Full text: Hessenland (2.1888)

379 
erwähnt wurde. Zudem war er, (obwohl Ritter!), 
von schwachem Körper und zarter Gesundheit. Das 
suchte der Markgraf Friedrich v. Meissen, Landgraf 
v. Thüringen, zu benutzen. Wie es die „Hessische 
Chronik- des Ritters Johannes Riedesel darstellt, 
zog er „zu dem Römischen König Sigismund und 
brachte an, wie der junge Herr zu Hessen wäre ein 
Krüppel und ein krank, ungesund, grindicht Kind, 
so daß er nicht tauglich zu regieren wäre. Darum 
bat er den König, daß er ihn wollte mit den: Lande 
zu Hessen belehnen, nachdem er der Nächste dazu 
wäre nach Ausweisung des Wappens: 
Schild und Helms.- Diese Auffassung des 
Chronisten von der einfachen Art, wie Markgraf 
Friedrich seine — übrigens unerfüllt gebliebene — 
Forderung begründet haben soll, ist ungemein 
charakteristisch. 
Von Hessischer Seite wurde natürlich die Berechtigung 
zur Führung des bunten Löwen ebenso stark betont, 
wie von Thüringischer. Daher kam es, daß die 
Hessichen Landgrafen sogar ihr Brabanter Familieu- 
wappen, den goldenen Löwen, bald ganz auf 
gaben. Genau läßt sich der Verlauf nicht feststellen, 
besonders wegen des in beiden Fällen gleichen Wappen 
thieres. Schon Heinrich I. selbst scheint den Brabanter 
Löwen nur noch im Sekretsiegel geführt zu haben. 
Auf dem Reitersiegel Heinrichs II. scheint er unter 
dem Pferde dargestellt zu sein, Herman führte ihn 
vereinzelt noch einmal um 1387 im Wappen, dann 
aber verschwindet er. 
Nun starben 1430 die Herzöge v. Brabant aus, 
und Landgraf Ludwig I. v. Hessen war der berechtigte 
Erbe des Herzogthums. Er machte auch einen 
Versuch, sein Recht geltend zu machen, sah aber bald 
ein, daß er nichts erreichen würde gegenüber dem 
Schwiegersohn des verstorbenen Herzogs, dem mächtigen 
Herzog Philipp dem Guten v. Burgund, dem die 
Hauptstädte Brabants schon gehuldigt hatten. Er 
kehrte deshalb unverrichteter Sache wieder heim. 
Sehr interessant ist es nun, aus den Darstellungen 
der Chronisten wieder zu sehen, welche große Bedeutung 
die damalige Zeit dem Wappen als Zeichen des 
Rechtsanspruchs beilegte. 
So erzählt die „Chronik von Thüringen und 
Hessen-: Brabant habe eine Botschaft an Ludwig 
gesandt und gebeten, er möge als rechtmäßiger Herr 
das Herzogthum in Besitz nehmen. Deshalb habe 
sich Ludwig mit 400 Pferden aufgemacht, da er 
aber nicht das richtige Brabanter Banner, den 
goldenen Löwen, geführt habe, sei er des Landes 
Brabant verwehrt worden. 
Weitläufiger erzählt den Fall der schon heran 
gezogene Johannes Riedesel: Landgraf Ludwig sei 
nach Aachen gezogen und habe das Land gefordert. 
„Da befand der von Burgund in der Wahrheit, daß 
Landgraf Hermanns Ur-Eller-Vatter ein geborner 
Herzog zu Brabant war," ebenso „befand" er noch 
verschiedenes andere, „aber er sprach: Sintemal die 
Landgrafen zu Hessen bis anhero den Titel von 
Brabant mit dem Wappen verlassen hätten, das 
wäre ein Wahrzeichen, daß der erste Landgraf, so 
aus Brabant in Hessen kommen war, auf das Land 
Brabant ewiglichen Verzicht gethan." Landgraf 
Ludwig suchte nun durch eine Reihe mehr oder- 
weniger passender Beispiele zu beweisen: „Solches 
wäre vor alten Jahren nicht gewöhnlich gewesen, 
denn ein jeglicher schreibt sich nicht weiter, denn er 
Land iune hat, und führet auch nicht mehr Wappen." 
Was ihm darauf geantwortet sei, wird nicht erzählt, 
jedenfalls hatte es den SinnWas die Leute 
früher gethan hätten, wäre ihre Sache; jetzt aber 
müsse, wer einen derartigen Anspruch mache, ihn 
durch das Wappen zur Schau tragen. Das Wappen 
sei ein beweisendes Zeichen des Rechts. — 
20 Jahre später war Landgraf Ludwig glücklicher. 
Im Jahr 1450 fielen ihm nämlich die beiden Graf 
schaften Ziegenhain und Nidda zu, durch den Tod 
des letzten Ziegenhainers, Johann, der seine Be 
sitzungen schon zu Lebzeiten Hessen zu Lcheu auf 
getragen hatte. Nun erhoben aber die Grafen v. 
Hohenlohe auf Verwandtschaft gegründete Ansprüche 
an beide Grafschaften und brachten sie zum Ausdruck 
dadurch, daß sie deren Wappen mit ihrem Stamm 
wappen vereinigten. 4 5 Jahre lang führten sie 
dies Anspruchswappen, als aber 14 95 zu ihren 
Ungunsten entschieden wurde, mußten sie außer auf 
die Grafschaften selbst ausdrücklich auch auf „Schild, 
Helm, Wappen, Titel und Namen" von Ziegenhain 
und Nidda verzichten. 
Das Ziegenhainer Wappen spielt auch im folgenden 
die Hauptrolle. Nach dem Tode Landgraf Ludwigs, 
14 58, wurde Hessen unter seine beiden Söhne getheilt. 
Der ältere, Ludwig II., erhielt Niederhessen und 
Ziegenhain, der jüngere, Heinrich HI., Oberhessen 
und Nidda. Dazu erwarb Heinrich 1479 durch 
Heirath die Grafschaften Katzenelnbogen und Dietz 
und führte nun dieses Wappen: Geviert mit Mittelschild; 
1. Feld: Hessen, 2. Feld: Katzenelnbogen, 3. Feld: 
Nidda, 4. Feld: Dietz. Mittelschild: Ziegen 
hain. Und doch war, wie wir sahen, Ziegenhain 1458 
Heinrichs Bruder Ludwig zugefallen, und es gehörte 
seit 1471 dessen Sohne Wilhelm dem Älteren, wenn 
auch Heinrich die vormundschaftliche Regierung führte. 
Jakob Hoffmeister hat auf diese auffallende 
Anordnung aufmerksam gemacht, ohne sie erklären zu 
können. Der Vortragende glaubte, den Herzschild mit 
dem Wappen von Ziegenhain unbedenklich als An 
spruchswappen auffassen zu dürfen. Er ließ dafür 
auch den Umstand sprechen, daß, als im Jahre 1500, 
nach dem Tod Wilhelms des Jüngeren v. Ober 
hessen, der ganze Hessische Besitz in der Hand 
Wilhelms des Mittleren vereinigt wurde, das Wappen 
sofort so aussah: 1. Katzenelnbogen, 2. Ziegenhain,
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.