Full text: Hessenland (2.1888)

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Stoff beneidet, den er aus dem Kehricht der 
Straßen schnupperte, Monate lang mich in Schnee 
und auf Steinen gebettet; verschmachtend vor 
Durst meinen Mund auf den grünlich schim 
melnden Pfuhl gelegt; das Eis des Ebro hat 
meine Weichen durchschnitten, das Meer meine 
Kleider durchnäßt, die Schakale haben sich heu 
lend nach dem ausgehungerten Leib Iber Schild 
wache auf dem Fort Santa Cruz gesehnt. Der 
Tod war mein täglicher Gast und hat rings um 
mich 7000 meiner Kameraden hinweggenominen, 
aber aus seinem Auge habe ich ein Leben ge 
sogen, das mich gelehrt hat, das Leben zu ver 
achten und den Tod zu lieben." 
Dabei litt er schwer unter der Sehnsucht nach 
der Heimath und die Sehnsucht im Herzen, die 
Thräne im Auge und eine dunkle Zukunft vor 
sich, suchte er mit Gewalt jeden Gedanken im 
Keime zu zerdrücken, welcher nach .Vaterland, 
Mutter und Liebe klang. 
Außer der erwähnten Erzählung „Aus dem 
Leben eines bösen Jungen" verdanken wir seinem 
Aufenthalt bei der Fremdenlegion noch zwei Er 
zählungen „Der Königin Gemahl" und „Maria 
bitt' für mich." Sie waren zuerst in Dingel 
stedts Zeitschrift „Salon" abgedruckt und fanden 
eine sehr günstige Beurtheilung. In den Zeit 
schriften „Morgenzeitung" und „Gutzkows 
Telegraph" wurden sie als das Beste bezeichnet, 
was seit langer Zeit auf dem deutschen Bücher 
markt erschienen. 
Koch war bei den Gefechten in Algier 
mehrfach verwundet worden und auch schwer am 
Lazarethfieber erkrankt, hatte aber, was selten 
eintrat, Heilung in einem Lazareth gefunden. 
Auch in Spanien war er gegen Ende seiner 
Dienstzeit erkrankt und im Lazareth zu Pam- 
pluna geheilt worden. Hier trat er zur katho 
lischen Kirche über. Den ihm dadurch gewor 
denen Anfeindungen trat er später durch einen 
Artikel „Eine Bekehrung" in den Mainzer „Ka 
tholische Sonntagsblätter" Nr. 28 Jahrg. 1846 
entgegen. Ueber seine nach Entlassung der 
Fremdenlegion erfolgte Rückkehr nach Kassel 
schreibt Henrion: „Es war an einem September 
abend des Jahres 1837, da schritt ein bärtiger, 
von der Sonne tief gebräunter Fremdling auf 
das Haus des Kreisraths Koch in Kassel zu. 
Mit pochendem Herzen klopfte er an. Ein gutes, 
alterndes Mütterchen öffnete ihm die Thür. In 
dem fremden, bestäubten Mann erkennt sie 
plötzlich den langvermißten Sohn und.mit dem 
Rufe „Mein Ernst!" stürzt sie ihm laut auf 
weinend in die Arme. Der Verirrte wurde mit 
aller Liebe aufgenommen. Die Versöhnung mit 
den Eltern war nach langen Jahren der erste süße 
Tropfen in dem Wermuthskelche seines Lebens." 
Da seine Bitte um Wiederaufnahme in den 
Staatsdienst vom Kurfürsten nicht gewährt 
wurde, sah er sich genöthigt, zur Bestreitung 
seines Unterhalts auf dem Büreau des Ober 
gerichtsanwalts Rösing zu arbeiten. Daneben 
begann er eine Darstellung des hessischen Privat 
rechts, auf welche er großen Fleiß verwendete, 
die aber unvollendet blieb. 
Eine Annäherung an die frühere Geliebte hat 
nicht wieder stattgefunden. Der Lebensgang 
beider hat sie auf immer getrennt. Henriette 
von Bosse vermählte sich mit einem älteren 
Ofsicier, dem braunschweigischen Obristlieutenant 
von Buttlar, welcher früher in hessischen und 
westphälischen Dienst gestanden hatte. Nach 
Mittheilung einer ihrer Anverwandten ist sie 
Verfasserin des Buchs „König Jorüme und seine 
Familie im Exil", zu welchem ihr der Aufent 
halt ihres Vaters bei dem entthronten König 
den Stoff geliefert. Da auf dem Titelblatt des 
oben erwähnten Buches „Palast und Bürger 
haus" , dessen zweiter Theil unter dem Titel 
„Eines Dichters Liebe", den Briefwechsel der 
Liebenden und Briefe der Eltern der Braut 
enthält, angegeben ist „Von der Verfasserin von 
König Jeröme und seine Familie im Exil" so 
ist aus verschiedenen Gründen nicht daran zu 
zweifeln, daß sie auch Herausgeberin dieses 
Buches ist. Der erste Theil enthält nämlich 
eine große Anzahl amtlicher, geringes Interesse 
bietender Berichte ihres Gemahls als Abge 
sandten des Herzogs Karl von Braunschweig 
an die deutschen Höfe in seinem Streite mit 
Hannover aus den Jahren 1828 und 1829, und 
im zweiten Theil spricht schon der Besitz der 
Briefe und andere Andeutungen im Buche dafür, 
daß die Herausgabe derselben durch sie geschehen 
ist. Sie hat sich damit ein großes Verdienst 
erworben, indem die Veröffentlichung der Briefe 
viel zum Verständniß des Dichters, insbesondere 
seines von Vielen, namentlich allen allzu 
prosaischen Seelen, so vielfach verkannten Prinz 
Rosa-Stramin mit beigetragen hat und außer 
dem manche dunkle Stelle im Lebensgang des 
Dichters aufzuklären geeignet war. Henriette 
von Buttlar lebt verwittwet seit 8 Jahren in 
Pisa. 
Koch verlebte zwei Jahre in Kassel sehr still 
und zurückgezogen, als ihm ein Schreiben seines 
früheren Gönners Hassenpstug, welcher im Jahre 
1839 zum Chef der Verwaltung des Groß 
herzogthums Luxemburg ernannt war, zuging, 
in welchem ihm die Stelle eines dortigen Re- 
gierungssckretars angeboten wurde. Er säumte 
nicht, die Stelle anzunehmen und vermählte sich 
im Mai des nächsten Jahres in Luxemburg mit 
einer Fräulein Möllendorf. Er führte eine sehr
        

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