Full text: Hessenland (2.1888)

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Leider muß ich bekennen: die Lüge von der 
gewaltsamen Ergreifung ist es nicht allein, die 
mit dem Namen Seume verknüpft ist; Seume 
erbringt zugleich den Beweis, daß der Fluch der 
bösen That fortzengend nur Böses gebären 
muß, und das — ist schon nicht mehr schön 
von einem deutschen Dichter. 
Vorübergehend sei hier noch erwähnt, daß 
Seume über seine militärische Laufbahn, um 
seine eigenen Worte zu gebrauchen, „am Ende 
sich nicht weiter ärgerte", „denn", fügt er hinzu: 
„über den Ocean zu schwimmen war für einen 
jungen Kerl einladend genug, zumal da 
ich etwas Vergnügen am Seewesen zeigte." 
„Einladend" also war es für Seume mit 
seinem „Kitzel an militärischen Unternehmungen" 
„über den Ocean zu schwimmen"! Das mögen 
alle diejenigen als das Bekenntniß einer schönen 
Dichterseele'hinnehmen, welche nicht müde werden, 
mit Seume über die hessische „Seelenverkäuferei" 
zu schreien. Dann aber sagt Seume weiter: 
„So kam denn endlich die Nachricht 
von Frieden uns eben gar nicht er 
wünscht, denn junge thaten durstige Leute 
sehen nicht gern ihrer Bahn ein Ziel 
gesteckt. Man hatte mir geschmeichelt, 
ich könnte Offizier werden und mir eine 
Laufbahn eröffnen. Mit dem Frieden 
war alles geschlossen, denn nach unserer 
alten, sogenannten guten Ordnung 
konnte kein Bürgerlicher weiter aspi- 
riren als bis zum Feld webe l." *) 
Der Eingang dieser Stelle zeugt nur für das 
oben Gesagte; der Schluß dagegen enthalt wieder 
eine Lüge,'deren der Sergeant Seume, als An 
gehöriger der hessischen Armee in Amerika, sich 
vollkommen bewußt sein mußte. Das Offizier 
korps dieser Armee bestand nämlich im Jahre 
1779 aus 174 adeligen Offiziren, denen nicht 
weniger als 294 bürgerlicher Herkunft entgegen 
standen! Wäre also Seume zum Offizier taug 
lich gewesen, so wäre er eben so gut Lieutnant 
geworden, als die nicht adelige» Fähndriche 
Germer, Wiederhold, Wagner, Pfaff, Motz, 
Schönewolf, Schmidt, Roesing, Straffer und 
wandern, ob mehr persönliche Freih.it möglich ist, denn 
deren ich hier (in Hessen) genieße I . . . Land und 
Leute gefallen mir ausnehmend. Kein Volk war je so 
schön als das hessische in seinem Heer erscheint . . . Ehe 
ich nach Hessen kam, wußte ich kaum, was eine mili 
tärische Nation wäre. Der Landgraf ist überaus gütig 
und voll der besten Absichten; viele Ausländer sind 
ungerecht in seiner Beurtheilung. Der Staat des Land 
grafen blüht." 
*) Mein Leben. S. 172, 
viele andere. Das Fähndrich- und Lieutenant- 
werden muß demnach seinen Haken gehabt haben. 
Auch als er, nach seiner Rückkehr aus Amerika, 
zweimal von preußischen Werbern ergriffen 
wurde,*) brachte er es nur zum Deserteur, 
nicht zum Offizier, und entging, wie Wagener's 
Lexikon (XIX. S. 100) erzählt, nur auf vieles 
Fürbitten der „Kricgsrechtlichen Bestrafung" in 
Preußen. 
Füge ich nun, wegen der in Seume angeblich 
„unterdrückten Freiheit", noch hinzu: daß er im 
Dienste der Kaiserin Katharina II. „alle wichtigen 
Papiere" ausarbeitete, welche der Theilung Polens 
vorangingen,**) sowie ferner, daß er endlich 
unter dem General Jngolströin russischer 
Lieutenant wurde und gegen die Freiheit der 
Polen focht, ohne es jedoch auch dort weiter 
zu bringen:***) so ist es für jeden, der lesen kann 
nur gar zu verständlich, daß und warum er 
gerade für seinen ehemaligen h e s s i ch e n „Kitzel 
nach militärischen Unternehmungen" in seiner 
zweifellos erst in späterer Zeit geschriebenen 
Selbstbiographie zu Lügen, Verlüumdungen und 
Verdrehungen greifen mußte. 
Als ich im Jahre 1879 in Teplitz am Grabe 
Seume's stand, schrieb ich in mein Notizbuch 
das Distichon: 
An Seume's Grab. 
Ganz unabhängig im Denken und Thun, warst Du 
einmal cs nicht mehr: 
Als Du geschildert uns hast, wie Dir's in Hessen 
erging. 
Du nur allein haft erfunden die Mär von verkauften 
Soldaten, 
Und was der Dichter einst schrieb, dichteten Schreiber 
dann nach. — 
und wahrlich, anders ist es nicht: der Eine log 
und hundert Andere schreiben ihm die Lügen 
gedankenlos nach! Ich meine aber, es sei eine 
Aufgabe des hessischen Geschichts-Ver 
eins, wo immer er diesem Lügengewebe 
begegnet, auf Berichtigung zu dringen, 
denn es ist und bleibt eine Schmach für die 
deutsche Geschichtsschreibung, wenn geschichtliche 
Vorgänge begeifert, geschmäht oder tendentiös 
entstellt werden, die nun einmal rechtlich, politisch 
und moralisch unantastbar sind. 
*) Siehe hierüber Clodius in . der Fortsetzung der 
Biographie S. 1^9, namentlich S. IS*, wo Seume in der 
hessischen Uniform von preußischen Werbern festgehalten 
wurde. 
**) Daselbst S. 201. 
***) Daselbst.
        

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