende, junge Mädchen im bescheidenen Musselin 
kleidchen war Dora Köhler, ihre Pflegetochter, 
eine unmuthige Blondine, in deren feingeschnittenem 
Gesicht jedoch ein schwermüthiger Zug störend 
hervortrat, welcher durch den Ausdruck der großen, 
dunkelblauen Augen nicht gemildert wurde. Der 
junge Mann, der hinter ihrem Stuhle stand, 
war ein geschniegeltes Herrchen, blaß, schlank und 
verlebt, der Geschäftsführer in der Fabrik ihres 
Pflegevaters. „Bei Schröder's ist auch nicht 
Alles richtig." flüsterten die Leute sich zu. 
„Seht nur, wie die Dora Köhler guckt — die 
möchte auch lieber Jemand Anders uin sich 
haben." — „Ist denn der Franz nicht zum 
Schützenfest angekommen?" „O, gewiß, gestern 
Abend schon, er ist drüben beim Schießstand — 
aber, wo nur der Alte stecken mag?" — Ein 
neuer Tanz begann, der geschniegelte Geschäfts 
führer bot Dora seinen Arm, welchen diese mit 
einem tiefen Seufzer annahm und sich zuni Tanz 
platz führen ließ. Mit einem seltsamen Blick 
sah Frau Hulda dem Paare nach und schien sich 
dann in Gedanken zu versenken, da trat er auf 
den Plan, er, Daniel Schröder, der reiche Mann, 
der Fabrikherr, der zweihundert Arbeiter im 
Solde hatte, für die er, ein zweiter Heinrich 
der Vierte, so väterlich sorgte, daß jeder Sonn 
tags seinen Braten im Topf hatte. Mützen 
und Hüte wurden ihm entgegen geschwenkt, wie 
aber sah diese Majestät en miniature aus? Man 
stelle sich einen mittelgroßen, mageren Mann 
vor, in tadellosem, ja svgar kokettem schwarzen 
Anzug und blendend weißer Wäsche, den Cylinder 
etwas schräg auf dem Kopf, in der herabhängenden 
rechten Hand ein großes, blauseidenes Taschen 
tuch herumschlenkernd und dabei mit Hahnen 
schritten einhergehend. Er war kaum sechsund 
fünfzig Jahre alt, aber sein kurzgeschnittenes 
Haar war schneeweiß und das kleine, aus den 
Vatermördern hervvrlugende Gesicht mit den 
wässerigen Angen trug den unverkennbaren Stempel 
der Trunksucht. „Hoch, Herr Daniel Schröder!"
        

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