Full text: Hessenland (2.1888)

42 
folgte, in der Ferne zwischen den, die Landstraße 
markirenden Obstbaumreihen ein in scharfem 
Trabe daher eilendes Sechsgespann deutlich wahr 
nehmen konnte. 
In diesem Augenblicke richtete sich im Schatten 
eines der neben der Landstraße stehenden Apfel 
bäume ein Mensch auf, der sich durch sein Aeußeres 
auffällig von seiner Umgebung unterschied. Er 
war von einer riesigen Höhe, über sechs Fuß 
groß, ein Dreißiger mit dem bekannten Garde 
maaße. Er trug einen neuen blaulinnenen Kittel, 
dessen unterer Saum die Gegend der Kniee kaum 
erreichte. Die laugen Unter- und Oberschenkel 
staken in weißen, enganliegenden, wildledernen 
Hosen, die aus den blank gewichsten Schuhen heraus 
gewachsen zu sein schienen. Diese Hosen waren 
von dem Gürtel bis zu den Fersen an den aus 
wendigen Längsnähten, rechts wie links, statt 
eines Passepoils mit Reihen blanker zweipfennig 
großer Messingknöpfe, die je ungefähr einen 
halben Zoll von einander abstanden, verziert. 
Heute waren diese Knöpfe so geputzt, daß sie in 
der Sonne blitzten, als wären sie eben unter der 
Stanze des Fabrikanten hervorgekommen. Ein 
rothgeblümtes, baumwollenes Kattunhalstuch 
schlang sich unter dem weißen Hemdkragen um 
den Hals und hing in seinen beiden Zipfeln 
von dem vorn geschlungenen Knoten lang auf 
die Brust hernieder. Eine rothgestreifte Soldaten 
mütze mit kleinem Glanzlederschirm, unter der 
das blonde Haupthaar nur zweifingerbreit in 
der Gegend der Schläfe nach vorn gestrichen her 
vorsah, vollendete schließlich den Anzug. Das 
wesentlichste an der ganzen Erscheinung aber war 
der prächtige, in's röthliche spielende Schnurr 
und Backenbart, deren untere Enden zusammen 
liefen und am heutigen Morgen von ihrem Be 
sitzer zu mächtigen Spitzen zusammengezwirbelt 
waren. Diese Spitzen waren von einer Länge, 
daß man sie ohne alle Mühe unter dem Hinter 
kopfe zu Schluppen hätte binden können. Ueber 
dieser üppigen Gesichtszierde lagerte, wie eine 
überreife Riesenhimbeere, eine kolbige Nasenspitze 
und ließ mit dem thalergroßen Knpferanflug, 
der über der bärtigen Umwallung in der Gegend 
der Backenknochen sichtbar war, darauf schließen, 
daß klares Brunnenwasser keineswegs das Lieblings 
getränk des Mannes bildete. 
Dieser Mensch war eine Eschweger Straßen 
figur und gehörte jener Klasse der Bevölkerung 
an, die man in der sonnenbeschienenen Haupt 
straße der Stadt, dem sog. Stade, zu Zeiten 
lungern sieht, bis jemand erscheint, sie zu Hand 
langerdiensten zu dingen. — 
Nachdem er sich von seinem Platze erhoben 
und ebenfalls einen geschärften Blick die Krüm 
mung der Landstraße entlang geworfen hatte, 
klopfte er mit seinem Sacktuche die sorgfältig 
gewichsten Schuhe voin Staube der Landstraße 
rein, musterte mit prüfendem Blicke seinen Anzug 
vom Kopfe bis zu den Füßen, und als er 
gefunden hatte, daß alles an ihm in Ordnung 
war, nahm er eine stramme, kerzengerade Haltung 
an, die seine Gestalt noch größer erscheinen ließ. 
Inzwischen näherte sich das Sechsgespann und 
fuhr langsamer, als es die Menge erreichte, 
welche es mit lauten Vivats begrüßte. Freund 
lich dankte der hohe Herr, welcher in der Uniform 
des Leibgarde-Regiments mit zwei Militärs 
seiner nächsten Umgebung in dem offenen Wagen 
saß, nach rechts und links. Plötzlich aber stutzte 
und erbleichte er; denn der Wagen war gestellt 
worden, und, wie aus dem Boden gewachsen, 
stand neben dein Schlage jener baumlange Mensch 
mit dem langen Barte, salutirend die zwei 
ersten Finger der rechten Hand an den rothen 
Streifen der alten Soldatenmütze und die Angen 
so fest auf den Fürsten gerichtet, als wäre das 
Kommando beim Parademarsch: „Augen rechts!" 
gefallen. 
Doch nur einen einzigen Augenblick brachte 
das plötzliche Auftauchen des riesigen Gesellen 
den Fürsten außer Fassung; iin anderen frug 
er auch schon, und das gerade nicht freundlich, 
wer er sei. 
Der Angeredete streckte die Brust noch mehr, 
als er es vorhin schon gethan hatte, heraus, 
und mit einem gewissen Nachdruck, der das 
Schnarren seiner Stimme, das ihr von Natur 
eigenthümlich war, noch mehr hervorkehrte, als 
wolle er in den Ton die verwundernde Frage 
legen, kennen Königliche Hoheit mich denn nicht 
mehr, kam es ihm unter dem Schnauzbart hervor: 
„Peter, der große, Königliche Hoheit!" 
„Peter der Große?!" gegenfragte der Fürst 
und blickte zu seinen beiden Begleitern hinüber, 
als wolle er sagen, der Kerl scheint aus Haina 
entsprungen zu sein. 
Der eine der Begleiter, welcher den Menschen 
und seine Vergangenheit kannte, vermochte sich 
— den Gedankengang des hohen Herrn errathend 
— kaum eines Lächelns zu enthalten und be 
merkte: „Der lange oder große Peter — der 
Familiennamen ist mir im Augenblick nicht gegen 
wärtig — vor Jahren rechter Flügelmann des 
Leibgarderegiments. Seine Kameraden in der 
Truppe machten scherzweise aus dem großen Peter 
einen Peter, den großen, und nun scheint er 
zu glauben, Königliche Hoheit müßten ihn unter 
diesem Spitznamen eben so gut kennen, wie die 
Leute seines Korps!" 
„Mich erinnere!" sagte der Fürst, „jetzt mich 
sehr wohl auch des Namens erinnere, Peter 
Stechhardt." Die innere Genugthuung, daß sein
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.