Full text: Hessenland (2.1888)

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Wurden durch die Schlachten von Lützen und 
Bautzen noch einmal getrübt. Da trat während 
des Waffenstillstandes Oesterreich auf die Seite 
der Verbündeten und mit diesem Schritt hielt 
man Napoleon's Geschick für entschieden. 
Zwei westfälische Husaren-Regimenter waren 
zu den Oesterreichern übergetreten. Napoleon's 
Sieg bei Dresden mußte zwar durch ein Tedeum 
gefeiert werden; aber es war auch das letzte, 
das die westfälische Regierung auf Befehl des 
Kaisers anordnete. 
Die Siege der Verbündeten an der Katzbach, 
bei Großbeeren und Dennewitz führten die Nord 
armee über die Elbe, und Parteigänger dieses 
Heeres streiften bis Halle, Eisleben, Halberstadt, 
ja selbst bis in die Nähe von Hannover. Am 
27. September verbreitete sich die Nachricht von 
der Besetzung Braunschweigs durch ein preußisches 
Streifcorps. 
An demselben Tage war bei uns in Kauffnngen 
der Verificateur von Czarnowski zur Kassenrevision 
eingetroffen. 
Wir waren im Bureau mit Protokollen und 
Abschlüssen bis spät Abends beschäftigt, dann 
legte ich mich ermüdet in dem Zimmer neben 
dem Bureau zu Bett. 
Gegen Morgen, es mochte etwa fünf Uhr sein, 
wurde ich durch Pferdegetrab geweckt. Ich 
stand auf, sah durch's Fenster und gewahrte eine 
Reiterkolonne, die still und lautlos vorüber zog. 
Die Reiter hatten lange Mäntel um und Helme 
auf; ich hielt sie für Kürassiere und da sie so 
still und eilig waren, vermuthete ich, es seien 
französische oder westfälische Truppen, die im 
Rückzug begriffen. Ich weckte einen zweiten 
Bureaugehilfen, den jüngeren Bruder meines 
Onkels, und als wir jetzt auch Reiter mit Lanzen 
von ungewöhnlicher Länge sahen, wurden wir 
doch zweifelhaft. Ich öffnete die Hausthür. Da 
trat mir aus der Morgendämmerung und dem 
dichten Nebel ein blau gekleideter, stämmiger, 
langbärtiger Mann entgegen, mit zwei Pistolen 
im Gurt und rief: „Wutki!" Ich fchrie so laut: 
„Onkel die Kosacken!" daß das ganze Haus er 
wachte und stürzte dem Kosacken in die Arme. 
Denn daß es ein Kosack war, darüber war ich 
nicht im Zweifel; kannte ich solche doch aus Ab 
bildungen genügend. 
Ich führte unsern Freund in's Bureau und 
schenkte ihm aus der Flasche ein, deren Inhalt 
zu gelegentlicher Erquickung der Postkondukteure 
und Postillone hier stand. Es fanden sich bald 
noch einige Kosacken ein, die zunächst Wutki und 
dann einen Schmied verlangten, um ihren Pferden 
Eisen aufschlagen zu lassen. Beides wurde ihnen 
mit großer Freude gewährt. Nachdem sie in 
aller Schnelligkeit auch noch eine zweite Flasche 
Branntwein ausgetrunken und den Schmied zur 
Eile angetrieben hatten, trabten sie der weiter 
gegangenen Kolonne munter nach. Geheimniß- 
und ehrfurchtsvoll hatte mir ein Kosack den Namen 
„Tschernitscheff" ins Ohr geflüstert. Wir würden 
diese braven Kosacken jederzeit mit Entzücken 
empfangen haben; daß sie aber gerade zur Kassen 
revision kamen, war uns doppelt erwünscht. — 
Tschernitscheff, jener kühne Parteigänger, ebenso 
umsichtig und gewandt als Diplomat, wie als 
Soldat, gleich tüchtig als General, wie als Kriegs 
minister, gehörte zur Nordarmee des Kronprinzen 
von Schweden und stand auf dem linken Elbufer, 
in Bernburg au der Saale, als er den Entschluß 
faßte, Kassel zu überfallen. 
Eine feindliche Hauptstadt, dreißig Meilen inr 
Rücken des Feindes, zu überrumpeln, dadurch 
die Verwaltung des Königreichs zu stören, den 
König möglicher Weise zum Gefangenen zu machen, 
war ein Unternehmen, das sich der Mühe und 
Gefahr, mit der es allerdings verbunden war, 
wohl lohnte. Kassel war durch ein Grenadier- 
Bataillon, ein Bataillon Garde-Chasseurs und 
mehrere Depot-Kompagnien von Linien-Truppen 
besetzt, an Reiterei durch zwei Eskadrons Garde- 
du-Corps und den größeren Theil eines neu 
formirten, meist aus Franzosen gebildeten Garde- 
Husaren-Regimeuts, an Artillerie durch eine 
Batterie — im Ganzen etwa 3000 Mann In 
fanterie, 600 Pferde und 6 Geschütze. 
Gegen den Harz, in Güttingen, stand der 
westfälische General Zandt mit dem 7. Infanterie- 
Regiment und zwei Eskadrons, so wie in Heiligen 
stadt, gegen Nordhausen, der westfälische General 
Bastineller mit einem Bataillon, zwei Regimentern 
Kürassieren und zwei Geschützen. Mit einem 
nur aus Reiterei und einigen Geschützen bestehenden 
Corps so weit vorzugehen und Kassel zu über 
fallen, während das Zandt'sche und Bastineller'sche 
Corps im Rücken standen, war ein gewagtes 
Unternehmen. 
Doch rechnete Tschernitscheff auf die Unzuver 
lässigkeit der Besatzung von Kassel, die zum großen 
Theil aus ungeübten, überdies gezwungen und 
mit Widerwillen dienenden Truppen bestand, so 
wie auf Unterstützung der Einwohner, die ihre 
Befreier mit Sehnsucht erwarteten. Das Streif 
corps bestand aus Dragonern, Husaren, Kosacken 
und einer reitenden Batterie, im Ganzen etwa 
2500 Pferden und vier Geschützen. 
Tschernitscheff brach am 24. September von 
Bernburg auf und ging bis Eislebeu, den 25. 
bis Roßla, schickte hier eine Abtheilung gegen 
die Bastineller'schen Vorposten nach Nordhausen 
vor, um diese irre zu leiten, bog aber mit dem 
Hauptcorps von der Straße südlich ab und zog 
über Sondershausen nach Mühlhausen, wo er
        

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