Full text: Hessenland (2.1888)

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Die Jahreszeiten der Klebe. 
In meinem Herzen schliefen eisbedeckt 
Viel Blümelein den Winterschlaf so tief, 
Bis sie Dein holder Frühlingskuß geweckt, 
Empor zu neuem Leben rief. 
Sie blühten auf in süßer Lenzeslust, 
Umgaukelt von dem bunten Schmetterling, 
Es war ein Frühlingstraum der sel'gen Brust, 
Der, ach zu bald! zu Ende ging. 
Der Sommer kam mit seinem Sonnenbrand, 
Die zarten Blümlein neigten stumm ihr Haupt. 
Am Boden lagen sie, verwelkt, verbrannt, 
Zu früh vom bittern Tod geraubt. 
Des Herbstes wilde Stürme folgten nach, 
Grausam verwüstend ringsum Wald und Flur, 
Der rauhe Nord die welken Blüten brach, 
Mit ihnen weit von dannen fuhr. 
Doch ihre Wurzeln ruh'n im Erdenschrein, 
Der graue Winter deckt sie gütig zu. 
Sie warten auf den Frühlingssonnenschein, 
Und ihre Sonne, die bist du! 
I^aus Stephan. 
Die beiden Tannen. 
Tannen standen zwei in tiefem Hage, 
Rauschten sich Frohlocken zu und Klage. 
Die gemeinsam trugen Lust und Leiden, 
Ihnen war der Tag gesetzt zu scheiden. 
Sprach die Eine stolz: „Mich wird man stellen, 
Schwester, in den Lichterglanz, den hellen. 
Güldner Tand und Flitter wird mich schmücken, 
Eines Kindes Auge zu berücken." 
Sprach die Andre: „Mich wird man zerschneiden, 
Bretter sechs aus meinem Stamme scheiden. 
Flor wird decken mich und Kranzesfülle — 
Bergen soll ich eines Müden Hülle." 
So die Tannen beid' in tiefem Hage 
Tauschen ihr Frohlocken, ihre Klage; 
Bis zu einem Liede sich verweben 
Sterbesang und froher Sang vorn Leben. 
I». Saut. 
Ans alter und neuer Zeit. 
Ein s ch ö n e r Z u g aus dem Leben des 
Landgrafen Carl vo n H essen. Der Prinz 
Carl, seit 1806 Landgraf von Hessen, ein jüngerer 
Bruder des Kurfürsten Wilhelm I., zeichnete sich durch 
seinen hochherzigen Sinn, seine Liebe für Kunst und 
Wissenschaft aus. Er hatte eine sehr sorgfältige Erziehung 
genossen, und in pietätvoller Erinnerung sagte er von 
seiner Mutter, der Gattin des Landgrafen Friedrich 
II., bekanntlich einer englischen Prinzessin, aus: 
„Meiner Mutter, welche ich fast immer als ein gött 
liches Wesen betrachtet habe, verdanke ich Alles! Ihren 
Rathschlägen verdanke ich meine wahre Erziehung und 
meinen Geschmack am Studium." Er war ein Mann 
von durchaus gediegenem Charakter nnd dabei eine 
liebenswürdige Persönlichkeit, rein und wahr, mild 
und wohlwollend, aber fest und muthig, wenn es galt, 
für höhere Güter des Lebens einzutreten. Als dänischer 
Feldmarschall und Statthalter der Herzogthümer 
Schleswig und Holstein hatte er seinen Wohnsitz zu 
Gottorf. Dort und auf seinem Lustschlosse Louisenlund 
verbrachte er die meiste Zeit seines Lebens. Er spielte 
eine bedeutende Rolle im Freimaurer-Orden. An 
Stelle des Herzogs Ferdinand von Braunschweig 
leitete er als Vorsitzender den zu Wilhelmsbad 1782 
abgehaltenen Freimaurer-Kongreß, er war Stifter der 
Hanauer Loge „Wilhelmine Karoline", Protektor der 
Kasseler Loge „zum gekrönten Löwen," General-Groß 
meister aller hessischen Logen. Recht deutlich tritt 
seine wohlwollende Gesinnung hervor in den uns ur 
schriftlich vorliegenden Briefen desselben an den kur 
hessischen Ministerialrath von Starckloff. Zunl näheren 
Verständniß dieser Briefe, die wir unten im Auszuge 
wiedergeben, möge Folgendes dienen: Wiewohl die 
Karlsbader Beschlüsse vom 20. September 1819, 
soweit sie die Überwachung der Hochschulen betrafen, 
ihren Einfluß ans strengere Bestrafung der Studierenden 
wegen Widersetzlichkeiten gegen Organe der Staatsgewalt 
überall geltend machten, so waren es für Kurhessen insbe 
sondere auch noch die im Jahre 1823 an den Kur 
fürsten Wilhelm II. gerichteten Drohbriefe, dereil Ur 
heber trotz eifrigster Nachforschung und vielfache In 
haftnahme Verdächtiger niemals ermittelt worden ist, 
welche die weitere Veranlassung waren, daß gegen 
die Marburger akademischen Bürger mit äußerster 
Strenge vorgegangen wurde, wenn sie sich in irgend 
einer Weise gegen Civil- oder Militärpersonm während 
deren Dienstverrichtung aufgelehnt oder vergangen 
hatten. Das Faktum, um welches es sich in dem 
vorliegenden Falle handelt, geht aus den Briefen selbst 
hervor, die wir nun folgen lassen: 
Louisenlund, 7. Juli 1622. 
Lieber Starckloff! 
Mein armer Ober-Jnspector Koup hat ein großes 
Unglück erlitten durch seines Suhnes unvorsichtiges 
Betragen in Marburg. Dieser sonst so gute und
        

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