Full text: Hessenland (2.1888)

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„Ach Vater, liebster Vater, Gottlob, daß ich zu Haus, 
Zn Mainz da ward ich flüchtig, hielt's länger nimmer aus!" 
Der Alte führt ihn schweigend hinan die Stufen sacht. 
Er stellt ihn auf die Plattform hin in die Sternennacht — 
Die hohe Thurmuhr ticket — die Erde liegt so weit — 
Es ist als ob sich einten hier Zeit und Ewigkeit. — 
Dem Jüngling wird so bange, als steh' er im Gericht, 
Denn strenge wie ein Richter sein greiser Vater spricht: 
„Dort unten ist vergangen der flücht'ge Farbenschein, 
Blick auf, wo still erglänzen der ew'gen Sterne Reih'n! 
Sie werden niemals irre auf ihrer sichern Bahn, 
Denn der darüber waltet, der wies sie ihnen an, 
Der hat auch uns bezeichnet, den Weg der ihm gefiel, 
Den Pfad der Pflicht, erführet allein zum wahren Ziel. — 
Doch daß wir irr' nicht gehen im Labyrinth der Welt, 
So hat er das Gewissen als Führer uns gesellt — 
Du folgtest diesem Führer, der eignen Mahnung nicht, 
Drum muß ich selbst dich bringen zurück zum Weg der Pflicht." 
Und Beide wandern rastlos hinein in's welsche Land, 
Das Regiment zu suchen, das „Landgraf Karl" genannt, 
Und als sie's endlich finden im Feld vor Mezivres, 
Da schleppt den bleichen Jüngling der Greis zum Kommandeur. j 
„Ich bin der Thürmer Kollmann und bring Euch meinen Sohn, ! 
Den Musketier, der treulos der Fahne ist entfloh'n; 
War pflichttreu stets, Herr Oberst, mein Sohn, er sei es auch, 
Und ist er auch mein einz'ger — thut was Soldatenbrauch!" ! 
Die hohen Offiziere mit Stern und Ordensband, 
Die stehen stumm und staunend, als wären sie gebannt, 
Doch als der Greis sich wendet und still verläßt das Zelt, 
Verneigen sie so tief sich, als ging ein Fürst, ein Held. — 
Es ward in Staub getreten des Feindes Uebermuth, 
Die Sieger ziehen heimwärts — ließ mancher auch sein Blut. 
Wie jubeln sie in Hersfeld, als sie die Tapfern seh'n, 
Es läuten laut die Glocken, viel Fahnen flatternd weh'n. 
Im Thurmgemach der Alte verhüllt sein Angesicht, 
Und kehren Alle wieder, so kommt doch Einer nicht. 
Es deckt der kühle Rasen wohl längst den Deserteur, 
Der sicher vor dem Standrecht den Tod fand ohne Ehr'. — 
Da tritt herein der Oberst, er reicht dem Greis die Hand: 
„Weint nicht, sein Tod war ruhmvoll, er siel sür's Vaterland; 
Wohl war's ein schlimmer Posten, auf den wir ihn gestellt — 
Umsaust von Feindeskugeln hielt aus er wie ein Held." 
Der Thürmer richtet auf sich, sein Antlitz leuchtet hehr: 
„Für Deutschlands Ruhm gefallen — o Gott, was will ich mehr ? 
Und hab' ich selbst getrieben ihn in den frühen Tod — 
Ich that nur was ich mußte, was Hessen treu gebot!" 
Z. Hrineau. 
Aus alter und neuer Zeit. 
Heurige Gedenktage der Stadt Kassel. 
Vor 1150 Jahren, im Jahre 738 wird der 
Volks stamm der Hessen in einem Bericht 
des heiligen Bonifatius nach Rom zum e r st e n 
Male erwähnt. Die Jahreszahlen 38 und 88 
sind in folgenden Zeiten für die Stadt Kassel öfter 
von geschichtlicher Bedeutung geworden, sodaß in dem 
laufenden Jahr eine Anzahl von Jubiläen bevorstehen, 
von denen eines oder das andere gefeiert werden 
dürfte. 
Die Unterneustadt wurde an Stelle des 
Dorfes Fuldahagen, unter der Regierung Heinrich 
des Kindes von Brabant in den Jahren 1288 bis 
1293 erbaut und befestigt. Eine Holzbrücke führte 
über die noch jetzt sichtbaren steinernen Pfeiler ober 
halb der jetzigen Fuldabrücke in den neuen Stadt- 
theil, in welchem links von der alten Leipziger-Straße 
auf dem jetzigen Holzmarkt die alte Magdalenenkirche 
stand. Nach der Erfindung des Schießpulvers ver 
stärkte auch der linksfuldaische Theil der Stadt seine 
Befestigungslinie und hielt von 1385 bis 1388 
drei Belagerungen mit Erfolg aus. Die damalige 
Walllinie erstreckte sich längst des sogenannten Grabens 
bis zum Brink und von dort, den ältesten Stadt 
theil an der alten Ahnamündung umschließend, zur 
Fulda. 
Im R e f o r m a t i o n s z e i t a l t e r wurde Kassel, 
als festem Platze, neue Fürsorge zugewandt. Für die 
innerhalb desselben angehäuften Getreidemassen wurden 
zwei neue Mühlen angelegt, 1 5 38 auf der Unter 
neustädter Seite und 17 Jahre später ebenfalls unter 
der Regierung Philipp des Großmüthigen eine auf 
dem linken Fuldaufer am Finkenwerder gelegene, die 
große Ah nab erg er Mühle. 
Von 1 68 8 ab entstand in Kassel die Ober 
neustadt, westlich vom Zwehrenthurm, der jetzigen 
Museumsternwarte, als Wohnort der in Folge der 
Aufhebung des Edikt von Nantes aus Frankreich 
ausgewanderten Protestanten. In demselben Jahre 
entstand die große Kaserne an der unteren Königs 
straße, an deren Stelle jetzt Neubauten zu beiden 
Seiten der Moltkestraße sich entwickeln. Die Grün 
dung der französischen Oberneustadt außerhalb der 
Festungslinie, welche sich damals vom Zwehrenthurm 
längs der unteren Karlsstraße nach dem Druselthurm 
und zur Gießbergbastion, von da aber zum Müller 
thor am Wall und zur Fulda erstreckte, gab die Ver 
anlassung, daß Kassel, welches im ganzen 30jährigen 
Krieg der Hort des Hessenlandes gewesen war, im 
siebenjährigen Krieg versagte, und als Festung seine 
Bedeutung verlor, bis es 1767 vollständig geschleift 
wurde. 
Im Jahre 1 7 38, vor 150 Jahren, am Sonntag 
Jubilate, wurde die erste Predigt in der damals fertig 
gestellten lutherischen Kirche am Graben
	        

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