Full text: Hessenland (2.1888)

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„Noch sind nicht zwei Jahrzehnte über Kochs 
Grab dahingegangen und es will einem schier 
bedünken, als ob es Jahrhunderte gewesen: So 
rasch hat der Hauch der Zeiten den Namen des 
Dichters verweht. Prinz Rosa Stramin ist für 
die jüngere Generation eine fast neue literarische Er 
scheinung. Eduard Helmer, der Verfasser desselben, 
kennt die überwiegende Mehrheit des jüngsten 
Nachwuchses nicht einmal mehr dem wirklichen 
Namen nach, und doch ist Ernst Koch ein Mensch 
von reichen Geistes- und Herzensgaben, ein Poet 
von rechten Gottes Gnaden gewesen." 
Großes Verdienst hat sich Karl Altmüller da 
durch erworben, daß er, wie es namentlich durch 
seine vortreffliche Vorrede zu der im Jahre 1873 
bei G. Wigand dahier erschienenen und von ihm 
herausgegebenen dritten Auflage des „Prinz Rosa 
Stramin" geschehen ist, vieles zur richtigen Be 
urteilung des Dichters beigetragen und wieder 
holt das Andenken an ihn erneuert hat. 
Das Streben Altmüllers hatte den Erfolg, daß 
auch außerhalb Hessen größere Aufmerksamkeit 
dem Dichter gezollt wnrde. Fr. Biedermann be 
zeichnete ihn in den Blättern für literarische 
Unterhaltung als einen genialen und originellen, 
seither noch viel zu wenig gewürdigten Humoristen 
und beklagt dabei, daß noch manche dunkle Stelle 
im Leben des Dichters der Aufklärung bedürfe. 
Diesem Mangel ist dann im Jahre 1871 durch 
Veröffentlichung einer großen Anzahl der zwischen 
dem Dichter und seiner Braut Henriette v. B. 
gewechselten Briefe in der unter dem Namen 
Ernestine v. L. von kundigster Hand herausge 
gebenen Erzählung „Palast und Bürgerhaus" 
wesentlich abgeholfen worden. 
Seitdem sind wiederum fast zweiJahrzehnte dahin 
gegangen. Die Abhandlung Henrions ist ebenso 
wie das Buch der Ernestine v. L. in dem Vater 
lande des Dichters fast gänzlich unbekannt ge 
blieben, und die obige Klage Henrions noch all 
zu sehr begründet. 
In welchem Maße dies der Fall ist, erfuhr ich 
noch vor kurzer Zeit, als mir ein hochbejahrter 
sehr gelehrter Herr mittheilte, daß er zufällig 
von der Schrift Henrions Kenntniß erhalten habe 
und dadurch veranlaßt worden sei, sich mit des 
Dichters Werken bekannt zu machen. 
Da ist es wohl auch Ausgabe unserer, der 
hessischen Literatur gewidmeten Zeitschrift, das 
Andenken an unseren vaterländischen Dichter und 
bedeutendsten Humoristen an dessen dreißigjährigem 
Todestag durch kurze Mittheilung seines so viel 
bewegten Lebensganges niit Erwähnung seiner 
bedeutendsten Dichtungen zu erneuern. 
Ueber seine Jugendjahre theilt uns der Dichter 
selbst in dem von einem seiner Freunde herausge 
gebenen, bei Bück in Luxemburg 1859 erschienenen 
Band seiner Gedichte folgendes mit: 
„Ich wurde am 3. Januar 1808 zu Singlis 
in Niederhessen geboren. Mein Vater, der 1847 
als pensionirter Regierungsrath in Marburg ge 
storben, wnrde 1816 fürstlich Rotenburgischer Be 
amter in Witzenhausen. 
Hier wuchs ich auf und erhielt in der Stadt 
schule den Elementarunterricht und die ersten 
humanistischen Kenntnisse. Die wundervolle, lieb 
liche Natur des Werrathales und die Lektüre der 
Schiller'schen, Körner'schen und Matthison'schen 
Lyrik übten ihren Einfluß auf den lebhaften 
Knaben. 1821, als mein Vater als Kreisrath 
nach Kassel berufen wurde, trat ich dort in die 
dritte Klasse des Lyceums ein. Hier entwickelten 
und erweiterten bald der höhere Unterricht, der 
Besuch des Theaters und das Residenzleben die 
poetischen Anlagen des Lyceisten. Hier dichtete 
ich schon in Tertia, lieferte in Sekunda himmel 
stürmende Aufsätze, bei denen den würdigen Lehrern 
der Maßstab der schulmeistrigen Prosa versagte, 
und durchschwärmte in Prima alle Freuden und 
Leiden einer poetischen Gymnasiastcnliebe. 
Siebzehn Jahre alt, 1825, bezog ich die Uni 
versitäten Marburg, dann Göttingen und wieder 
Marburg, wo ich 1829 als ckootor zuris absol- 
virte. (Meine Inauguraldissertation: cke zur« 
«zn8, gui speciern ex alinea materia fecit, 
findet sich in den Pandektenkompendien citirt.) 
1830 brachte ich den Sommer in Berlin zu, um 
mich dort als Privatdocent zu habilitiren. In 
dessen riefen mich die damaligen Ereignisse nach 
Kassel zurück, und ich trat in den Staatsdienst 
als Obergerichts - Referendar eiu. 
Hier schossen die „Vigilien" unter Bescheids 
entwürfen und gelehrten Appellationsrelationen 
auf und wandten mir, als ein Zufall den Ver 
fasser verrieth, die Gnade und Liebe des aufge 
regten Publikums zu." 
Karl Altmüller schreibt über diese poetischen 
Erzeugnisse, welche unter dem Namen des Candi- 
daten Leonhard Emil Huber in der Beilage der 
Zeitschrift „Der Verfassungsfreund" erschienen: 
„Hoch und Nieder wetteiferten in Huldigungen 
gegen den poetischen Vigilanten. Der arme 
Rechtskandidat wußte gar nicht, wie ihm geschah, 
als er aus seinem Mansardenkäfig. in dem er, 
ein friedlicher Stubensünger, den Himmel nahe 
gesehen hatte, auf den Markt der Oeffentlichkeit 
gezogen und in den Tageslöwen verwandelt wurde." 
Außer diesen Vigilien, welche er nachher mit 
wesentlichen Verbesserungen in seinen Prinz-Rosa- 
Stramin aufnahm, erschienen von ihm noch im 
Verfassungsfreund vigilienartige Aufsätze und in 
diesem Blatt, sowie in den von S. Hahndvrf
	        

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