Full text: Hessenland (2.1888)

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Gedächtnis, das — nebenbei gesagt — kein 
gewöhnliches war, doch noch besser sei, als das 
des Begleiters, glättete mit einmal seine Stirn, 
die sich in Unmuth über den Zwischenfall ge 
kräuselt hatte und, noch unter dem Eindrucke 
dieser Genugthuung, winkte er dem großen Peter, 
der während der minutenlangen Unterredung in 
seiner strammen Stellung verharrt hatte, näher 
zu treten. 
Wie der Blitz warf dieser das eine Bein zum 
Schritt vorwärts, zog das andere nach und 
kerzengerade, die Rechte an der Mütze, die Linke 
an der Hosennaht stand Peter, der große, wieder 
wie eine Bildsäule da. — 
Das hatte nur so geklappt, machte dem Fürsten 
ungemeines Vergnügen und schon, während er 
weiter frug, zog er seine Börse. 
„Heißt er Peter Stechhardt?" 
„Zu Befehl, Königliche Hoheit!" 
„Ist er der Stechhardt, welcher rechter Flügel 
mann in meinen Leibgarde-Regiment war?" 
„Zu Befehl, Königliche Hoheit!" 
„Na, dann nimm er dies und trinke Eins 
auf unser Wohl! Und nun, kehrt!" 
Mit diesen Worten reichte er dem ehemaligen 
Flügelsmann ein Zweithalerstück mit seinem 
Bildniß. 
Peter warf einen flüchtigen Blick auf das 
Geschenk, dann fuhr sein eines Bein nach hinten, 
das andere ihm nach, wie der Blitz ging es 
Kehrt und im Paradeschritt trat er ab und 
mischte sich unter die Neugierigen. 
Lächelnd kehrte sich der Kurfürst zu seinen 
Begleitern und gestikulirte eifrig; aber das 
Gerassel des fortrollenden Wagens übertönte 
seine Worte, und so bin ich nicht in der Lage, 
setzte mein sreundlicher Gewährsmann, der mir 
als Augenzeuge das kleine Vorkommniß schilderte, 
hinzu, Mittheilung über die Meinung des Fürsten 
wegen dieser Begegnung mit Peter dem Großen 
machen zu können. Er meinte jedoch, dem 
Gesichtsausdrucke der Begleiter nach zu urtheilen, 
ist es sicher eine schlagende humoristische Bemer 
kung, wie sie ihm bei besonderen Gelegenheiten 
eigen waren, über die Ueberraschung gewesen, 
welche die Bezeichnung Peter der Große bei ihm 
hervorgerufen hatte. — 
Leicht hätte sich dieser kleinen Geschichte noch 
ein hübscher poetischer Schluß andichten lassen, 
wenn wir z. B. den großen Peter das Zwei 
thalerstück mit des Fürsten Brustbildniß zu einem 
Angedenken für Kind und Kindeskinder auf 
bewahren ließen, wie jener Grenadier Napoleons 
mit den Worten der Romanze: 
„Zerbrecht mir nur die Flasche nicht! 
Mein Kaiser trank daraus!" 
Allein Peter der Große war eine zu reale 
Natur, dem überdies während seiner Militär 
dienstzeit das Dogma vom blinden Gehorsam 
in Bezug auf die Befehle der Obern zu Blut 
und Fleisch geworden war. Er freute sich an 
fangs über den Hochglanz des funkelneuen Zwei 
thalerstücks wie ein Kind; als er aber, der 
fürstlichen Karosse folgend, nicht weit von dem 
Thore, das Wirthshausschild vom „goldnen 
Fäßchen" erblickte, einer Fuhrmannskneipe, die 
da stand, wo heut zu Tage die gastlichen Räume 
des Hotels Koch, des ersten Gasthofs der Stadt, 
zur Einkehr einladen, da erinnerte er sich der 
Worte des Fürsten, Eins auf sein Wohl für 
das Zweithalerstück zu trinken und zu sich selbst 
sprechend: „Ordre parirt, Peter, der Große" 
verschwand er im Thorweg zum „goldnenFäßchen" 
und für heute von der Bildfläche der festlich 
bewegten Stadt. 
Hesfentrrire. *) 
Im Morgenlicht der Stadtthurm ragt hoch in's Aetherblau, 
Des Thürmers Sohn von oben hält trüb' die letzte Schau; 
„Ach Gott, ich soll nun ziehen hin in den blut'gen Streit — 
Doch muß ich Hersfeld lassen, bricht mir das Herz vor Leid." 
Es klingt schon aus den Gassen gedämpfter Trommelton, 
Da legt der greise Thürmer die Hand auf seinen Sohn: 
„Thu' deine Pflicht, mein Junge, des Vaterlands Gebot 
Befolgt ein braver Hesse und ging's auch in den Tod! 
*) Vorstehende Ballade beruht auf einer wahren Begeben 
heit aus dem Jahre 1815, welche Vilmar in seinem 
„Hessischen Historienbüchlein" erzählt, mit dem Hinzufüaen, 
daß ein Augenzeuge, ein späterer hessischer General, die 
selbe ihm überliefext habe, 
Des Erbfeinds Joch zu brechen, ganz Deutschland ist bereit 
Ein Hesse darf nicht nachsteh'n an Muth und Tapferkeit; 
Blick hin zur Stistsruine — sie mahnt uns lange schon — 
Was wir zu rächen haben: vergiß es nicht, mein Sohn!" 
Da reißt sich los der Jüngling, er tritt in Reih' und Glied. 
In Hellem Haus' das Kriegsvolk dort aus dem Stadtthor zieht; 
Vom Thurm winkt nach der Alte, ihm ist um's Herz gar weh; 
„Behüt' dich Gott, mein Junge, daß ich dich wiederseh'!" — 
Nun ist er fortgezogen, schon sind's zwei Wochen fast. 
Da zieht am Thurm die Klingel ein mitternächt'ger Gast, 
Der Thürmer fragt verwundert: „Wer will so spät herauf? 
Und eilt hinab die Stiegen und schließt das Psörtlein auf. 
Doch wie versteinert steht er, da er den Sohn erschaut, 
Der wirft sich an die Brust ihm und weint und schluchzet laut •
        

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