Full text: Hessenland (2.1888)

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Wie weich doch der Mann war, und er schien so 
hart und rauh. Paul vergaß die Meldung, die 
er ihm gebracht, ganz hingegeben dem Gedanken 
an das Ende des Mannes, dessen Kind seinem 
Herzen so theuer geworden. Erst als Schritte 
seiner Thür nyhten, schrak er auf aus diesem 
Zustand dumpfen Brütens. 
Ach! Es war der neue Inspektor. Gleich 
nach seiner Ankunft hatte er alle die Gefangenen 
aufgesucht. Paul kannte ihn also. Er erhob 
sich. Was würde er hören? Mit einer steifen 
Feierlichkeit, entfaltete der Beamte ein volumi 
nöses Papier. „Ich bringe Ihnen eine angenehme 
Neujahrsbotschaft", sagte er so verbindlich, als 
dies seinem gemessenen Wesen möglich war. „Der 
Rest, der Ihnen von Rechtswegen zudiktirten 
Festungsstrafe ist Ihnen durch allerhöchsten Gnaden 
erlaß geschenkt. Sie sind von diesem Augenblick 
frei; jedoch unter dem ausdrücklichen Vorbehalt, 
daß Sie spätestens Morgen die Grenze des Landes 
überschritten haben. Auch soll es Ihnen bis auf 
Weiteres nicht verstattet sein, in dasselbe zurück 
zu kehren. 
Also des Landes verwiesen. — Es war dem 
Doktor unmöglich, Dank zu sagen für die 
Mittheilung. Freilich, der Mann da gab ihm 
die Freiheit. Es war mehr, als er noch vor 
wenig Stunden zu hoffen gewagt; aber wie man 
ihm dies köstliche Geschenk bot, das war es, was 
ihn empörte. 
„Noch heute werde ich die Stadt verlassen, 
dessen seien Sie versichert," wandte er sich zu 
deni Beamten. „Was sollte mich an dieses 
Land fesseln? Etwa die allgemeine Unzufrieden 
heit seiner Bewohner?" „Es ist durchaus nicht 
von Interesse, ob Sie gern gehen werden," 
cntgegnete mit merklicher Schärfe der Beamte, 
grüßte militärisch und ging. Diesmal wurde 
der schwere Riegel nicht vorgeschoben. 
Und nun, da man ihn allein gelassen, wurde 
er sich erst bewußt, was Alles es für ihn zu thun 
gab in der kurzen Spanne Zeit, die man ihm 
noch auf heimischem Boden vergönnte. In sein 
Heimathstädtchen, in welchem ein treuer Freund 
den Rest seiner Habe verwahrte, mußte er 
unbedingt, denn wie konnte er mittellos hinaus 
ziehen, eine Existenz zu gründen. Also so schnell 
es thunlich abreisen. Zuvor aber mußte er 
Lotte sehen. Sie, die unter der Last ihres 
schweren Verlustes wohl fast erliegen mußte. 
Durfte er auch nicht bleiben, Sie zu unter 
stützen ! — Dann stand er vor ihr, hielt die 
kalten, zitternden Finger fest in die seinen 
geschlossen, und blickte mit forschender Innigkeit 
in das schmale, bleiche Gesicht mit den thränen 
feuchten großen Augen. 
Was sie thun wolle, und was mit dem 
Bruder werden solle? Sie hatte noch nicht 
daran gedacht. Sie dachte nur, daß die Augen 
des Vaters sich für alle Zeit geschlossen, daß 
sie nun ohne Schutz, ohne Heimath, allein in 
der Welt stehe, nur den kleinen Bruder zur 
Seite. Sie fragte auch nicht, wo er denn 
herkomme? Es war ihr als müsse es so sein, 
daß er nun denke und rathen helfe, und mit dem 
unbegrenzten Vertrauen eines Kindes beantwortete 
sie all seine Fragen. 
Und dann meinte er, daß sie niit Fritz zu 
der Tante in die Residenz gehen möge. Die 
Dame war unverheirathet, eine Schwester ihrer 
Mutter. Auch daß die Geschwister nicht mittel 
los , erfuhr er. „Fritz muß doch eine gute 
Schule besuchen, wenn er älter ist, und das 
kann er in der Hauptstadt sehr gut haben," 
schloß Paul. 
Einen Expreßbrief an jene Tante veranlaßte 
er auch, damit dieselbe so bald als möglich zur 
Stütze der Nichte herbeieile. Erst nachdem all 
dies in Eile besorgt, theilte er dem staunenden 
Mädchen seine unverwartete Befreiung mit, 
und daß er heute, daß er sofort abreisen müsse. 
Seit er in's Zimmer getreten, und in so zart 
sinniger Weise zu ihr gesprochen und energisch 
gehandelt, war eine wohlthätige Ruhe über sie 
gekommen. Es war, als habe sie nun wieder 
einen Halt und Trost. Jetzt, da er von seiner 
Abreise sprach, schwand diese trostreiche Sicher 
heit, so jäh wie sie gekommen. Sie lehnte sich 
fassungslos in den Stuhl zurück und schwere 
Thränen rollten über ihre Wangen. 
Da kam Fritz herein, schluchzend hing er sich 
an den Hals der Schwester, leidenschaftlich, wie 
dies seine Natur war. „Ach Lotte, der gute 
Papa. Er soll wieder aufstehen! Ich will ihn 
auch ganz gewiß nie mehr ärgern, wenn er nur 
wieder die Augen aufmachen wollte, und wenn 
er nur wieder sprechen wollte!" 
Beruhigend strich sie über das an ihrer 
Brust ruhende Haupt des Knaben. „Wir haben 
nun Niemand mehr, nicht Vater, nicht Mutter. 
Aber mich hast Du noch. Ich bleibe bei Dir, 
ich sorge für Dich. Gott wird uns ja nicht 
verlassen!" » 
Da legte sich eine feste Hand, auf das schmerz 
bebende, kleine Haupt und als er aufblickte und 
auch das Mädchen den Blick erhob, da stand 
der Doktor dicht vor ihnen. „Möchtest Du 
später zu mir kommen, kleiner Mann?" fragte 
er weich und streckte ihm seine Rechte entgegen. 
Fast trotzig schüttelte der Knabe das Haupt. 
„Nein, nein! Nur wo Lotte hingeht, da will 
ich auch hingehen." Und wieder umschlangen 
die kleinen Arme die Schwester mit leidenschaft
	        

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