Full text: Hessenland (2.1888)

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kv Weihnachtsengel. 
ö. John. 
Weihnachtsabend in einem hessischen Dörfchen. 
Hinter einigen Fenstern festliche Helle; im Pfarr 
haus und in der Schule und bei einzelnen wohl 
habenden Bauern brennt der Christbaum. Außer 
dem noch ein solcher für die gesammte Dorf 
jugend, der im Schulsaale angezündet wird, wo 
der Herr Pfarrer oder der Herr Lehrer eine 
Rede hält und am Schlüsse Aepfel und Nüsse 
vertheilt werden. Sonst wird in den Familien 
das Christfest nach alter Weise begangen, daß 
Jedes „stülpt", d. h. einen leeren Topf verkehrt 
hinstellt, unter welchen dann die Eltern die oft 
recht ärmliche Gabe legen. Aber auch diese 
erfreut als etwas Ungewohntes das Kindesherz. 
Und dann ist ja noch die „Lichterkirche", d. h. 
der Frühgottesdienst bei Kerzenbeleuchtung. Für 
ein Dvrfkind ist dieser Gottesdienst etwas 
märchenhaft Schönes und die größte Külte kann 
den Genuß, den er bietet, nicht schmälern. 
Am Ende des Dorfes, wo dasselbe an den 
Wald stößt, liegt ein kleines Häuschen. Es ist 
zweistöckig und steht im rohen Lehm. Unten 
wohnt der Besitzer, ein Schuster mit seiner Fa 
milie; oben haust eine Schneiderswittwe mit 
ihren drei Kindern. Die Wittwe feiert auch 
das Weihnachtsfest, aber recht traurig. Das 
vorige Mal lag der Gatte todtkrank darnieder 
und auch heute ist das Zimmer ein Kranken 
zimmer. Kein Christbaum erleuchtet den dürf 
tigen Raum. Ein karges Oellicht steht auf dem 
Tische, an dem Mariechen und Martin, die 
beiden Jüngsten, sitzen und die Herrlichkeiten 
betrachten, die ihnen das Christkind bescheert 
hat. Ein buntes Bildchen, ein Honigkuchen für 
Jedes, eine warme Mütze für den Knaben, ein 
Tuch für das Mädchen? Und wie schwer ist es 
der armen Mutter geworden, die Ausgabe für 
diese Geschenke dem täglichen Bedarfs abzuringen! 
Der Schein des Lämpchens fällt aber noch auf 
ein drittes Gesicht; auf dasjenige des Kranken, 
der still und fast theilnahmlos im Bette liegt. 
Es ist Heinrich, der älteste Sohn der Wittwe, 
einst ihr Stolz und ihre Hoffnung und jetzt 
ihr namenloser Kummer. Er sollte ihres Alters 
Stütze sein; aber auf seinem blassen Gesichte 
stand geschrieben, daß des Lebens Mühen nicht 
lange mehr auf ihm lasten würden. 
Obwohl bettelarmer Leute Kind hatte der be 
gabte Knabe seinen Weg zu machen gewußt. 
Bon unwiderstehlichem Lerntrieb beseelt, hatte 
er nicht nur alle Bücher, die in seinen Bereich 
kamen, dnrchgelesen, auch wenn er sie nicht ver 
stand; er hatte auch des Herrn Pfarrers Anf- 
merksamkeit auf sich zu lenken gewußt und der 
nahm sich seiner an und brachte Plan und 
Richtung in seine Arbeiten. Er verschaffte ihm 
Bücher und gab ihm auch dann und wann 
Privatstunden. Und Heinrich arbeitete mit einem 
Eifer und einer Ausdauer, welche das höchste 
Lob verdienten. Als er die Dorfschule verließ, 
mußte er zunächst bei einem Bauern Arbeit 
suchen; er wurde als Hütejunge verwandt und 
da bot sich ihm mancher freie Augenblick, den 
er auf das Lesen seiner geliebten Bücher ver 
wenden konnte. Und wenn er Abends nach 
Hause kam, dann schlich er wohl noch in das 
Pfarrhaus, um den Herrn Pfarrer zu bitten, 
ihn in dem neu Erlernten zu prüfen oder ihm 
auch sonstige Anleitung zu geben. 
Endlich kam der Tag der Befreiung. Der 
Pfarrer hatte Heinrichs Mutter eine Unter 
stützung aus Kirchenmitteln erwirkt, wogegen 
Heinrich den Tagelöhnerdienst aufgeben sollte. 
Wie jubelte der Knabe, wie bänglich und doch 
hoffend schlug das Herz der Mutter, als der 
Geistliche mittheilte. Heinrich solle nun alsbald 
das Gymnasium besuchen. So sonnig hatte noch 
nie das Leben vor Heinrich gelegen; welche Zu 
kunft öffnete sich dem trunkenen Auge. Und es 
dauerte nicht lange, da siedelte der Knabe, mit 
den Sparpfennigen der Mutter und den Zu 
schüssen milder Wohlthäter ausgerüstet, in das 
Städtchen, dessen Schule er besuchte. Daß er, 
der arme Bauernknabe, sofort nach Sekunda 
kam, fiel selbst den prüfenden Lehrern auf. 
Die Freude war nur allzukurz. Ein Jahr 
später war Heinrich bereits nach Prima versetzt. 
Aber zur gleichen Zeit fing er an zu kränkeln. 
Er hustete und litt an Fieber; „er ist Phthisiker', 
sagte der Arzt, „und muß sich schonen und gut 
leben." Welch' blutiger Hohn für ein armes 
Kind! Heinrich darbte und arbeitete und ward 
endlich so schwach, daß er nach Hause gehen 
mußte. Nun war er seit Monaten wieder in 
dem engen Heim und seit Wochen hatte ihn die 
wachsende Schwäche an das Bett gebannt. Da 
lag er, blaß, wenn nicht gerade ein Fieber 
schauer ihn überlief, ruhig, geduldig, ohne Klage 
laut und oft noch die arme gebrochene Mutter 
tröstend. 
Rettung war keine zu hoffen. Auf diesen 
siechen Körper hatte der Tod ein Recht, das er 
sich nicht entrinnen ließ. Und Heinrich wußte 
es. Selbst wenn es ihm nicht dann und wann 
mit dürren Worten gesagt worden wäre, hätte 
er es gewußt. Er hatte an dieser Krankheit
	        

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