Full text: Hessenland (2.1888)

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KLn KrLnnerungsblatt an Krnst Koch 
zum 24. November, dem 36jährigen Todestag des Dichters. 
Von W- Logge-Luöwig. 
(Schluß.) 
Ueber die Entstehung des sonderbaren Titels 
der Dichtung „Prinz Rosa-Stramin" hat zuerst 
der Briefwechsel der Liebenden Aufschluß gebracht. 
Henriette schreibt: 
Heute. Geliebter, hast Du einen Tag länger 
auf einen Brief warten müssen, weil ich Dir 
gern beifolgendes Notizbuch schicken wollte, da 
mit Du auf Deinen Spaziergängen die poetischen 
Gedanken hineinschreibst, die sonst verloren 
gehen könnten. Es muß ja meine Aufgabe sein, 
über den frischen Lebensquell zu wachen, der 
Deinem Geist und Gemüth entströmt. Nimm 
Dir, Theuerster, den persischen Prinzen zum 
Muster, der so sorglos seinen Tschibuk in die 
Welt hinausdampft. Die Rosafarbe des Stramins 
soll Dich daran erinnern, daß auch wir in der 
Morgenröthe des Lebens und der Liebe stehen." 
Koch antwortete: 
Das wunderschöne Notizbuch ist jetzt mein 
treuer Begleiter, es steht schon der Anfang eines 
neuen Gedichtes darin, das Deinen schönen 
Namen tragen soll. Weißt Du, wie mein erstes 
Buch heißen soll? „Prinz Rosa-Stramin." 
Das Buch erregte allgemeines Aufsehen. Franz 
Dingelstedt nannte es eine schwellende Saat, aus 
der in besserem Boden die reichste Ernte er 
wachsen wäre. Schön und wahr schreibt Gustav 
Wittmer darüber: 
„Wer dies Buch liest, der lese es, wie wenn 
er auf die Jubeltöne der Lerche hörte, wenn sie 
in dem sonnigen Morgen emporsteigt, bis sie 
endlich steigend und singend dem Auge fast ent 
schwindet, dann wird er sich daran erbauen. 
Und er wundere sich nicht, wenn der Gesang, 
der in innigen Tönen Alles, was eine Menschen 
brust bewegt, ausströmt, plötzlich abbricht, die 
Lerche in jähem Falle herniederführt und wieder 
aus ihrem Neste sitzend verstummt." Die vor 
treffliche Dichtung war aber nicht im stände, 
die politischen Gegner des Dichters zu versöhnen. 
In den oben erwähnten Blättern für Geist und 
Herz erschien im Jahre 1834 Nr. 79 und 82 
eine Beurtheilung des Buchs, welche zwar den 
darin enthaltenen Gedichten volle Gerechtigkeit 
widerfahren läßt, dann aber, weil man in dem 
Buche eine Verhöhnung des Instituts der Bürger 
garde und des konstitutionellen Sinnes der 
Bürger fand, folgendes sagte: „Der Humor im 
Rosa-Stramin ist sehr untergeordneter Art und 
kann sonst überall mit Persiflage bezeichnet wer 
den, das Buch ist aus den Vigilien, dem Tage 
buch, Liedern und andern Aufsätzen zusammen 
gesetzt und einen solchen Wirrwarr nennt man 
nun Humor und die kindischen Spielereien, die 
das Buch enthält: Empfindsamkeit." In 
Nr. 85 folgte sogar eine, übrigens sehr schwache 
Parodie unter dem Titel „Prinz Schwarz- 
Stramin" von Dr. A. Krm. 
Einer derartigen engherzigen Beurtheilung 
des Humoristen möge die eines gewiß kompe 
tenten Kritikers, Karl Altmüller, gegenüber 
gestellt werden. Dieser schreibt in dem Geleits 
wort zur 3. Auflage des Prinz Rosa-Stramin: 
„Wenn sich Licbrcichthum des Herzens, Innig 
keit des Gcmüthslcbens in demselben Menschen 
zusammenfindet mit nüchterner Schärfe des Ver 
standes und der Fähigkeit, die Verhältnisse der 
Dinge zu einander deutlich zu erkennen und zu 
beurtheilen, dann entsteht jene wundersame 
Seelenverfassung, die wir die humoristische nennen. 
Die Thorheit und die Widersprüche des Lebens 
und des Weltwcsens mit klaren Augen sehen 
und dennoch das Leben und die Welt bis zu ihren 
kleinsten und dem gewöhnlichsten Auge ärmlichst 
dünkenden Erscheinungen herab mit unendlicher 
Liebe umfassen, das macht den Hunioristen 
In diesem Sinne war Ernst Koch ein ächtester 
Humorist. Sein Prinz Rosa-Stramin beweist 
es. Ja, ich stehe nicht an, diesen als eins der 
reinsten und in ihrer Art vollkommensten Er 
zeugnisse der humoristischen Literatur zu be 
zeichnen." 
Die Anfeindung der liberalen Partei und die 
durch das Aufgeben seiner Stelle in ferne Zu 
kunst gerückte Möglichkeit der Heimführung 
seiner geliebten Henriette hatten die Stimmung 
des Dichters in so hohem Grade getrübt, daß 
sie auch in seinen Briefen hervortrat und der 
liebenden Braut nicht verborgen bleiben konnte, 
ihre Bitten aber, ihr offen und vertrauend mit 
zutheilen, was so sehr auf ihn laste, blieben 
unerfüllt. 
Auch ihren Eltern konnte der so gänzlich ver 
änderte Gemüthszustand ihrer Tochter und ihre 
dadurch angegriffene Gesundheit nicht unbemerkt 
bleiben, und als sic erfuhren, daß Koch seine 
Stellung am Ministerium aufgegeben habe und 
als Referendar an das Obergericht zurückgetreten
        

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