Full text: Hessenland (2.1888)

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schon so Manchen dahinwelken sehen. So sah 
er traurig, aber gefaßt demjenigen entgegen, 
was da kommen mußte. Und heute am Weih 
nachtsabend dachte er für sich, daß dies nun das 
letzte Christfest für ihn sein werde. Zwei heiße 
Thränen rollten auf seine magern Wangen, aber 
er trocknete sie ab und zwang sich, fröhlich 
dreinzuschau'n, um nicht der jüngeren Geschwister 
harmlose Lust zu stören. Er bemühte sich, 
Freude zu zeigen an den Geschenken, die auf 
dem L-tnhle vor seinem Bette lagen: ein Honig 
kuchen, Nüsse, ein Schreibzeug von einem Schul 
freund. 
Draußen klingelte es plötzlich. Es kam Je 
mand. Auf dem Hausflur wurde eine Stimme 
laut, bei deren Klang das Blut dem Kranken 
in die hohlen Wangen stieg. Er richtete sich 
halb im Bette auf und horchte, die Angen auf 
die Thür geheftet. Alsbald öffnete sich diese 
und die Mutter trat ein. „Sieh!" rief sie 
eifrig, „Fräulein Maria ist gekommen, um sich 
nach Dir umzusehen, Heinrich!" Und nun er 
schien auch Maria, des Pfarres Töchterlein, in 
der Thüre. Der dürftige Schein des Lichtes fiel 
auf die schlanke Gestalt des liebreizenden Mäd 
chens, das einen Korb trug und den armen 
Kranken freundlich begrüßte. 
„Wie geht es Ihnen, Heinrich", sagte Maria, 
an das Bett tretend und ihm die Hand reichend. 
„Hoffentlich besser?" 
Der Kranke faßte mit seinen beiden mageren, 
fieberheißen Händen Marias dargebotene Rechte: 
„Ich danke, gut! Es ist so freundlich, daß Sie 
gekommen sind." 
„Ach, Heinrich, das ist doch meine Schuldigkeit, 
daß ich einen alten Freund und Schulkameraden 
nicht vergesse. Vater und Mutter lassen bestens 
xrüßen und gute Besserung wünschen und bitten 
Sie, diese Kleinigkeit anzunehmen." Dabei griff 
sie in den Korb und brachte dessen Inhalt zum 
Vorschein: ein Buch vom Herrn Pfarrer, ein 
Flachchen guten Wein und Gebäck von der Frau 
Pfarrer. „Und hier von mir!" sagte sie, und 
eine jähe Röthe überlief ihre Wangen, indem 
sic einm Blumentopf mit einer blühenden Monats 
rose vo: Heinrich auf den Stuhl stellte. 
Seine matten Augen glänzten; er preßte die 
kleine weße Hand, die er immer noch nicht los 
gelassen lütte und eine Thräne fiel auf sie. 
„Ich danke Ihnen, Fräulein Maria. Ach, wenn 
ich Ihnen de Freude vergelten könnte, die Sie 
mir bereiten" Nur mühsam brachte er die 
Worte hervor. 
„Darum sorgen Sie sich nicht," sagte Maria 
und versuchte, Hüter zu sein. „Wenn Sie gesund 
werden, dann wird sich das schon finden." Ihre 
Stimme stockte. 
Heinrich sah sie lange und traurig an: „Ich 
werde nicht gesund, Fräulein Maria." 
„Sagen Sie so etwas nicht, bitte, bitte!" rief 
das Mädchen und die dunklen Augen wurdeir 
feucht. 
„Was hilft es, wenn ich mich belüge? Ich 
fühle, wie der Tod näher kommt. Er ist so 
nah, ganz nah, Maria! Er steht zwischen uns 
beiden." 
Maria weinte leise und der Kranke fuhr mit 
kaum vernehmlicher Stiinme fort: Ich fühle ihn 
— am Herzen! Bald wird es aus sein, aus 
mit den Wünschen und Hoffnungen. Was ich 
gehofft und gewünscht, Maria, brauch' ich es zu 
sagen? Du weißt es. Wir wollen nicht davon 
reden, uns die Herzen nicht trauriger machen, 
ist doch heute ein Festtag! Weihnachten! 
Maria, als ich ein Kind war, da träumte ich 
vom Weihnachtsengel und ich sehnte mich danach, 
ihn zu sehen. Ich glaubte seinen Flügelschlag 
zu hören und ich fühlte sein Wehen. Aber ge 
sehen habe ich ihn nicht. Heute aber sehe ich 
ihn, Maria, heute ist er zu mir gekommen, um 
das letzte Weihnachtsfest mit mir zu feiern und 
zu zeigen, daß die Engel Gottes noch zu den 
Armen und Verlassenen kommen." Und er beugte 
sich nieder und küßte die Hand des schluchzenden 
Mädchens. Dann ließ er Maria los und sah 
sie lange schweigend an; so nahm er Abschied 
von dem Traum seiner Jugend. 
„Lebewohl, Maria!" 
„Lebewohl Heinrich!" schluchzte sie, neigte sich 
zu ihm und küßte ihm Stirn und Lippen. 
„Lebewohl !" Und sie schwankte hinaus. 
Bald nach ihrem Weggang sagte Heinrich: 
„Mutter, ich möchte schlafen. Gieb mir einen 
Kuß zur guten Nacht und ihr auch, Mariechen 
und Martin. Sv! Und nun kümmert euch nicht 
um mich." Und er brach die blühende Rose 
von dem Stocke und kehrte sein friedlich lächeln 
des Gesicht der Wand zu. 
Am andern Morgen, als die Lichterkirche eben 
zu Ende gegangen war, kam die Mutter in's 
Pfarrhaus und erzählte, daß ihr Heinrich Nachts 
gestorben sei. Niemand habe es gemerkt. Stille 
und friedlich sei er eingeschlafen, die halbwelke 
Rose habe er in der erstarrten Hand gehabt. 
~ Der Pfarrer und seine Frau spendeten der 
Schwergeprüften Trost, so gut sie konnten. Als 
sie aber traurig und gebeugt sich zum Gehen 
wandte, da eilte Maria ihr nach und das holde 
Mädchen warf sich der Frau still weinend an 
die Brust.
        

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