Full text: Hessenland (2.1888)

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gehalten, während vorher die Lutheraner in Kassel 
als nächstes Gotteshaus die Pfarrkirche zu Landwehr 
hagen besuchten. 
Landgraf Friedrich I. von Hessen-Kassel, zugleich 
König von Schweden, hat die Errichtung dieser, bis 
jetzt noch einzigen lutherischen Kirche in hiesiger Stadt 
unterstützt und gefördert. 
Die steinerne W ilh eln:sbrücke über die 
Fulda ist von 1 7 8 8 bis 1 7 9 4 unter der Regierung 
Landgraf Wilhelm IX., späteren Kurfürsten Wilhelm I. 
erbaut worden. -6- 
Vom Vater, Sohn und Enkel. Aus ein 
zelnen Reden und Handlungen läßt sich zuweilen ein 
sicherer Schluß auf den Charakter und die Gesinnung 
eines Menschen ziehen, als aus jahrelangem Umgang. 
Es dürfte deshalb nicht ungeeignet sein, von jedem 
unserer drei letzten Regenten einen Vorfall aus dessen 
Regierungszeit anzuführen, welcher bei dem ersten das 
gemessene, steife, nie Form und Rücksichten außer 
acht lassende Benehmen, bei dem zweiten die autokratische 
Natur, bei dem letzten endlich dessen Gerechtigkeits 
gefühl und das Bestreben, begangenes Unrecht wieder 
gut zu machen, kennzeichnen. 
Wilhelm I. besichtigte eines Tages den Holz 
bestand um den „Sac“ auf Wilhelmshöhe. Der in 
seinem Gefolge befindliche, als biderbe Persönlichkeit 
bekannte Förster Grau machte Serenissimum hierbei 
darauf aufmerksam, daß an diesem Platze, als noch 
Wiese statt Wasser den Raum, welchen der „Lac" 
einnimmt, ausgefüllt habe, „der ohle Wilm" manchen 
Hirsch geschossen habe. Der Kurfürst, von dieser 
Aeußerung sichtlich unangenehm berührt, richtete an 
Grau die Frage: „Wen meint Er denn mit dem 
alten Wilm?", worauf der Förster, das Unvorsichtige 
und Unpassende seiner Ausdrucksweise erkennend, ganz 
verlegen hervorbringt: „Unsern hochseligen Landgrafen 
Wilhelm VIII." Da wendet sich der Kurfürst sichtlich 
unwillig von Grau ab und sagt zu seinen Kavalieren: 
„Sonst ein recht braver Mann dieser Förster Grau, 
nur schade, er hat gar keine „„education.““ !" 
Während der Regierung Wilhelm II. wohnte in 
den zwanziger Jahren ein Kurf. Bauconducteur zu 
Wilhelmshöhe, welcher mit einem Lakaien des Kurfürsten 
Streit bekam. Diese Angelegenheit gelangte in Form 
einer vom Lakaien abgefaßten Beschwerdeschrift zur 
Kenntniß des Kurfürsten, welcher auf dem Rande 
der Schrift wie folgt, verfügte: 
Für diesmal bekommt der junge 
8 Tage Arrest, kommt so was wieder vor, so 
wird er weggejagt. (Das war Kabinetsjustiz in 
optima forma.) 
In den 50er Jahren hatte die Tochter des letzten Kur 
fürsten FriedrichWilhelm, PrinzessinMarie, mit einerGe- 
sandtin von Kassel aus nach Wilhelmsthal eine Schlitten 
fahrt unternommen. Recht durchfroren dort angekommen, 
hatre die Prinzessin den Kastellan für sich und ihre Be 
gleiterin um eine Tasse Kaffee gebeten, welche auch 
verabfolgt und genossen wurde. Doch das Auge des 
Gesetzes wachte in der Person eines Gensdarmen, 
welcher die pflichtschuldigste Anzeige erstattete, daß der 
Kastellan dem allerhöchsten Verbote zuwider an Dritte 
Getränke verabreicht habe. In Folge dessen erhielt 
der sich nichts schlimmes Bewußte Befehl, beim 
Kurfürsten sich über seine verbotswidrige Handlung 
persönlich zu verantworten. In Schnee und Eis 
tritt nun der gastfreundliche Hofdiener seine Wanderung 
zur Residenz, von welcher damals noch keine Eisenbahn 
bis Mönchehof fuhr, an und wird im Kurfürstlichen 
Palais ob seines pflichtwidrigen Verhaltens vom 
„Herrn" hart angelassen. In aller Unterwürfigkeit 
stammelte derselbe zu seiner Entschuldigung so was 
von großer Kälte und Verabreichung des Kaffees 
ohne Entgelt an ein Mitglied des kurfürstlichen Hauses. 
Der Kurfürst entläßt den armen Mann sehr ungnädig 
und geht eben mit seiner Umgebung zu Rath, welche 
Strafe zu verhängen sei, als einer der Hofbediensteten 
dem ungnädigen Herrn vorstellt, daß der Weg zu 
Fuß zwei Stunden weit in Schnee und Eis von 
Wilhelmsthal nach Kassel doch eigentlich schon Strafe 
genug sei. Ohne ein Wort weiter in der Angelegenheit 
zu sagen, gibt der Kurfürst alsbald Befehl, daß der 
Kastellan in einer Hofequipage nach Wilhelmsthal 
zurückbefördert werde. Von Zuerkennung einer Strafe 
war niemals die Rede. 
Schrvk. 
Gefecht bei Neuhof. Nur Wenigen dürfte 
bekannt sein, daß bei Neu Hof, in der Nähe von 
Fulda, am 29. Dezember 1800 zwischen dem Organi 
sator und Führer des Mainzer Landsturms Franz 
Joseph von Albini und dem französischen Brigade 
general Dessaix*) ein sehr hartnäckiges und 
blutiges Gefecht stattgefunden hat. Karl Rothen- 
bücher gibt uns in seiner lesenswerthen Schrift 
„Der Kurmainzer Landsturm in den Jahren 1799 
und 1800" (Augsburg bei Lampert u. Comp. 1879) 
eine Schilderung dieses Gefechts, der wir folgende 
Einzelheiten entnehmen: 
Noch bevor die Nachricht von dem zwischen Oester 
reich und Frankreich am .25. Dezember 1800 zu 
Steyer abgeschlossenen Waffenstillstände bei der 
französisch-batavischen Armee unter Augereau eintraf, 
machte Albini, welcher in seiner Stellung bei Fulda 
von dem bedeutend verstärkten französischen Corps 
eingeschlossen worden war, einen kühnen Versuch, 
aus seiner mißlichen Position durchzubrechen und 
womöglich sich mit der österreichischen Armee unter 
Gereral Simbschen in Franken zu vereinigen. Am 
*) Nicht zu verwechseln mit dem in der Schlacht von 
Marengo am 14. Juni 1800 gebliebenen französischen 
Divisionsgeneral Desaix.
	        

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