Full text: Hessenland (2.1888)

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licher Zärtlichkeit. „Lassen Sie mich einige 
Warte sagen," wandte sich Paul nun zu dem 
Mädchen. „Ich bin mir wohl bewußt, daß Zeit 
und Ort schlecht gewühlt sind, doch die Verhält 
nisse drängen hier gebieterisch. Auch meine ich, 
Sie müßten es längst wissen, wie Sie meinem 
Herzen theuer sind. Es ist ein Nichts, was ich 
Ihnen heute bieten könnte; aber geben Sie mir 
die Hoffnung, daß Sie mein Leben theilen wollen, 
sobald es mir gelungen, eine Heimstätte zu gründen, 
und ich werde schaffen, als gelte es die Seligkeit 
zu erringen. — Dem Knaben thut eine männliche 
Hand noth, damit etwas Tüchtiges aus ihm werde, 
und Sie hören es, er wird nicht zu mir gehen 
ohne seine Lotte, wie könnten Sie da anders 
antworten als: Ja ich will Ihnen vertrauen, ich 
will Sie glücklich machen, ich will Fritz wieder 
eine Heimath geben." 
Beide Hände streckte er ihr entgegen, und sein 
Blick war so bittend, so ehrlich. — Da schob 
Fritz seinen Krauskopf dazwischen. „Thue es 
doch Lotte. Ich kann den Mann schon gut leiden. 
Wer ist er eigentlich? Ist es ein Onkel und 
sollen wir gleich mit ihm gehn, heute?" 
Das leicht bewegliche Kindcrgemüth erfaßte 
enthusiastisch die neue Situation. Vergessen das 
Leid, vergessen die bleiche stille Gestalt drüben 
in dem dunkel verhangenen Zimmer. 
Wäre es vor Wochen gewesen, jubelnd, selig 
wäre sie in seine Arme geflogen. Jetzt, sie konnte 
nicht glücklich sein. Das Leid, die Sorge, das 
Bild unsäglichen Jammers, als die Seele des ge 
liebten Todten sich losreißen mußte, und doch 
nicht konnte, von den Kinder», die so hilflos 
blieben, wenn er nun von ihnen ging. Alles 
stieg wieder vor ihrem geistigen Auge auf. 
Dennoch ging es wie ein Friedenshauch durch 
ihr banges Herz. Sie reichte ihm ihre Hand 
und leise, fast unhörbar klangen ihre Worte: 
„Ja ich will Ihnen vertrauen, ich will kommen, 
wenn Sie uns rufen." Er beugte sich herab zu 
ihr und mit feierlichem Ernst küßte er die leicht 
bebenden Lippen. „So mag Gott uns schützen," 
sagte er innig. „Ich werde meine Briefe an die 
Adresse der Tante richten, und ich hoffe sehn 
süchtig auf Nachrichten von Dir." 
Sie zuckte zusammen bei der traulichen Anrede, 
ein heißes Roth färbte ihre Wangen. Er sah 
es mit Entzücken, und als sie dann sragte: 
„Wollen wir nicht zum Vater gehen?" da legte 
er ihre Hand mit festem Druck in die seine und 
an die andere nahm er den Knaben. So traten 
sie an das Lager. Schweigend schaute Paul lange 
in das friedlich, stille Antlitz, und er gelobte 
dem todten Vater, daß er für diese beiden Menschen 
kinder sorgen und wirken wolle, so viel in eines 
Menschen Macht gelegt ist. 
Dann führte er die Schluchzenden zurück. 
Und dann galt es Abschied zu nehmen, auf lange 
Zeit. Als er reisefertig vor ihr stand, die theure 
Gestalt zum ersten Male in seine Arme schließend, 
da schwand alles Andere in Lottens Seele vor 
dem einen überwältigenden Gefühl, daß der ge 
liebte Freund sie nun verlassen wolle, da er kaum 
handelnd in ihr Leben eingegriffen. Da schlang 
sie freiwillig die weichen Arme um seinen Nacken 
und ihre Lippen ruhten einen kurzen Augenblick 
auf den seinen. Der Schließer trat eben in die 
Thür, das wenige Gepäck, welches ein Mann 
zur Stadt tragen sollte, in der Hand. Sah er 
recht? — Da aber zupfte Fritz ihn am Rocke 
und sagte wichtig, indeß er sich noch die Thränen 
abwischte: „Wir heirathen jedenfalls den neuen 
Onkel, Lotte und ich. Er will es so haben und 
dann bekomme ich doch gleich wieder einen Papa, 
und — und dann gehts fort in die Welt." — 
Der Alte fuhr sich energisch mit dem Rücken 
der Hand über die Augen. Als er aber draußen 
am Thor dem Doktor die harte Rechte zum 
Abschied hinhielt, sagte er: „Gott segne's Ihnen 
Herr! daß Sie sich um das Fräulein annehmen." 
„Was denkt Ihr? Sie nimmt sich um mich an," 
wehrte Paul, den Händedruck des schlichten Mannes 
kräftig erwidernd. „Wer weiß, was aus mir 
würde, wüßt ich nicht, daß nun bald eine Zeit 
des friedlichen Glückes für mich kommt." 
In einer kleinen Stadt des Schweizerlandes 
finden wir den Doktor wieder. Hatte das er 
hoffte Glück seinen Einzug gehalten? Oder war 
der Hoffnungsstern, der ihm an jenem Neujahrs 
morgen so verhcißungsovll aufgegangen, nach 
langer Nacht, dennoch trügerisch gewesen?" 
Das freundliche Helle Haus mit dem zierlicheu 
Vorgarten, über dessen Dachfrist iu nicht zu 
großer Ferne gewaltige Bcrgriesen emporragten, 
schien in der That ein Asyl des Friedens. Und 
friedlich schien's auch im Herzen des Doktors. 
Wenigstens war ein unverkennbarer Zug seelischen 
und körperlichen Behagens iu seinem Antlitz 
ausgeprägt. Recht stattlich sah er aus. Die 
Berglust und die zahlreichen Gänge in die vielen 
kleinen Gebirgsdörfer waren ihm gut bekommen. 
Jetzt war er völlig vertieft in die Lektüre einer 
Zeitung. Es war ein Blatt aus der fernen 
Heimath. Ein Freund sandte ihm zuweilen 
Nachrichten aus dem Hessenlande, wenngleich 
das dazumal noch eine recht kostspielige Sache 
war. Aber man hörte doch allzeit gerne, wie 
es denn nun dort ausschaute und das ließ sich 
nicht leugnen, es war doch so manches anders 
und besser geworden, im Heimathlande. So ganz 
fruchtlos war das stürmische Vorgehen der frei 
heitsdurstigen Jugend doch nicht gewesen. So
	        

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