Full text: Hessenland (2.1888)

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manch altes, verrottetes Prinzip hatte fallen 
müssen, unter dem Wehen einer frischeren Strömung. 
Der Leser gewahrte bei seinen ernsten Gedanken 
gar nicht, daß die Hausthür sich öffnete, daß 
eine schlanke Gestalt im schlicht-sauberen Haus 
kleide über den Kiespfad nahte, bis sie beide 
Hände auf seine breiten Schultern legte, da ließ 
er das Blatt zu Boden gleiten, und zog den 
blonden Kopf zu sich nieder. 
„Nachrichten aus der Heimath?" fragte sie 
und schmiegte sich an seine Brust. „Heimath, 
Herz? Unsere Heimath ist doch hier. Oder wärest 
Du in den drei Jahren nicht heimisch hier geworden." 
Meine Heimath ist bei Dir, Geliebter. Ver 
zeih' es war nur so die alte süße Gewohnheit." 
Eine geraume Weile saßen sie so. Wortlos, 
in Gedanken an das Land weit im Norden. 
Da, ein helles Jauchzen. Aus dem Hause kommt 
eilfertig, strampelnd und doch nur langsam näher 
kommend, eine kleine, runde, rosige Gestalt und 
hinter ihr als wolle er das winzige Wesen 
haschen, ein schlanker Knabe. Es ist noch der 
blonde Krauskopf, die alten, übermüthigen Schel- 
menaugen Fritzens; aber seine Körperlänge hat 
ein beträchtliches zugenommen. Er besucht das 
Gymnasium der Cantons-Hauptstadt und ist in 
Sommers Scheide». 
Durch die Haide zieht der Wind, 
Raschelnd fällt das Laub hernieder 
Und der kleinen Sänger Lieder 
»Längst schon, längst verklungen sind. 
Oede ist es in dem Hain. 
Trüb und einsam ruh'n die Fluren 
Und der bunten Blätter Spuren 
Zeigen sich am wilden Wein. 
Bald entfloh des Sommers Glück — 
Wie des Lebens Morgenstunden 
Ist es uns dahin geschwunden, 
Herbstlich Leid nur blieb zurück. 
Jugend-Träume, Jugend-Glück, 
Alles ist dahin gezogen, 
Wie der Kahn auf falschen Wogen 
Kehren nimmer sie zurück. 
ßars Wevcr. 
Es fotz rin Fink im grüne« Hag. 
Es saß ein Fink im grünen Hag, 
Der hob wohl an zu singen: 
„Was wird der heiße Sommertag 
Bis zu dem Abend bringen! 
den Geheimnissen des Lateins bis zu „amo“ 
vorgedrungen und deklinirt mit rührender Aus 
dauer „asinus“ der Esel. Trotzdem giebt es für 
ihn nichts Angenehmeres, als mit dem kleinen 
Neffen Hans zu tollen, sich von dessen ungeschickten 
Patschhändchen die krausen Locken raufen zu 
lassen, oder mit dem jubelnden, kleinen Knirps 
durchs Zimmer zu tanzen. 
„Fritz, o Fritz, er wird fallen!" ruft Lotte 
ängstlich. 
Blitzschnell hob er das jauchzende, strampelnde 
Kind auf die Arme und im Sturmschritt über 
den Pfad eilend, legt er den Kleinen auf die 
Knie des Vaters. 
„Nun ist's erst das rechte Daheim!" lachte 
Paul, alle Drei mit seinen Armen umschlingend. 
„Und echte Hessen seid Ihr beiden Jungens doch, 
wenn Ihr gleich hier unter den Gletscherbergen 
aufwachst, nicht Fritz?" 
Fritz nickte, wenn es ihm auch durchaus nicht 
sehr klar wurde, was Schwager Paul eigentlich 
meinte. 
Dann schwenkte der Doktor den kleinen Sohn 
hoch über seinein Haupte und in das Krähen 
und Lachen des Kindes rief er begeistert: „Es 
lebe jung Deutschland!" 
Es war so schwül die ganze Nacht. 
Die Eulen schrie'n im Grunde, 
Sie haben lustig sich gemacht 
Ob einer Schäferstunde. 
Herr Lambrecht ist ein Ritter gut, 
Er hat viel Schlösser und Lande, 
Und doch bracht seine Liebesgluth 
Die niedre Maid in Schande. 
Wer heißt den Müllerburschen auch 
Zu wandern und zu schweifen? 
Ich könnt' von dem Hollunderstrauch 
Ein böses Lied ihin pfeifen." 
Und als im Abendsonnenschein 
Der Fink zu Nest geflogen, 
Da sah er am Hollnnderrain 
Die Zweiglein traurig gebogen. 
Ein junger Ritter aus altem Geschlecht 
Nahm gar ein schlimmes Ende, 
Der heimgekehrte Müllersknecht 
Wusch seine blnt'gen Hände. 
MS. Mcnneckc.
        

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