Full text: Hessenland (2.1888)

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Die ich Kolöat wurde. 
Kleines aus großer Zeit. 
(Forisetzung.) 
Gleich beim Eintreffen der Nachricht vom An 
rücken des Feindes gegen Kassel, war sowohl dem 
Zandt'schen, wie Bastineller'schen Corps der Be 
fehl zugegangen, so schnell als möglich Kassel zu 
Hülfe zu kommen. Bastineller hatte den Marsch 
nach der Hauptstadt schon früher angetreten, da 
er nach Meldung seiner Patrouillen auf ein 
Unternehmen gegen Kassel schließen konnte und 
war am 28. Sept. auf der Straße von Witzenhausen 
her vorgerückt. Tschcrnitscheff, von diesem Anmarsch 
in seinen Rücken benachrichtigt, zugleich davon in 
Kenntniß gesetzt, daß der König Kassel verlassen 
habe und mit einem Theil seiner Truppen ans 
der Frankfurter Straße stehe, durch die Barrikade 
auf der Fuldabrücke am weiteren Vordringen ge 
hindert, mußte seine Unternehmung, in den wesent 
lichsten Absichten, als gescheitert ansehen. Er 
sendete deshalb eine Abtheilung gegen das Defi- 
lee von Kaufungen, um sich gegen das Basti- 
»eller'sche Corps zu decken, gab den weiteren An 
griff auf Kassel auf und zog mit dem Haupt- 
corps auf der sog. Nürnberger Straße nach 
Melsungen ab, um seinen erschöpften Truppen 
die nöthige Ruhe zu gewähren und sich seinen 
Rückzug in südöstlicher Richtung offen zu halten. 
Der König, welcher vergebens auf Nachricht 
von dem Anrücken des Bastineller'schen Corps 
gehofft hatte, gab, obgleich ihm gemeldet war, 
daß die Russen sich zurückgezogen, um seiner per 
sönlichen Sicherheit willen seine Hauptstadt auf 
und zog auf der Frankfurter Straße in einem 
übereilten Marsche nach Marburg. Dieser Marsch 
wurde auch in der Nacht vom 28.;um 29. Sept. fort 
gesetzt und war dies für die unmuthigen, erschöpften 
und widersetzlichen Truppen die beste Gelegenheit, 
auseinander zu gehen, so daß nur ein schwaches 
Häuflein in Marburg anlangte. 
Der König war mit seinem unmittelbaren Ge 
folge bis Wetzlar vorausgeeilt, um von hier aus 
dem Kaiser über das Vorgefallene Bericht zu er 
statten. Derselbe gelangte aber nicht an Napo 
leon, sondern, den Russen in die Hände fallend, an 
Kaiser Alexander, und in dem Bericht sind der Rück 
zug des Königs, der starke Nebel und die Beschuldi 
gung, daß die französischen Husaren nicht reiten 
könnten, die einzig richtigen Thatsachen. 
Bei dem Geschützdonner, der von Kassel aus 
nach Kaufungen hinüber schallte, war der Herr 
Verificatenr zweifelhaft geworden, ob er die 
Kassen - Revision fortsetzen sollte und mit meinem 
Onkel darüber noch in Unterhandlung, als jenes 
russische Detachement, dasTschernitscheff zur Deckung 
gegen das Bastineller'sche Corps nach Kaufungen 
gesandt hatte, daselbst eintraf. Dieses Detache 
ment machte den Bedenken des Verificateurs da 
durch ein Ende, daß es neben seinem Auftrage, 
Posten gegen Helsa vorzuschieben und Kausun- 
gen zu besetzen, sich auch der Mühe unterzog, 
die königlichen Kassen aufzuheben. 
Einige Offiziere, von Kosackcn begleitet, traten 
in unser Bureau und erklärten durch einen der 
Offiziere, der deutsch sprach, daß sie beauftragt 
seien, die Domänenkasse abzuschließen und den 
Bestand derselben an sich zu nehmen. Der 
Verificateur empfahl sich. Mit Aufstellung des 
Kassenabschlusses machten diese bärtigen Herrn 
Revisoren wenig Weitläufigkeiten; sie beauftrag 
ten meinen Onkel, das Zahlungsjournal abzu 
schließen und den Baarbestand zu übergeben. 
Bei dieser Gelegenheit konnte ich mich über 
zeugen, daß, obgleich mein Onkel kein gewandter 
Beamter, doch ein umsichtiger Mann war, denn 
beim Abschluß des Zahlungsjournals wußte er 
die Gehälter der Forstbeamten von Kaufnngen 
für den BUnat Oktober noch mit in Ausgabe 
zu stellen. Dem Offizier legte er das Journal 
vor, und beschränkte sich dieser auf eine flüchtige 
Revision, während mein Onkel die Kasse öffnete, 
und schnell den baaren Bestand mit den: Abschluß 
in Nebercinstimmung bringend, zählte er den 
Betrag, ungefähr achthundert Thaler, aus. Der 
Offizier überzeugte sich von der Richtigkeit des 
Geldes, stellte einen Kosacken, der seine Pistole 
aus dem Gürtel zog, und keinen Blick von dem 
Gelde wendete, dabei und schrieb in deutscher 
Schrift eine Quittung, die von einigen der an 
wesenden russischen Offiziere mit unterzeichnet 
wurde. 
Daß außer der Domänenkasse auch noch eine 
Postkasse im Bureau vorhanden sein müsse, schien 
den Offizieren unbekannt zu sein. Sie ließen sich 
jedoch Briefe, Packete und Zeitungen ausliefern, 
packten alles zusammen und zogen ab, um sich 
auch der am Ort befindlichen Kreis- und Stem 
pelkasse zu bemächtigen. 
Mein Onkel war bei dieser Gelegenheit sehr 
ruhig und besonnen. Er hatte den Förstern und 
zahlreichen Waldwärtern nicht nur für einen 
Monat ihr Gehalt gerettet, sondern verlangte 
auch mit Bestimmtheit die Unterschrift des an 
wesenden rangältesten Offiziers, der anfangs die 
Quittung nicht mit unterzeichnet hatte. Er hatte 
ferner die Vorsicht gebraucht, sogleich einen Notar, 
der im Nachbarhause wohnte und einige Orts-
        

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