Full text: Hessenland (2.1888)

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sei, beschlossen sie, die Verlobung aufzuheben. 
Die Mutter schrieb darüber an eine Freundin: 
„Wir haben diesen Schritt nur mit schwerem 
Herzen und aus der Ueberzeugung gethan, den 
jungen Mann aus der weichlich poetischen Stim- 
mung, in die ihn diese Liebe versetzte, heraus 
zureißen und sich selbst wiederzugeben. Er war 
auch offenbar durch die Liebe in eine schiefe 
Stellung mit seiner politischen Ueberzeugung ge 
rathen und hat er sich untergeordnet, um nicht 
die Aussicht zu verlieren, Henriette heimführen 
zu können." 
Henriette schrieb ihrem Geliebten noch einen 
wehmüthigen Abschicdsbrief, indem sie ihm er 
klärte, daß sie nach langem Kampfe sich mit dem 
Entschluß ihrer Eltern einverstanden erklärt habe, 
nicht, weil sie ihn nicht mehr liebe, oder an 
seiner Liebe verzweifle, sondern zu seinem Besten, 
er müsse frei sein und ohne kleinliche Rücksichten 
auf seine Versorgung; sein Geist fliege zu hoch 
für Akten und Gemüthlichkeit in einem beschei 
denen Leben, sie würde es nicht ertragen können, 
ihn an den Felsen gefesselt zu sehen, der gött 
liche Funke werde ihn Alles überwinden lassen. 
„Wenn ich Dein Vertrauen nicht als Braut er 
ringen konnte, so gelingt das vielleicht der 
Freundschaft, und diese biete ich Dir." 
Koch antwortete: 
Dein Brief ist wahrer Himmelsthau für niich 
gewesen, in Deiner ganzen Handlungsweise er 
kenne ich meine Henriette. Habe Dank, Deine 
Freundschaft nehme ich an, an ihr hoffe ich, 
Deine Liebe wieder zu entzünden. Ohne 
Dich ist für mich kein Glück in der Welt denk 
bar. Unbeschreiblich ist der Zustand, in dem ich 
in den letzten Monaten vegeurte. Ich könnte 
Dir merkwürdige Beispiele von der Kühnheit 
erzählen, mit welcher man Lügen über mich ver 
breitet. Wenn ich es unterlasse, so geschieht es, 
weil ich gelernt habe, solche Derlüumdungen zu 
würdigen und den Grundsatz befolge, mich nie, 
selbst auch meinem Vater gegenüber, zu ver 
theidigen und zu rechtfertigen. 
Ein bald darauf an Koch gerichteter Brief 
Henriettens kam mit dein Bemerk zurück „Nicht 
aufzufinden". Eine Freundin, welche sie 
um Auskunft gebeten, schrieb ihr nach einiger 
Zeit „Du weißt also noch nicht, daß er seit 14 
Tagen heimlich fortgegangen ist. Wohin er sich 
gewandt, ob zu Savigny, der ihn immer gern 
hatte, oder nach Griechenland oder Straßburg 
oder Paris, weiß man nicht. Du kannst Dir 
denken, daß über die Ursache seines schnellen 
Fortgehens allerlei Gerüchte im Umlauf sind. 
Das einzig Wahre ist wohl, daß er, mit seiner 
Stellung und mit seinem Vater zerfallen, sich 
wo anders eine Existenz gründen will." 
Durch den Verlust der Geliebten hatte Koch 
allen Halt in sich verloren. In seinen oben an 
gegebenen Mittheilungen aus seinem Leben 
schreibt er: 
„Im Anfang 1834 wurde ich auf das Ober 
gericht zurückgeschickt, um mich zur zweiten 
Staatsprüfung vorzubereiten. Mit dem Publi 
kum zerfallen, verfiel ich bald mit mir selbst 
und begann ein ungebundenes Leben, das mich 
in Schulden und Verwirrung stürzte und im 
December 1834 zu dem Entschluß brachte, das 
Vaterland heimlich und ohne bestimmte Aussicht 
zu verlassen. Ich wendete mich nach Straßburg. 
Verschiedene Pläne, hier meine Existenz zu 
gründen, mißglückten hier ebenso, wie in Paris. 
Schon nach einigen Monaten bestimmte mich 
der gänzliche Mangel an Subsistenzmitteln in die 
französische Armee einzutreten. Man sandte die 
Freiwilligen über Toulon nach Algier in die 
Fremdenlegion." 
Franz Dingelstedt schrieb bald nachher in 
Lewalds Zeitschrift, „Europa" in einem Artike 
über Kassel: 
„Einen Dichter hatte Hessen wie aus Versehen 
geboren, einen Jüngling, der die frühlingsklaren 
Blicke auch vor neun Uhr aufschlagen konnte — 
der hieß Ernst Koch und war eigentlich ein 
Jurist. Aber eben, weil ihm die Sterne am 
Himmel lieber waren, als die blanken Knöpfe 
an seiner Referendarsuniform, die grüne Wiese 
lieber, als die Decke des Sessionstisches, darum 
konnte er es in Kassel nicht aushalten und floh, 
wie ihn die Schwingen gewachsen. Hier ver 
stand man ihn nicht, man legte den kleinbürger 
lichsten Maßstab an die strebende Seele. Friede 
mit ihm auf seinem dunkeln Wege und eine 
heitere Stunde auf sein schönes Herz! Er war 
ein echter Dichter und von der ganzen hessischen 
Poetengencration bei weitem der begabteste." 
Koch theilte das traurige Schicksal der Fremden 
legion, erst in Algier und seit dem Sommer 
1835 in Spanien, wohin sie als Hülfstruppe 
der Königin Christine gegen die Karlisten ge 
sendet war. Bis zu ihrer im Jahre 1837 er 
folgten ehrenvollen Entlassung war der Bestand 
der Legion durch Kugeln, Krankheiten und 
Strapatzen von 7000 auf 318 Mann herab- 
gesunkcn. 
Der Wunsch Dingelstedts war nicht in Er 
füllung gegangen, Friede hatte Koch auf seinem 
dunkeln Wege nicht gefunden und eine heitere 
Stunde war seinem schönen Herzen nicht be 
schicken gewesen. In seiner Erzählung „Aus 
dem Leben eines bösen Jungen" schildert er 
seine Leiden: 
„Ich habe zwei Jahre in unbeschreiblichem 
Elend gelebt und den Hund um den animalischen
        

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