Full text: Hessenland (2.1888)

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3. Nidda, 4. Dich, Mittelschild: Hessen. Jetzt, wo 
alle 5 Wappen wirklichem Besitz entsprachen, trat 
also an die Hauptstelle das Hauptwappen, mit dem 
Ziegenhainer den Platz vertauschend. 
Der Uebcrgang auch der durch Oberhessen er 
worbenen Grafschaften Katzenelnbogen und Dietz an 
Wilhelm den Mittleren geschah auf Grund voraus 
gegangener Verträge und der Gesammtbelehnung von 
1495, von der wir später noch sprechen werden. 
Trotzdem erhoben die beiden Schwestern Wilhelms 
des Jüngeren v. Oberhessen Ansprüche auf dessen 
Laude, und der Gemahl der einen von ihnen, Graf 
Johann v. Nassau-Dillenburg ließ bei Gelegenheit 
der Vermählung Wilhelms des Mittleren mit Anna 
v. Mecklenburg über seiner Herberge in Kassel das 
Wappen der Grafen v. Katzenelnbogen aufhängen; 
allein der Landgraf ließ ihm dieses Anspruchswappen 
.zum Zeugniß geübter Anmaßung schimpflich herab 
werfen. “ 
Auch für die neuere Zeit wurden aus der Ge 
schichte des Hessischen Wappens noch 2 Beispiele von 
Anspruchswappen angefügt. 1736 siel die Grafschaft 
Hanau-Münzenberg an Hessen-Kassel, und ihr Wappen 
wurde erst 1751 dauernd mit dem Hessischen ver 
einigt. Darum ist es zunächst auffällig, daß das 
Hanauer Wappen ausnahmsweise bereits in dem des 
Landgrafen Karl vorkam, der 1730, also vor Er 
werbung der Grafschaft, starb. Hoffmeister theilt 
nämlich mit, daß Landgraf Karls Wappen am 
Orangerieschloß in der Karlsaue zu Kassel früher 
das HanauerHWapPen mitenthielt und erst bei neuen 
Restaurirungen in das von 1618 bis 1730 ge 
wöhnlich übliche umgeändert worden ist. Obige 
Thatsache findet aber ihre einfache Erklärung in 
einem Umstand, auf den schon Hoffmeister selbst hin 
gewiesen hat. Die Vollendung jenes Schlosses fällt 
in die letzten Jahre des Landgrafen Karl, kurz nach 
dem 1724 mit Kursachsen ein Vergleich geschlossen 
war, der Hanau-Münzenberg im Erledigungsfalle 
dem Hause Hessen-Kassel endgültia zusicherte. Das 
betreffende Wappen ist also ein AnspruMwappen. 
Schließlich wurde noch erwähnt, daß Hessen-Kassel, 
nachdem es 1803 Kurfürstenthum geworden war, 
von 1803 bis 1818 im Wappen einen ledigen 
Mittelschild führte, „in der, jedoch nicht erfüllten 
Erwartung eines Ehrenwappens" für „die Kurwürde 
und ein damit zu verbindendes Reichs-Erz- und 
Erbamt." Bei diesem Anspruchswappen handelt es 
sich also um ein Amtszeichen, nicht, wie bei den 
vorigen, um ein eigentliches Erbezeichen. 
Die aufgeführte historische Reihe von Hessischen 
Erbezeichen aber hat noch einen anderen Nutzen: sie 
zeigt von Anfang an die Entwicklung und Ausbildung 
des Begriffs der Länderwappen; sie läßt erkennen, 
was das Entscheidende war für die Entstehung dieses 
Begriffs: es war der Wechsel des Herrscherhauses. 
Denn so wie in Hessen war der Verlauf ziemlich 
überall. Die späteren Länderwappen waren in welt 
lichen Herrschaften ursprünglich durchweg die Geschlechts 
wappen der Landesherrn. Wechselte aber der Besitz, 
so nahm gewöhnlich der neue Herr das Wappen des 
alten an, das sich so vom Erbezeichen zum Zeichen 
der rechtlich erworbenen Herrschaft und weiter zum 
Länderwappen entwickelte. 
Dabei war aber noch ein Nechtsgebrauch von 
förderndem Einfluß und entscheidender Mitwirkung: 
der alte, aus vorheraldischer Zeit stammende, Gebrauch 
der Verleihung der Fürstenlehen mit der Fahne. 
Die mehrfach schon benutzte Chronik Riedesels giebt 
eine außerordentlich interessante Schilderung von der 
Verleihung der Fahnenlehen durch König Maximilian 
I. auf dem berühmten Reichstag zu Worms, 1495, 
namentlich von den Vorgängen bei der Belehnung 
der Hessischen Landgrafen. 
Wilhelm der Mittlere v. Niederhessen und Wilhelm 
der Jüngere v. Oberhessen wurden nämlich, wie sie 
übereingekommen waren, zu gesammter Hand mit 
Hessen, Ziegenhain, Nidda, Katzenelnbogen und Dietz 
belehnt; obgleich die beiden letzten Grafschaften, wie 
wir schon oben sahen, bis dahin nur der Oberhessischen 
Linie gehörten. Wilhelm der Jüngere behielt sich 
allerdings vor, — obgleich er kinderlos war, — daß 
so lange sein Mannsstamm blühe, sein Vetter Wilhelm 
der Mittlere auch fortan „auf Nutzung, Titel, Schild, 
Helm, Wappen und Namen der beiden Grafschaften 
Katzenelnbogen und Dietz verzichte." 
Diese besonderen Verhältnisse werden der Grund 
gewesen sein, warum die beiden Landgrafen von dem 
herkömmlichen und auch damals in Worms noch 
allgemein üblichen Brauche, für jedes einzelne Fürsten 
lehen eine Fahne zu führen, abwichen. Allerdings 
hatten auch sie 3 Fahnen: einmal das weiße „Nenn- 
Fähnlein", mit dem „Wappen zu Hessen", wie es 
hier schon heißt, dann das rothe „Blut-Fähnlein" 
für die Regalien, daneben aber besonders „ein groß 
roth Panier" mit dem „Wappen von Hessen" in 
der Milte, umgeben von den 5 Wappen Katzen 
elnbogen, Ziegenhain, Waldeck (?) Dietz, und Nidda. 
Ein derartiges Banner scheint damals, bei solcher 
Gelegenheit wenigstens, etwas ganz neues gewesen zu 
sein, es war deshalb auch „viermal größer denn 
keines Herrn Panier." 
Die Belehnung selbst ging nach der genannten 
Quelle folgendermaßen vor sich. Zuerst berannte 
der Marschall Johann Schenck zu Schweinsberg, der 
die Rennfahne trug, den Thron, auf dem der König, 
von seinem Gefolge umgeben, saß, „mit einem 
schönen reisigen Gezeug." Dann kamen die beiden 
Landgrafen selbst mit einer stattlichen Folge von 
mehr als 300 Berittenen, darunter 7 Grafen und 
Herren, sowie die Hessische Ritterschaft. Sie brachten 
die beiden anderen Banner, das rothe trug Graf 
Johann v. Widda, das große Graf Philips v. 
Solms. Und nun erfolgte die Belehnung durch den König.
	        

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