Full text: Hessenland (2.1888)

61 -- 
Bei dem 17jährigen P., so hieß der Falschmünzer, 
fand man noch zwei andere Thaler von ähnlichem 
Aussehen, die er beim Verhör von seinem Vater, 
einem Beamten im Kriegsministerium, erhalten zu 
haben vorgab. Nun wurde auch der alte P. noch 
Abends 11 Uhr verhaftet und in's Untersuchungs 
gefängniß gebracht. Vater P. gab zu, seinem Sohne 
zwei Tage zuvor als Monath-taschengeld 3 Thaler 
gegeben zu haben, die er von seinem Gehalte ge 
nommen habe. Dies schien eine Unwahrheit zu sein 
und machte darum den alten P. der Mitwissenschaft 
verdächtig, denn der Kassenbeamte würde unzweifelhaft 
falsches Geld erkannt und gewiß nicht einem anderen 
Beamten als Zahlung gegeben haben. 
Der junge P. hatte technische Kenntnisse, er war 
damals Lehrling in einem mathematisch-technischen 
Institut und galt für einen Grübeler und Denker, 
welcher sich besonders mit der Lösung technischer 
Fragen den Kopf zerbrach, kurz man konnte ihn für 
das richtige Falschmünzergenie halten. 
Jedermann weiß, daß Kupfermünzen durch Ein 
reiben mit Quecksilber ein silberühnliches Ansehen 
bekommen. Wie mancher böse Bube hat nicht aus 
einem alten, verschabten Heller durch Quecksilber einen 
Silbergroschen gemacht und diesen auch ausgegeben. 
Nun kommt Licht in die Sache: Bei P. junior hatte 
man eine kleine Pappschachtel, die etwas Quecksilber 
enthielt, konfiszirt. Das Verbrechen lag klar zu 
Tage: P. prägte oder goß Thaler aus Bronze oder 
einer anderen Kupferlegierung und gab ihnen durch 
Quecksilber das Ansehen von Silber. 
Man hatte bisher von falschen Thalern dieser Sorte 
noch nichts gehört, es mußte also der in der ,Stadt 
Stockholm" entdeckte der erste oder einer der ersten 
falschen Thaler sein, der verausgabt worden war. 
Wie stolz konnte die Polizei sein, daß es ihr geglückt, 
den Verbrecher dingfest zu machen noch bevor er 
größere Summen von seinem falschen Geld i*ks 
Publikum habe bringen können. Gott sei Dank! Der 
staatsgefährliche Mensch sitzt hinter Schloß und Riegel. 
Der Proceß kann ihm jetzt gemacht werden. 
Aber mit dem Proceß ging es langsam, es war 
aus den Verbrechern nichts herauszublingen, be 
harrlich wurde alle Schuld und jede Theilhaberschaft 
an einer Schuld abgeleugnet. 
Inzwischen war die Geschichte stadtkundig geworden 
und hatte eine ungeheure Aufregung hervorgerufen. 
Der Held des Tages war der Wirth ,,Zur Stadt 
Stockholm". Leute von allen Berufsklassen und 
Ständen besuchten sein Lokal, das vom Morgen bis 
Abend nicht leer wurde von Neugierigen, welche hier 
aus erster Quelle die Geschichte der Falschmünzer- 
entdeckung hören wollten. Der Wirth machte dabei 
ein gutes Geschäft, er verzapfte mehr Bier als.alle 
Wirthe von Kassel zusammen. Mochte sein Gebräue 
auch nicht im feinsten Rufe stehen, „se suffens 
doch"! Niemand zweifelte mehr an der Falsch 
münzerei und an der Schuld des jungen P. 
Jetzt wurden auch Sachverständige vernommen, 
und dabei hat sich gezeigt, daß auch wissenschaftlich 
gebildete und sonst gescheidte Leute von Voreingenommen 
heit befangen sein können. Jedermann brachte in 
seinem Geiste Quecksilber immer nur mit Kupfer 
zusammen, um dieses silberähnlich zu machen, und 
merkwürdiger Weise dachte niemand daran, daß Queck 
silber auch mit Silber in Berührung kommen kann 
und ihm dann Glanz und Klang benimmt. Ja selbst 
der Professor der Chemie, Winkelblech, war zum 
Voraus von P.'s Schuld überzeugt, denn er erklärte 
vor Gericht, daß ihm die Thaler unzweifelhaft falsch 
schienen, daß er aber, um deren genaue Zusammen 
setzung angeben zu können, zum Zwecke der chemischen 
Analyse eine gewisse Quantität Metall von einem 
der Thaler abfeilen müßte. Dies konnte aber nicht 
zugegeben werden, da das corpus delicti zunächst 
noch in seiner Integrität erhalten bleiben mußte. 
Nun wurde als Sachverständiger noch der be 
rühmte Breithaupt, Inhaber des mathematisch-mecha 
nischen Institutes und dermaliger Chef der Prägean 
stalt in der Kurfürstlichen Münze vernommen. Auf 
merksam betrachtete er mit Ruhe und Kennerblick 
einige Sekunden die Thaler und schüttelte dann das 
Haupt: Diese Thaler sollen falsch sein? — Der 
Untersuchungsrichter bedeutete ihn aber, daß es sich 
jetzt nur darum handle, zu erfahren, in welcher Weise 
wohl das Gepräge hergestellt sein könne, denn daß 
die Thaler falsch seien, daran könne man überhaupt 
nicht mehr zweifeln, auch habe eine wissenschaftliche 
Autorität dies bestätigt. 
„Ein — hat das bestätigt," ruft Breithaupt un 
willig. Hier sehen Sie mal den Rand dieses Thalers. 
— Um eine Münze so zu rändern, braucht man 
eine Maschine, die nicht unter 30000 Thaler kostet. 
Und vergleichen Sie einmal die drei Thaler, — sie 
sind von verschiedenen Jahrgängen und verschiedenem 
Gepräge. Glauben Sie denn, die Falschmünzer be 
säßen gleich ein ganzes Arsenal von Prägestöcken? — 
Ich will Ihnen den Sachverhalt sagen: es ist Queck 
silber mit den Thalern in Berührung gekommen und 
hat sie angequickt. Erhitzen Sie einmal die Stücke 
5 Minuten über Kohlenseuer, dann geht das an 
haftende Quecksilber fort. Bürsten Sie nachher die 
Thaler mit geschabter Kreide und einer Zahnbürste, 
und sie bekommen wieder Glanz und Klang wie alle 
anderen echten Silbermünzen. Und so war es. 
Dem jungen P. war beim Arbeiten ein Baro 
meter verunglückt. Um das Quecksilber nicht zu 
verlieren, hatte er es in einem Pappschächtelchen 
gesammelt und dieses unvorsichtiger Weise in die 
selbe Tasche gesteckt, worin sein Taschengeld war. 
Vom Tage der Gefangennahme bis zur Auf 
klärung durch Breithaupt waren 6 Tage verflossen. 
Man hatte sich in dieser Zeit so sehr in die Falsch
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.