Full text: Hessenland (2.1888)

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gedankenlose Lektüre dieser Biographie 
hat den ganzen Wirrwarr angerichtet; denn alle 
Lexika-Mitarbeiter, alle Feuilletonisten, ja selbst 
alle Gelehrten, welche das Märchen vom Hessischen 
Seelenverkanfe kolportirten, sie alle schöpften 
gedankenlos ans jener, leider sehr trüben, Quelle, 
und ich bin überzeugt, auch Brümmer in 
seinem Dichterlexikon (II. S. 302) schöpft seine 
maßlose Grobheit vom „fürstlichen Seelenver 
käufer" nur aus den Lügen dieses Buches; ich 
sage hier absichtlich Lügen, da Brümmer als 
Lehrer wissen mußte, daß er es hier mit Lügen 
zu thun hatte, wenn ihn in derselben Eigen 
schaft nicht der noch schlimmere Vorwurf der 
Unwissenheit treffen soll. 
Die größte Unwahrheit liegt zunächst darin: 
daß Seume von den hessischen Werbern ge 
waltsam ergriffen sein will. Es ist eine 
Thatsache, daß in Hessen durch die bereits 
angezogene landesherrliche Verordnung über das 
Heerwesen vom 16. Dezember 1762, welche jedes 
Quartal von allen Kanzeln verlesen wurde, jede 
„gewaltsame Werbung" ausgeschlossen war. Es 
ist aber ferner eine geschichtliche Thatsache, daß, 
als damals in Hessen eine Werbung für Aus 
länder eröffnet wurde, diese schaarenweise herbei 
strömten, so daß man genöthigt war, „die 
sorgfältigste Auslese" zu üben, namentlich zur 
Anmeldung für die Jäger. Es ist weiter eine 
Thatsache, daß die Truppen bei ihrer Musterung 
vor dem Ausmarsche, befragt wurden, ob der 
Eine oder Andere etwa die Anwerbung bereue 
und wieder zurück treten wolle, daß aber kein 
Seume sich zur Zurückkehr meldete. Endlich 
aber ist es eine Thatsache, daß Seume, aus 
einem nicht ganz klaren Grunde, bei Rinteln 
die Bitte stellte, sein Schiff verlassen zu dürfen, 
weil dasselbe bei preußisch Minden anlegen sollte 
und er die preußische Justiz zu fürchten habe, 
und daß ihm dann auch wirklich gestattet 
wurde, eine Strecke Weges zu Fuß zurück zu 
legen. Was hinderte ihn also daran, die erste 
beste hannoversche oder preußische Behörde zum 
Schutze anzurufen, wenn er in Hessen „gewalt 
sam" in Uniform gesteckt worden wäre? Warum 
kam er freiwillig auf sein Schiff zurück, da ihn 
auf preußischem Gebiete kein hessischer Werber 
ergreifen und zurück führen konnte. Kurz: die 
Geschichte von der gewaltsamen Werbung ist 
nichts mehr und nichts weniger als eine grobe 
Lüge. 
Zn allem Ueberfluße bestätigt uns das Seume 
selber. Natürlich war der spätere Dichter Seume 
nichts — weniger als ein Strolch, aber — er 
bekennt doch, daß er als junger Bursche von 
Haus auf und davon gegangen, ohne einen 
bestimmten Vorsatz wohin und wozu, ins Blaue 
hinein gelaufen sei. Weiter bekennt er, *) daß 
sein „Anzug immer sehr nachlässig, sein Haar 
struppig, seine Schuhe schmutzig" gewesen seien, 
und zwar schon bei seinem ° gestrengen Rektor. 
Wie wird er nun erst beschaffen gewesen sein, 
welches Aussehen als herumfahrender Strolch 
wird er erst gehabt haben, als er nach wochen 
langem Herumstreifen ohne Geld, in Vacha 
den Werbern in die Hände fiel! Es ist doch 
nur anzunehmen, daß Seume froh war, eine 
Versorgung gefunden zu haben, die ihn aus 
aller Noth rettete; er wird das Werbegeld, das 
in Hessen keinem Menschen aufgedrungen wurde, 
um so lieber angenommen haben, als er selbst 
gesteht und dadurch seine Neigung bekundet: 
„Nichts kitzelt einen jungen Mann 
mehr, als militärische Unternehmungen."**) 
Freute er sich doch, daß ihm einst Graf Hohen- 
thal seinen Beifall über die Neugierde an mili 
tärischen Dingen bezeugte und ihn mehrere Tage 
bei einem Manöver behielt.***) Berücksichtigen 
wir aber gar, daß er „nach Metz in die 
Artillerieschule" zu gehen gedachte,ff) so ist mit 
Sicherheit anzunehmen, daß, als die „neun 
Thaler" alle waren, welche der in Leipzig ent 
laufene Student bei sich hatte, der junge Seume 
des Vagaboudirens müde war und sich gern für 
„Unternehmungen" anwerben ließ, die ihn mehr 
„kitzelten" als alles Andere. Er konnte nun 
mehr seinen militärischen Liebhabereien fröhnen, 
ohne sich zu diesem Zweck nach Metz durch 
betteln zu müssen. Darin liegt ° auch gar 
nichts Absonderliches, denn wie ein Oberstlieute 
nant Grebe erzählt, wurden zu jener Zeit die 
Eltern von der Jugend bestürmt, ihr den Ein 
tritt in das Heer zu gestatten; die Jugend ver 
ließ die „Hochschule, den Amtstisch, sogar den 
Tempeldienst, bloß um den Degen des Amerika 
krieges zu empfangen." chch) Unter der deutschen 
Jugend war damals demnach eine freudige Be 
geisterung für diesen Krieg, und hätte Seume 
sein Glück gemacht, wäre er Offizier geworden, 
so hätte er sicher in seiner späteren Selbst 
biographie ganz anders geurtheilt; er wäre dann 
nicht für geist- und gedankenlose Nachschreiber 
der traurige Erfinder des Wortes „Menschen 
mäkler" für einen Fürsten geworden, der als 
Fürst wie als Mensch groß und einzig in der 
Geschichte steht, fff) 
*) Mein Leben. S. ö<. 
**) Daselbst S. 81. 
***) Daselbst S. 82. 
t) Daselbst S. i03. 
tt) Vergl. die Broschüre: Friedrich > i. und die Geschichts 
schreibung." 2. Auflage. S. 37. 
Unter der Regierung dieses Fürsten schrieb der 
Schweizer Johannes Müller, ,der Geschichtsschreiber 
der Schweizer": „Ich möchte die ganze Schweiz durch
	        

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