Full text: Hessenland (2.1888)

57 
gelahrtheit verließ und den Hirtenstab mit dem 
Pinsel vertauschte." 
Der Pfarrer lächelte. „Nein, lieber Ludwig," 
sagte er, „jedem das Seine. Du bist ohne 
Zweifel ein großer Maler, aber das Hüten wäre 
ganz gewiß nicht Deine Sache gewesen. Im 
übrigen freut es mich, daß Du in Dich gehst; 
nun wird die schöne, junge Frau gewiß in aller 
nächster Zeit erscheinen." 
„Jedenfalls dort oben auf den Lahnbergen in 
der verfallenen Kapelle!" 
„Bei Gott ist kein Ding unmöglich. Es ist 
zwar recht einsam auf der Höhe, aber hat Dir 
meine Frau nicht vorhin die kürzlich in der 
ganzen Gegend wieder neu aufgetauchte Sage 
von St. Elisabeths Rosen erzählt?" 
„Gewiß, sie sagte mir, daß die steinerne Hei 
lige in ihrem schürzenartig aufgerafften Gewand 
an jeden» Morgen frische Rosen trage. In alten 
Zeiten, als noch die Nonnen des nahen Klosters 
die Statue schmückten, habe man geglaubt, dies 
werde in der Morgendämmerung von einem Engel 
besorgt. Da nun seit einiger Zeit das Steinbild 
in jeder Frühe wieder im einstigen Schmuck 
prange, und man gar nicht wisse, wer ihm in 
der protestantischen Gegend diesen Liebesdienst 
erweisen könne, denkt das abergläubische Volk 
natürlich an das Wunder der alten Zeiten." 
„So ist's; aber die Hauptsache kommt noch," 
erwiderte der Pfarrer. „Der Bursche oder das 
Mädchen, welche die Rosen zuerst erblicken und 
zum Zeichen dessen eine derselben auf das Posta 
ment zu den Füßen der Heiligen legen, werden 
bald eine glückliche Ehe schließen. Hoffen wir 
deshalb, lieber Ludwig, daß Du an einem der 
nächsten Tage zuerst St. Elisabeths Rosen siehst." 
Darauf stießen sie fröhlich an, als die schöne 
Pfarrerin mit dem Weine zurückgekehrt war. 
Dann plauderten sie im Mondschein noch lange 
zusammen und gaben dem Maler für seinen 
Aufenthalt in dem kleinen, hochgelegenen Dorfe 
allerlei Rathschläge. Auf seine Frage, ob denn 
kein einziger Mensch dort oben wohne, an den 
man sich anschließen könne, erklärte der Pfarrer, 
daß nur ein alter Oberförster nicht weit von der 
Kapelle einsam im Walde hause, der aber durch 
den Verlust des einzigen Sohnes sehr unzugäng 
lich geworden sei. Seit einiger Zeit wäre auch 
eine verwaiste Verwandte des alten Herrn im 
Forsthause eingekehrt, die aber noch niemand be 
sucht habe und nur erst von wenigen Leuten ge 
sehen worden sei. 
* -j- 
* 
Am andern Morgen, als die Sonne die schöne 
Landschaft in ihren ersten, goldenen Strahlen 
badete, machte sich Ludwig Brandes auf den Weg 
nach der kleinen Kapelle. Von einem Mitgliede 
des hessischen Fürstenhauses hatte er den Auftrag 
erhalten, dies alte, der Stammmutter geweihte 
Gotteshaus auf irgend einem Gemälde anzu 
bringen. Bis gestern war er noch im Unklaren 
über den Gegenstand des Bildes gewesen, aber 
vor dem Einschlafen war ihm ein glücklicher Ge 
danke gekommen. Das Bild sollte den Titel 
führen „St. Elisabeths Rosen" und den Moment 
darstellen, in dem ein Ritter in die Kirche tritt 
und staunend sieht, wie ein junges, schönes Burg 
fräulein das alte Standbild der Heiligen mit 
Rosen schmückt. 
* 
4- 
Bereits seit acht Tagen zeichnete und malte 
Brandes ttt dem alten, etwas verfallenen Kirch 
lein und in dem herrlichen Walde ringsum, doch 
noch immer war es ihm nicht gelungen, St. 
Elisabeths Rosen zuerst zu erblicken. Andere, 
die gewiß auch fromme Wünsche auf dem Herzen 
trugen, waren ihm immer zuvorgekommen. Da 
erfaßte ihn etwas wie Groll gegen sich selbst, er 
nahm sich fest vor, am nächsten Morgen auf 
das Klopfen seines Wirthes zu hören und bei 
Tagesgrauen sein Lager zu verlassen. Diesen 
Entschluß führte er auch aus. Als die nächtlichen 
Wolken vom rosigen Schimmer des Frühroths 
überstrahlt wurden, als die Vögel im Gezweige 
die ersten Strophen ihres Morgenliedes sangen, 
wanderte Brandes schon durch den dämmrigcn 
Wald seinem Ziele entgegen. 
Inmitten eines Halbkreises alter Eichen lag 
das Kirchlein auf mäßiger Bodenerhebung. Ueppig 
rankender Ephen suchte wieder gutzumachen, was 
Wetter und Sturm im Laufe der Jahrhunderte 
an den Rosetten der Spitzbogenfenster und den 
an den Pfeilern angebrachten Statuen der zwölf 
Apostel verbrochen hatten und manch durchsichti 
ges Spinnengewebe bestrebte sich, eine zerbrochene, 
längst blind gewordene Butzenscheibe zu ersetzen. 
Alles schien auf die in Aussicht genommene Wie 
derherstellung zu warten. Die Glocke in dem 
schlanken Thürmchen hing schief, der Hahn auf 
der Spitze machte eine bedenkliche Verbeugung, 
verschiedene Gliedmaßen der Madonna und der 
Engelgruppe im Spitzbogenfelde des Portals 
waren herabgefallen. Und doch besaß das Kirch 
lein gerade in seinem jetzigen Zustande für ein 
Künstlerauge einen eigenen Reiz. Brandes trat 
auch nie in dasselbe, ohne seinem Aeußcren vor 
her einige Augenblicke der Betrachtung gewidmet 
zu haben. Nur heute that er dies nicht, es be 
rührte ihn seltsam, daß das Portal nicht zu, 
sondern nur angelehnt war, er fürchtete, wieder 
zu spät gekommen zu sein. Rasch überschritt er 
ein paar Stiegen und trat in die Kapelle. Doch 
wie angewurzelt blieb er nach seinem Eintritt 
stehen. War es eine Erscheinung, war es Wirk
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.