Full text: Hessenland (2.1888)

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lichkeit, was sich seinen staunenden Augen dar 
bot? — So, ganz so, wie efl es jetzt leibhaftig 
vor sich sah, hatte er sich ja das Bild im Geiste 
vorgestellt, das er in der nächsten Zeit zu malen 
gedachte. Vor einem Pfeiler, der die nicht sehr 
hoch angebrachte beinahe lebensgroße Statue der 
heiligen Elisabeth trug, stand ein junges Mädchen 
in lichtem Kleide auf den Zehen und legte die 
Rosen, die sie in einem Körbchen trug der 
Schutzpatronin des Kirchleins in das schürzen 
artig erhobene Gewand. Rosiger Frühschein 
überfluthete die anmuthige, hohe Gestalt, während 
der durch das dichte Geäst der Eichen noch ziem 
lich dunkle Chor niit dem Hochaltar den rechten 
Hintergrund für die lichte Erscheinung bildete. 
Einen Augenblick fuhr die junge Dame er 
schrocken zusammen, als sie den fremden Mann 
eintreten sah, dann aber wandte sie sich mit 
reizendem Lächeln zu ihm und sagte: „Bis heute 
ist es mir gelungen, der Heiligen, ohne von einem 
Menschen bemerkt zu werden, an jedem Morgen 
frische Rosen zu bringen. Nicht wahr, Sie werden 
mein Geheimniß nicht ausplaudern?" 
„Gewiß nicht, mein Fräulein," entgegnete 
Brandes, von ihrem Liebreiz etwas verwirrt. 
„Aber wie kommt es, daß Sie einem Fremden 
solches Vertrauen schenken?" 
„Sie sind mir eigentlich nicht fremd, obgleich 
ich bis jetzt nur Ihr Bild in einer illustrirten 
Zeitschrift gesehen habe. Lange bevor ich hörte, 
daß Sie hier Studien zu einem Bilde machen 
wollten, kannte ich sie schon. Zu meiner Kon 
firmation erhielt ich die Photographien Ihrer 
Bilder zu Hermann und Dorothea, an denen ich 
mich bis heute noch nicht satt sehen konnte." 
Halb naiv, halb ernsthaft sagte sie das, indem 
sie die Rosen in ihrem Körbchen nach und nach 
der Heiligen sämmtlich in das erhobene Gewand 
legte. Brandes verschlang jede Bewegung mit 
den Blicken, dann, als er sich etwas gesammelt 
hatte, sagte er: „Das ist ja eine beglückende 
Ueberraschung, wie sie mir lange nicht zu Theil 
geworden ist. St. Elisabeths Rosen haben also 
wirklich eine glückverheißende Bedeutung." 
„Für jeden, der daran glaubt," entgegnete sie 
harmlos. „Durch die Bedeutung, die sich beim 
Landvolk an die Rosen knüpft, habe ich schon 
viel Gutes stiften und manchem Herzen auf den 
rechten Weg helfen können. Ans diesem Grunde 
hätte ich auch gar zu gern die Rolle des Engels 
noch eine Weile weiter gespielt." 
„Sie dürfen sich darauf verlassen, daß der 
fromme Zauber nicht verrathen wird. Aber Sie 
müssen mir dagegen auch eine Bitte erfüllen." 
„Eine Bitte, und die wäre?" fragte sie erstaunt. 
Etwas verlegen brachte Brandes nach einer 
Weile hervor: „Daß Sie mir gestatten, von heute 
an hier in der Frühe längst projektirte Studien 
zu beginnen. 
Sie sah ihn mit ihren tiefblauen Augen treu 
herzig an: „Was habe ich hier zu gestatten? 
Ich muß nur bitten, daß Sie sich nicht durch 
mich stören lassen. Vielleicht darf ich dann auch 
auf den Genuß rechnen, Ihre Studien manchmal 
sehen zu können." 
Brandes erröthete wie ein junges Mädchen. 
„Es wird mich glücklich machen, wenn Sie den 
selben Beachtung schenken wollen." 
Sie schien diesen Worten durchaus keine tiefere 
Bedeutung beizulegen. In ihrer freimüthigen, 
doch gehaltenen Weise erwiderte sie: „Da ich 
nun keine berühmte Persönlichkeit bin und vor 
aussetzen muß, daß Sie von meinem Dasein bis 
jetzt keine Ahnung hatten, erlaube ich mir, mich 
Ihnen vorzustellen. Ich bin Elisabeth Burlitt, 
die Nichte des Oberförsters Daun. 
Ganz nngesucht ergab es sich, daß beide noch 
auf dies und jenes zu sprechen kamen. In dieser 
Unterhaltung entwickelte Elisabeth, ohne darauf 
auszugehen und in anmuthigstcr Form, so viel 
Geist und künstlerisches Gefühl, daß Brandes 
oft mit andächtigem Staunen zuhörte. Alles, 
was ihm als höchstes Ideal vorgeschwebt, sah er 
plötzlich vor sich in holdester Wirklichkeit. 
Gleichzeitig verließen beide das Kirchlein. Als 
aber Brandes bereits vor dem Portal stand, 
wandte er sich noch einmal um, schritt zu der 
Heiligen zurück, nahm eine Rose aus ihrem aus 
geschürzten Gewände und legte sie auf das Posta 
ment zu ihren Füßen. „Heute möchte ich die 
Bedeutung des alten Wunderglaubens für mich 
in Anspruch nehmen," sagte er dann, seinen Hut 
vor der jungen Dame lüftend. Elisabeth sah 
ihn ganz erstaunt an, sie fragte sich, wie der sonst 
ernste Mann dazu kommen könne, einen so selt 
samen Scherz zu machen. 
* * 
* 
Seit dieser ersten Begegnung sahen sich Elisabeth 
Burlitt und Ludwig Brandes an jedem Morgen. 
Bald wußte er, daß sie sich im Hause des finsteren, 
menschenscheuen Onkels, der sie seither der Obhut 
einer hochgebildeten Pfarrersfrau anvertraut hatte, 
nicht glücklich fühle, ebenso war es ihr kein Ge 
heimniß niehr, daß er noch unverheirathet und 
warum er an dem Morgen ihres Bekanntwerdens 
die Deutung von St. Elisabeths Rosen für sich 
in Anspruch genommen hatte. In jener glück 
seligen Zeit des gegenseitigen Suchens und Findens 
entstand des Künstlers wunderliebliches Bild, 
das den schönsten Augenblick seines Lebens ver 
körperte und bis in die kleinste Einzelheit so vor 
trefflich war, daß es ihm eine Professur an einem 
der bedeutendsten Kunstinstitute Deutschlands ein 
trug. * *
        

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