Full text: Hessenland (2.1888)

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bett 27. Morgens eintraf. Noch an demselben 
Tage brach er von dort wieder auf und machte 
einen forcirten Marsch von elf Meilen über 
Wanfried, Eschwege, Helsa, Kaufungen bis Kassel, 
vor dem er am Morgen des 28. eintraf. 
Dieser heimliche und schnelle Marsch würde 
vollständig gelungen und Kassel im Ueberfall ge 
nommen worden sein, da der überaus dichte 
Nebel am Morgen des 28. das Unternehmen 
begünstigte, hätten nicht die Behörden in Mühl 
hausen Gelegenheit gefunden, einen Kurier mit 
der Nachricht vom Anrücken des Feindes nach 
Kassel zu senden. Tschernitscheff, hiervon benach 
richtigt ließ dem Kurier sofort nachsetzen und 
wurde derselbe auch in der Nacht vom 27. zum 
28. in Helsa glücklich eingeholt und gefangen 
genommen. Aber ein Gensdarm in Civilkleidern, 
der ihn begleitet hatte, war in der Dunkelheit 
entkommen und brachte ungefähr Morgens vier 
Uhr die erste Nachricht nach Kassel. 
Dem König mochte dieselbe wohl ebenso un- 
angenehm, wie unerwartet sein; doch war er 
Soldat genug, sich gleich zu Pferde zu setzen, 
nach der Stadt zu begeben und ein Detachement 
Infanterie, Kavallerie und zwei Geschütze durch 
das Leipziger Thor dem Feinde entgegen zu senden, 
auch die Furt der Fulda bei der sog. neuen 
Mühle, oberhalb Kassel besetzen zu lassen. 
Generalmarsch wurde nicht geschlagen,dieTruppen 
indeß durch ihre Offiziere allmälig auf dem 
Friedrichsplatz versammelt. Die dem Feind ent 
gegen gesandten Truppen leisteten nur geringen 
Widerstand. Die zum ersten Mal in das Feuer 
kommende Infanterie warf zum Theil ihre Ge 
wehre fort und zerstreute sich, zum Theil wurde 
sie überritten und gefangen genommen. Die 
Reiterei, neu sormirte Husaren, zeigte sich ganz 
unbrauchbar, auch die beiden Geschütze wurden 
genommen. Sechs Geschütze, die zum Zweck von 
Schießübungen auf dem Forst, einem Exerzier 
platz dicht vor Kassel au der Leipzigerstraße, standen 
und an die Niemand gedacht hatte, fielen gleich 
falls den Russen in die Hände. 
Die zurückgeworfenen westfälischen Truppen 
schlossen nun das Leipziger Thor und verbarrika- 
dirten die steinerne Fuldabrücke, die den kleineren, 
auf dem rechten Ufer gelegenen Theil von Kassel, 
die Unterneustadt, mit dem größeren Theil auf 
dem linken Fuldaufer verbindet. Dicht an der 
Brücke, auf dein rechten Ufer steht das Kastell, 
ein festes, eitadellenartiges Staatsgefängniß, 
welches den auf dem rechten Ufer vor der Brücke 
gelegenen Ma.rktplatz und Stadttheil beherrscht. 
In der Eile vergaß man diesen zur Vertheidi 
gung des Ueberganges über die Fulda so günstig 
gelegenen Punkt zu besetzen. Das Leipziger Thor 
wurde von den Russen mit Geschützen beschossen, 
von den westfälischen Truppen ohne ernsthaften 
Widerstand verlassen, leicht geöffnet und die 
Russen drangen mit Hurrah in die Stadt ein, 
gelangten bis zum Marktplatz, öffneten das Kastell 
und wurden von Niemanden freudiger als Be 
freier begrüßt, als von den Gefangenen. 
Die Barrikade der Fuldabrücke wurde unter 
Geschützfeuer genommen, aber ohne Infanterie, 
und bei dem lebhaften Gewehrfeuer vom jenseiti 
gen Ufer, ließ sich doch das Hinderniß nicht 
leicht überwältigen, obgleich die Bürger Miene 
machten, den Russen ihre guten Dienste anzubieten. 
Unterdeß war eine Abtheilung des Tschernit- 
schefs'schen Corps durck die Furt bei der neuen 
Mühle gegangen, nachdem sie das dort stehende 
westfälische Detachement nach leichtem Gefecht zu 
rückgeworfen hatte. 
Der König, der hierdurch seinen Rückzug be 
droht hielt, hatte Kassel mit einem Theil der 
Garnison, dem Grenadier-Bataillon, den Garde- 
du-Corps und Garde-Husaren , soweit sie be 
ritten waren, verlassen, und warfen diese Truppen 
die Russen über die Furt zurück. An der 
Frankfurter Straße ließ der König zur Sicherung 
seines Rückzuges Stelltlng nehmen, wie er denn 
überhaupt auf diesen mehr bedacht gewesen zu 
sein scheint, als auf Behauptung seiner Residenz. 
(Fortsetzung.folgt.) 
Kesstsche Ehrentafel. 
Von Joseph Schwank. 
(Fortsetzung.) 
IX. Im siebenjährigen Kriege bis zum 
Hubertsburger Frieden. 
1756 stellte Hessen den Engländern 12000 Mann 
ins Feld. 
1757 26. Juli. Schlacht bei Hastenbeck gegen die 
Franzosen. 16000 Hessen nahmen Theil. 
Oberst v. Dalwigk blieb, Oberst v. Haudring 
wurde tödtlich verwundet. Der Oberbe-
        

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